Trumps Tirade gegen die Schweiz in voller Länge
Donald Trump nutzte seine WEF-Rede für einen Rundumschlag gegen die Schweiz – gestützt auf falsche Zahlen und fragwürdige Annahmen. Statt nüchterner Wirtschaftsanalyse dominierte persönliche Kränkung.
22.01.2026
Donald Trump nutzte seine WEF-Rede für einen Rundumschlag gegen die Schweiz – gestützt auf falsche Zahlen und fragwürdige Annahmen. Statt nüchterner Wirtschaftsanalyse dominierte persönliche Kränkung.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Donald Trump nutzte seine Rede am WEF, um in typischer «Weave»-Manier gegen die Schweiz zu polemisieren und behauptete fälschlicherweise, die USA hätten vor ihm keine Zölle auf Schweizer Produkte erhoben.
- Er konstruierte ein angebliches Handelsdefizit von 41 Milliarden Dollar, liess dabei jedoch den Dienstleistungshandel ausser Acht und stellte die wirtschaftliche Bedeutung der Schweiz ohne die USA infrage.
- Tatsächlich erhob die US-Zollbehörde bereits zuvor Abgaben auf Schweizer Uhren, und die Schweiz handelt insgesamt deutlich mehr mit der EU als mit den Vereinigten Staaten.
- Trumps Ausführungen zeigten weniger ökonomische Analyse als persönliche Kränkung über Widerspruch aus Bern.
Falls man die Rede des US-Präsidenten am WEF zusammenfassen müsste, würden Rhetorikexpert*innen vor allem ein Wort verwenden: «The Weave». So nennt es der 79-jährige Donald Trump, wenn er auf der Bühne vom Redemanuskript abweicht und in ein inkohärentes Durcheinander mehrerer Themen verfällt.
Etabliert hatte Trump diesen Begriff selbst im Jahr 2024, als der Öffentlichkeit zunehmend die mäandrierenden Reden des US-Präsidenten auffielen. Der Begriff «mäandrierend» stammt vom Fliessverhalten von Flüssen und Bächen: Sie winden sich kurvenreich durch Gebiete und können dabei ganze Landschaften verändern.
Trump sagte damals, teilweise übersetzt: «Ich mache the Weave. Wissen Sie, was the Weave ist? Ich spreche über etwa neun verschiedene Dinge, die alle auf brillante Weise zusammenkommen. Und Freunde von mir, die Englischprofessoren sind, sagen dann: ‹Das ist das Brillanteste, was ich je gesehen habe›.»
Das Problem aus Sicht von Fremdsprachigen: Wird eine solche Rede in eine andere Sprache als die von Trump übersetzt, wirkt das Gestammel noch absurder. Deutlich wird das etwa beim Abschnitt von Trumps Rede, der sich der Schweiz widmete.
blue News hat diese fünf Minuten aus der Abschrift des Weltwirtschaftsforums möglichst wortgetreu ins Deutsche übersetzt. Und gibt dazu Hintergrund-Informationen.
Trump über den Zoll auf Schweizer Uhren
Wissen Sie, die Senkung der Zinsen – wir sollten einen viel tieferen Zinssatz zahlen, als wir es tun. Sollten wir. Wir sollten den tiefsten Zinssatz von allen Ländern der Welt zahlen, denn ohne die Vereinigten Staaten gibt es kein Land. Ich meine, ich hatte einen Fall mit der Schweiz. Wir sind zufälligerweise in der Schweiz.
Vielleicht erzähle ich Ihnen kurz eine Geschichte … aber die zahlten gar nichts. Sie machen schöne Uhren, grossartige Uhren, Rolex, alle anderen. Sie zahlten den Vereinigten Staaten nichts, wenn sie ihr Produkt lieferten. Und wir hatten ein 41-Milliarden-Dollar-Defizit, 41 Milliarden mit diesem schönen Ort – ich bin drübergeflogen, ist das nicht schön?
Trump behauptete also, dass die USA vor ihm keine Steuern und keine Zölle erhoben hätten, wenn Schweizer Uhren importiert wurden. Inhaltlich war das jedoch falsch. Der US-Staat verlangte zwar keine pauschalen Zölle auf Luxusuhren aus der Eidgenossenschaft. Das damals geltende Gesetz sah aber sehr wohl Abgaben bei der Einfuhr vor, wie ein Schriftverkehr zwischen einem Importeur und dem US-Zoll aus dem Jahr 2015 belegt.
Der Importeur wollte wissen, mit welchen Abgaben er rechnen müsse, wenn er eine Richard-Mille-Uhr des Modells RM011 AH RG/811 importiere. Die Antwort der US-Zollbehörde: Für das Uhrwerk werden pauschal 1,53 US-Dollar fällig – ein symbolischer Beitrag, unabhängig davon, ob die Uhr 50 oder 250'000 Franken kostet. Für das Gehäuse werde jedoch ein Zollsatz von 4,2 Prozent erhoben, für das Armband zwischen 2 und 9,8 Prozent. Entschieden hat dies nicht die Schweiz, sondern die US-Politik, weil es seit der Quarzkrise der 1970er-Jahre kaum noch grosse US-amerikanische Uhrenfirmen gibt, die mit einer Zollpolitik beschützt werden müssten.
