Fehler gefunden?
Jetzt meldenFehler gefunden?
Jetzt meldenSchon vier Tage vor dem Urnengang meldet Zürich einen Rekord-Rücklauf – schweizweit zeichnet sich eine Beteiligung von bis zu 55 Prozent ab. Vom Endspurt der grossen Städte dürfte laut Kampagnenexperte Marco Kistler eher das Nein-Lager profitieren.
Die Schweiz liebt die briefliche Stimmabgabe. Was Ende der 1970er-Jahre schrittweise begann, wurde zum Erfolgsmodell: Nach den Pionierkantonen Baselland, St. Gallen und Appenzell Innerrhoden zog ein Kanton nach dem anderen nach – als letzter vor elf Jahren das Tessin.
Was dabei kaum jemand nutzt: das statistische Potenzial der eintreffenden Couverts. Wann werfen die Stimmberechtigten ihre Zettel ein? Und wie stark mobilisiert eine Vorlage wirklich? Solche Fragen bleiben meist unbeantwortet, denn nur wenige Städte, Gemeinden und Kantone publizieren laufend, wie viele Stimmcouverts bereits eingegangen sind.
Genau diese Angaben sammelt die Kommunikationsagentur Digital/Organizing seit Monaten und füttert damit Rechenmodelle.
Der Hintergrund ist handfest: Wer während einer Kampagne weiss, wo es noch Mobilisierungspotenzial gibt, kann den Abstimmungskampf gezielter führen. Die Agentur engagiert sich derzeit gegen die SVP-Initiative, die einen Deckel bei der ständigen Wohnbevölkerung verlangt.

Am Sonntag wird es in den grossen Städten wie Bern und Zürich vermutlich wieder grosse Schlangen vor den Urnen geben.
KEYSTONE
Hinter der Agentur steht unter anderem Kampagnenexperte Marco Kistler. Mit seinem Team wertet er systematisch die Websites von Städten und Kantonen aus, wo Daten zur Stimmbeteiligung zur Verfügung gestellt werden. Sein Befund: «Wir gehen davon aus, dass es eine hohe Stimmbeteiligung geben wird.»
Konkrete Zahlen nennt er ungern – zu wenige Gemeinden erheben die Daten, die Liste sei darum nicht repräsentativ. Auf Nachfrage wagt er dennoch eine vorsichtige Schätzung: «Die Daten deuten darauf hin, dass eine Stimmbeteiligung von 54 bis 55 Prozent möglich ist.» Über ältere Daten zuerst berichtet hatten Medien von Tamedia.
Die Rohdaten der Agentur, die dieser Redaktion vorliegen, stützen das Bild. In der Stadt Zürich hatten vier Tage vor dem Termin bereits 47,3 Prozent der Stimmberechtigten brieflich abgestimmt – so viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt, seit die Agentur misst. Üblich wären rund 41 Prozent.
Auffällig ist der Verlauf: Zu Beginn lagen vor allem kleinere Gemeinden wie Davos GR oder Konolfingen BE über ihrem üblichen Niveau, die grossen Städte starteten verhalten. In der Schlussphase hat das Bild laut Kistler gedreht: Jetzt mobilisieren die Städte am stärksten. Zürich, Basel und Genf haben mit hohen Tageseingängen aufgeholt und ihre historischen Werte teils übertroffen.
Träfe die Schätzung ein, wäre das bemerkenswert, aber kein Rekord. Im Schnitt gehen seit 2000 rund 45 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne.
Deutlich darüber lag die Beteiligung etwa 2014 bei der Masseneinwanderungsinitiative (56,6 Prozent), 2016 bei der Durchsetzungsinitiative (63,7 Prozent) und 2021 beim Covid-19-Gesetz (65,7 Prozent).
Unerreicht bleibt ohnehin die EWR-Abstimmung vom Dezember 1992: Damals strömten 78,7 Prozent an die Urne, um über den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum abzustimmen – der höchste Wert seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Davon ist der kommende Sonntag weit entfernt.
Wer bei der aktuellen Abstimmung von der hohen Stimmbeteiligung profitiert, ist offen. Kistler vermutet: «Bestätigt sich dieser Trend, dann dürfte von der stärkeren Mobilisierung in linken Städten eher das Nein-Lager profitieren.»
Entschieden ist die Abstimmung erst am Sonntag, wenn es Mittag schlägt. Wer noch nicht brieflich abgestimmt hat, muss persönlich an die Urne – die Angaben dazu stehen auf dem Abstimmungscouvert. Schweizweiter Urnenschluss ist um 12 Uhr, in einigen Gemeinden früher.