Tierspital: «Die Bestände reichen nicht mehr lange»

Jennifer Furer

25.3.2020 - 15:18

Am Universitären Tierspital Zürich werden die Lagerbestände immer knapper.
Keystone

Ausnahmezustand in Spitälern: Das Schweizer Gesundheitssystem kämpft mit Bestandsengpässen. Besonders betroffen sind Tierspitäler und -kliniken. Denn diese stehen nicht zuoberst auf der Prioritätenliste.

Wirtschaftsminister Guy Parmelin gelingt ein Durchbruch: Die Meldung, welche uns am Freitag erreicht hat, liess aufhorchen. Der Bundesrat hat es geschafft, dass die EU ihre Mitgliedsstaaten darauf hingewiesen hat, Exporte von Schutzmaterial in die Schweiz und andere Efta-Staaten nicht mehr zu blockieren.

Der Silberstreifen am Horizont ist zwar zu sehen, doch für manche Gesundheitseinrichtungen in weiter Ferne. Das betrifft vor allem Privatkliniken sowie Tierkliniken und -spitäler.

«Zurzeit müssen die Spitäler priorisiert werden, da es gilt, deren Betrieb unbedingt aufrechtzuerhalten», sagte etwa Kantonsapotheker Urs Künzle aus St. Gallen zu «Bluewin».

Hart umkämpfter Markt

Doch nicht einmal für diese gibt der Markt derzeit genügend Schutzmaterialien wie etwa Desinfektionshandschuhe und andere OP-Schutzausrüstung her. Denn weltweit stellen die Materialien ein rares Gut dar, und viele Länder bemühen sich darum, eine Lieferung zu erhalten.

«Die jetzige Situation ist alles andere als komfortabel. Der Bund unternimmt alles, um weitere Schutzausrüstung zu beschaffen und zu verteilen», sagt Künzle.



Die Zeit drängt. Während Schweizer Privatkliniken wegen des Operationsstopps derzeit kaum Einnahmen generieren und Kurzarbeit in Betracht ziehen müssen, kämpfen Tierkliniken und -spitäler mit allen Mittel gegen eine Schliessung.

Keine Unterstützung vom Bund

Kurt Bodenmüller, Sprecher des Universitären Tierspital Zürich, sagt: «Die Bestände sind sehr knapp und reichen nicht mehr lange. Es ist derzeit extrem schwierig, Nachschub zu erhalten.»

Knapp seien derzeit Gesichtsmasken, sterile Handschuhe und gewisse Desinfektionsmittel. Die Aufrechterhaltung des Betriebs hängt stark von der Anzahl Notfälle ab, die ins Tierspital kommen. «Im Moment erhält das Tierspital noch keine Unterstützung vom Bund.»

Im Zürcher Tierspital werden nebst Kleintieren, auch Nutztiere und Pferde behandelt.
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Das Tierspital arbeite derzeit sieben Tage 24 Stunden im Notfallbetrieb. «Behandelt werden nur dringliche Erkrankungen», so Bodenmüller.

Bei der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, die Pferde-, eine Nutztier- und eine Kleintierklinik betreibt, sieht die Lage ähnlich aus. «Die Kliniken haben ihren regulären Betrieb signifikant zurückgefahren», sagt Sprecher Ivo Schmucki.

Vor allem nicht verschiebbare Behandlungen und Operationen würden aber weiterhin durchgeführt. «Die Notfallversorgung sowie die Hilfestellung für die Tierärzteschaft wird natürlich gewährleistet.»

Zwei Probleme: Material und Personal

Durch den zurückgefahrenen Betrieb sei auch die Menge an notwendiger Schutzausrüstung verkleinert worden. «Dadurch sollten wir in den nächsten Wochen genügend Schutzausrüstung zur Verfügung haben.»

Hansjakob Leuenberger, Tierarzt und Chef Tierklinik24 im aargauischen Staffelbach, sagt, dass auch bei ihnen nur notfallmässige Operationen möglich seien. «Wir versuchen uns über Wasser zu halten. Aus eigener Kraft schaffen wir das noch einen Monat.»

Die Situation sei in zweierlei Hinsicht nicht einfach, so Leuenberger. Zum einen werde derzeit nur etwa die Hälfte der bestellten Waren und Medikamente von privaten Händlern geliefert. «Die Situation mit den Lieferungen wird immer schlechter», so Leuenberger.

Zwei Mitarbeiter in Quarantäne

Die Verzögerung nehme immer weiter zu. «Eine Beruhigung ist derzeit nicht in Sicht», sagt Leuenberger. Verbessere sich die Lage in einem Monat noch nicht, werde die Aufrechterhaltung des Betriebs schwierig. Denn dann würden auch gewisse Medikamente – besonders jene zur Behandlung von Grosstieren –, fehlen.

Erschwerend hinzu käme, dass die Zeit der Kalbsgeburten bevorstehe. «Im Moment mögen wir das glücklicherweise noch händeln», so Leuenberger. Was ihm mehr Sorgen bereite, seien Ausfälle bei den technischen Geräten.

Herausforderung für Tierkliniken: Die Zeit der Kalbsgeburten steht bevor.
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«Heute Morgen ist ein Ultraschallgerät kaputtgegangen», so Leuenberger. Dieses zu flicken oder ein neues aus dem Ausland sei derzeit praktisch nicht möglich. «Zum Glück haben wir noch drei. Aber für die Zukunft wissen wir, dass wir uns breiter aufstellen müssen.»

Das andere Problem, welches sich der Tierklinik derzeit stellt, sind die knappen Personalressourcen. «Zwei Mitarbeiterinnen befinden sich in Quarantäne», so Leuenberger.

Zudem müsse die Klinik zwei Teams bilden, die physisch nicht in Kontakt kämen. «Im Falle einer Ansteckung kann der Betrieb so aufrechterhalten werden», sagt Leuenberger.

Der Tierarzt möchte nicht nur die schlechten Seiten der derzeitigen Situation betonen, sondern auch positive Erlebnisse ansprechen. «Die Stimmung im Team ist trotz der schwierigen Situation und den harten sowie langen Arbeitstagen super.»

Auch die Besitzer der Tiere würden sich mit der Situation gut abfinden. «Es haben alle verstanden, dass sie derzeit nicht mit ihren Tieren in die Praxis mitkommen dürfen. Bisher hatten wir keine Probleme.»

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