Hinzu kommt: Trump blendete beim behaupteten 41-Milliarden-Defizit aus, dass es auch den Dienstleistungshandel gibt. Er berücksichtigte ausschliesslich Waren. Die Schweiz importierte jedoch 2024 rund 49 Milliarden US-Dollar im Dienstleistungshandel – darunter auch das milliardenschwere Geschäft mit geistigem Eigentum wie Software.
Trump über die erfolgreiche Schweiz
Also sagte ich: «Lasst uns einen Zoll von 30% auf sie legen, damit wir etwas davon zurückbekommen.» Nicht alles, überhaupt nicht. Wir haben immer noch ein Defizit, ein grosses Defizit. Wir haben 40, 41 Millionen. Das ist ein grosses Defizit. Und ich sagte: «Lasst uns einen Zoll drauflegen.» Unterschiedliche Zölle, unterschiedliche Orte, Sie sind alle daran beteiligt, in manchen Fällen Opfer davon. Aber am Ende ist es eine faire Sache, und die meisten von Ihnen sehen das ein. Aber wir haben einen Zoll von 30 Prozent auf die Schweiz gelegt, und dann brach die Hölle los.
Sie haben angerufen, ich meine, wie Sie es nicht glauben würden. Und ich kenne so viele Leute aus der Schweiz – ein unglaublicher Ort, unglaublicher, brillanter Ort. Aber mir war nicht klar, dass sie nur wegen uns gut sind. Und es gibt so viele andere Beispiele, ich meine wir, wahrscheinlich auch andere Orte, aber der grösste Teil des Geldes, das sie verdienen, ist wegen uns, weil wir ihnen nie irgendetwas verrechnet haben.
Hier folgt der unsinnigste Angriff: Trump unterstellte, die Schweiz wäre ohne die Vereinigten Staaten nicht erfolgreich. Zwar exportiert die Schweiz viel in die USA, doch insgesamt ist der US-Markt für sie zweitrangig: Die Eidgenossenschaft exportiert und importiert deutlich mehr in den EU-Raum als in die USA.
Selbst von den US-Exporten in die Schweiz profitierte der Schweizer Staat kaum. Zudem schaffte die Schweiz 2024 einseitig alle Industriezölle ab, um Wirtschaft und Konsument*innen zu entlasten.
Hinzu kommt eine oft übersehene Tatsache: Die Schweiz war in vielen Bereichen sehr erfolgreich beim Entwickeln von Innovationen, während die USA beim wirtschaftlichen Verwerten erfolgreicher waren. Beispiel Internet: Der britische Physiker Tim Berners-Lee erfand das World Wide Web in Genf, um Forschenden weltweit den Austausch von Daten zu erleichtern. Er gab die Erfindung patentfrei weiter – was die digitale Explosion ermöglichte und US-Konzernen wie Google, Amazon oder Facebook Billionengewinne einbrachte. Die Schweiz beziehungsweise das CERN legten den Grundstein, ohne je eine Gegenleistung zu verlangen.
Ähnlich beim Computer: Logitech war ursprünglich ein Schweizer Unternehmen und entwickelte die Computermaus. Sie machte Computerbedienung intuitiv und legte damit einen Grundstein für den Erfolg von Microsoft und Apple. Auch Apples Sprachassistent Siri hat seinen Ursprung in der Schweiz: Didier Guzzoni entwickelte die Mensch-Maschine-Schnittstelle, veröffentlichte sie im Februar 2010 im App Store und verkaufte die Technologie zwei Monate später an Apple. Später wurde sie von Google und Microsoft adaptiert und ist heute Bestandteil von ChatGPT und ähnlichen Systemen.
Trump über Bundesrätin Karin Keller-Sutter
Dann hat, glaube ich, die Premierministerin – ich glaube nicht der Präsident, ich glaube Premierministerin – angerufen. Eine Frau, und sie war sehr repetitiv. Sie sagte: «Nein, nein, nein, das können Sie nicht machen. 30 Prozent, das können Sie nicht machen. Wir sind ein kleines, kleines Land.» Ich sagte: «Ja, aber Sie haben ein grosses, grosses Defizit. Sie mögen klein sein, aber Sie haben ein grösseres Defizit als grosse Länder.»
Sie sagten: «Nein, nein, nein, bitte. Sie können es nicht machen.» Sie sagte immer wieder dasselbe, «Wir sind ein kleines Land.»
Ich sagte: «Aber Sie sind ein grosses Land in Bezug auf …» Und sie hat mich, ehrlich gesagt, auf die falsche Art erwischt. Und ich sagte: «Also gut, danke, Madam, ich schätze es. Machen Sie das nicht. Vielen Dank, Madam.»
