«Unklar, wann aufgeschobene Operationen nachgeholt werden»

Anna Kappeler, Julia Käser, Jennifer Furer

20.3.2020 - 17:57

Um Ressourcen zu schonen, werden momentan nicht dringende notwendige Eingriffe und Untersuchungen verschoben. 
Bild: Keystone

Spitäler laufen am Limit: Weil Personal und Infrastruktur begrenzt sind, werden nicht dringende Operationen nicht mehr durchgeführt. Auch das für den OP benötigte Material wird knapper. Betroffene erzählen.

Die Ansage des Bundesrats am Montag war eindeutig: Keine Operationen mehr, die geschoben werden können. Die Idee dahinter: Keine Ressourcen verbrauchen, die vielleicht nötig werden, um Coronavirus-Patienten zu behandeln. Mit Ressourcen ist neben der Infrastruktur auch das Personal gemeint, aber auch Medikamente und medizinisches Verbrauchsmaterial ganz allgemein.

Wie sich diese Massnahmen konkret im Spital-Alltag auswirken, erzählt S.M.*. Sie arbeitet in der Orthopädie an einem öffentlichen Spital in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. «Momentan sind wir dabei, sämtliche geplante Operationen abzusagen – durchgeführt werden nur noch Notfalleingriffe», sagt sie im Gespräch mit «Bluewin». Auch ein Teil der Sprechstunden werde annulliert.



In nächster Zeit hat die junge Frau mit den Absagen alle Hände voll zu tun. Was weiter auf sie zukommen wird, weiss sie nicht. «Das wird sich zeigen. Wir müssen von Tag zu Tag schauen.» So bleibt vorerst unklar, wann die aufgeschobenen Operationen nachgeholt werden.

Wie ernst die Lage ist, spürt M. jeden Morgen vor Arbeitsbeginn: «Beim Eingang steht Sicherheitspersonal. Alle, die das Spital betreten, werden genauestens kontrolliert.»

Auch medizinische Untersuchungen werden vertagt

Dass eine Vielzahl an orthopädischen Eingriffen vorerst nicht stattfinden kann, würden auch die betroffenen Patientinnen und Patienten verstehen. «Wenn wir am Telefon informieren, reagieren die Leute verständnisvoll. Sie wissen, dass wir unser Bestes geben – aber gegen das Virus sind wir allesamt machtlos», sagt M.

Doch nicht nur Operationen, auch viele andere medizinische Untersuchungen, die nicht notfallmässig sind, werden vertagt. Ein Mittdreissiger* aus der Stadt Zürich, der früher bei der U-21 Elite bei GC Handball spielte, hat als Folge des Leistungssports immer einmal wieder mit Knieschmerzen zu kämpfen. So auch aktuell.

Seit einer Woche versucht er, über seinen Hausarzt einen Termin bei einem Spezialisten zu bekommen. Doch der erste Spezialist, an den ihn der Hausarzt überweisen wollte, hat wegen der Corona-Krise geschlossen. Seine weiteren Anrufe alle zwei Tage beim Hausarzt sind bisher erfolglos geblieben.

«Natürlich verstehe ich, dass die Ärzte aktuell anderes zu tun haben, dennoch wüsste ich gerne bald, was mit meinem Knie nicht stimmt», sagt er «Bluewin». Das Warten trotz Schmerzen sei zermürbend.

Wann wird noch operiert?

Der junge Mann ist nicht alleine mit seiner Situation. Laut Claude Kaufmann, Sprecher der Privatklinikgruppe Hirslanden, sind im Kanton Zürich derzeit nur Eingriffe erlaubt, deren Unterlassung beispielsweise zu einem der folgenden Szenarien führen könnte: «Verkürzung der Lebenserwartung, bleibende Schädigung und Verschlechterung der Lebensqualität in ausserordentlichem Masse etwa durch starke Schmerzen», wie er «Bluewin» sagt. 



Kaufmann sagt weiter, dass reine Vorsorge- und Routineuntersuchungen momentan unzulässig seien. «Die Dringlichkeit und Notwendigkeit eines Eingriffes ist eine medizinische Beurteilung, in die neu die Covid-19-Krise miteinzubeziehen ist.» Die finanziellen Auswirkungen dieser Massnahmen seien noch nicht abschliessend zu beziffern.

Lieferengpässe bei Schutzausrüstungen

Zusätzlich erschwerend kommen für die Spitäler die Lieferengpässen bei Schutzausrüstungen hinzu. Insbesondere OP-Material, wie Handschuhe und Desinfektionsmittel, sind kaum mehr auf dem Markt verfügbar. Und ohne diese Ausrüstung können Operationen nicht durchgeführt werden. 

Die Situation sieht bei den Spitälern unterschiedlich aus: Während einige noch genug OP-Ausrüstung an Lager haben, können andere nur noch wenige Wochen auf ihren Bestand zurückgreifen. Sollte sich die Situation nicht verbessern und der Import von OP-Ware vereinfachen, können die Spitäler keine Operationen mehr durchführen. Und das wiederum bedeutet massive Einnahmeeinbussen.



Dazu sagt der Kantonsapotheker Urs Künzle aus St. Gallen auf Anfrage von «Bluewin»: «Zurzeit müssen die Spitäler priorisiert werden, da es gilt, deren Betrieb unbedingt aufrechtzuerhalten.»

Die jetzige Situation sei somit auch im Bereich Schutzausrüstung alles andere als komfortabel. «Wir als kantonale Behörde sind deswegen im permanenten Austausch mit dem koordinierten Sanitätsdienst des Bundes.» Der Bund unternehme alles, um weitere Schutzausrüstung zu beschaffen und zu verteilen.

«Das gilt auch für die in Spitälern für Einkauf und Logistik verantwortlichen Betriebe. Diese sind seit Wochen permanent und unter Hochdruck alles am Beschaffen, was der Markt hergibt», sagt Künzle.

*Namen der Redaktion bekannt

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