Wie genau dieses Telefongespräch ablief, ist nicht belegt. Trump erinnerte sich immerhin daran, dass Karin Keller-Sutter eine Frau war und für ihn so etwas wie eine Premierministerin darstellte. Ihm kann dabei zugutegehalten werden, dass die Schweiz eine ungewöhnliche Regierungsform hat: Formal gilt der Gesamtbundesrat als kollektives Staatsoberhaupt, während die Bundespräsidentin – wie Keller-Sutter im vergangenen Jahr – lediglich eine repräsentative Rolle innehat.
Ihr Sprecher Pascal Hollenstein erklärte gegenüber dem «Blick» kurz: «Wir gehen davon aus, dass die Bevölkerung in der Schweiz das einzuordnen weiss.»
Trump über die Länder, auf die er sich eingeschossen hat
Und ich habe es auf 39 Prozent gemacht, und dann ist die Hölle wirklich losgebrochen. Und ich bekam Besuche von allen. Rolex kam zu mir, sie alle kamen zu mir. Aber ich habe realisiert, und ich habe es reduziert, weil ich den Leuten nicht schaden will. Ich will ihnen nicht schaden. Und wir haben es runtergebracht auf, wissen Sie, ein tieferes Niveau. Heisst nicht, dass es nicht wieder hochgeht, aber wir haben es auf ein tieferes Niveau runtergebracht, aber sie zahlen jetzt, Zölle.
Aber, aber … ich habe realisiert, dass wir viele Orte wie diesen haben, wo sie ein Vermögen machen wegen der Vereinigten Staaten. Ohne die Vereinigten Staaten würden sie gar nichts verdienen. Denken Sie daran. Die Schweiz hat 41 Milliarden Dollar an uns gemacht. Und wie sie sagte: Es ist ein kleiner Ort.
Und ich habe damit realisiert, ich weiss nicht, ich war so … weil sie so aggressiv war. Und ich habe in diesem Gespräch realisiert, dass die Vereinigten Staaten die ganze Welt über Wasser halten. Viele Orte … ich könnte Ihnen sechs, sieben Orte nennen, nur bei den Leuten in dieser kleinen Gegend, ich kenne jeden einzelnen von ihnen, sie sind irgendwie … sie schauen runter, sie wollen mich nicht sehen, und sie wollen mir nicht in die Augen schauen. Aber sie nutzen das aus, jeder hat die Vereinigten Staaten ausgenutzt.
An diesem Punkt – und in den folgenden Absätzen – zeigt sich, dass Trump sich aufgrund seiner fehlerhaften Handelsbilanzberechnung gegen die Schweiz und andere Länder eingeschossen hatte. Er nimmt Widerspruch persönlich und präsentiert sich als Patron alter Schule, dem nicht widersprochen werden darf.
Problematisch fand das nicht nur der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis: «Es war inakzeptabel, so behandelt zu werden.» Damit dürfte er auch anderen Ländern aus der Seele gesprochen haben, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eigene Soldaten in den Nahen Osten entsandten. Grundlage war der Nato-Artikel 5, wonach ein Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle gilt.
Die Folge: Verbündete beteiligten sich Schulter an Schulter an den Kriegen in Afghanistan und im Irak. Länder wie das Vereinigte Königreich, Kanada, Deutschland, Frankreich, Italien, Dänemark oder die Niederlande verloren dabei Hunderte Bürgerinnen und Bürger. Für Trump spielte das keine Rolle: «Wir haben nichts von der Nato erhalten.» Diese Haltung wiederholte er nach seiner Tirade gegen die Schweiz.
Aber ich bin sehr fair gewesen, und ich habe ihnen einen Zoll gegeben, und es war gut. Aber ich habe realisiert, dass es ohne uns nicht mehr die Schweiz ist. Ohne uns. Es ist keines der Länder, die hier vertreten sind. Und wir wollen mit den Ländern arbeiten. Wir wollen mit ihnen arbeiten. Wir sind nicht darauf aus, sie zu zerstören. Ich hätte 39–40 Prozent sagen können, ich hätte sagen können: «Ich will einen Zoll von 70 Prozent», dann würden wir mit der Schweiz Geld machen. Aber die Schweiz wäre wahrscheinlich zerstört worden, finanziell zerstört. Das will ich nicht machen.
Aber wir sollten den tiefsten Zinssatz von allen zahlen. Ich hoffe, Scott hört das, weil wir den tiefsten Zinssatz von allen zahlen sollten. Ohne uns, ohne uns funktionieren die meisten Länder nicht einmal. Und dann haben Sie den Schutzfaktor. Ohne unser Militär, das mit Abstand das grösste der Welt ist, ohne unser Militär haben Sie Bedrohungen, die Sie nie, Sie würden es nicht glauben. Sie hätten diese Bedrohungen nicht wegen uns, und das ist wegen der NATO.