Nach Nein zu Extra-Million für Frauenschutz Volksvertreter erhielten über Nacht halbe Million Mails – Bürgerliche wütend

Petar Marjanović, Bern

17.12.2025

Bürgerliche Parlamentarier genervt wegen Protest-Mails

Bürgerliche Parlamentarier genervt wegen Protest-Mails

Eine Mail-Flut legte offenbar das Bundeshaus beinahe lahm: Nach einem Entscheid des Nationalrats prasselten innert Stunden rund 500'000 Nachrichten auf die Parlamentsserver ein.

16.12.2025

Eine Mail-Flut legte offenbar das Bundeshaus beinahe lahm: Nach einem Entscheid des Nationalrats prasselten innert Stunden rund 500'000 Nachrichten auf die Parlamentsserver ein. Bürgerliche sprechen von einer Grenze, die überschritten worden sei.

Petar Marjanović, Bern

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

Der Nationalrat ist im Streit um eine zusätzliche Million Franken gegen geschlechtsspezifische Gewalt zurückgerudert. Dem Entscheid ging ein heftiger Protest voraus: Während Aktivistinnen auf der Strasse demonstrierten, rollte im Bundeshaus eine digitale Welle an. Laut Parlamentsdiensten gingen innert kurzer Zeit rund 500'000 E-Mails an Mitglieder von National- und Ständerat ein. Die ungewöhnlich hohe Zahl führte während der Wintersession zu Engpässen.

Öffentlich machte das Ausmass der Walliser Mitte-Nationalrat Benjamin Roduit. Er reichte eine Frage für die Fragestunde ein und kritisierte E-Mails als Druck auf Abstimmungen als «inakzeptabel», weil sie seiner Ansicht nach die parlamentarische Arbeit «stark behindert» habe. Gegenüber blue News sagte Roduit, der IT-Dienst habe die Situation nur mit Zusatzmassnahmen in den Griff bekommen. Die Aktion sei gezielt organisiert gewesen und habe Druck auf laufende Abstimmungen ausüben sollen.

Roduit erklärt, sein eigenes Postfach sei nach den Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger auf das Nein des Nationalrats zeitweise kaum mehr nutzbar gewesen. Er habe über 800 Nachrichten erhalten und keinen Zugriff mehr auf Mails aus der Bundesverwaltung gehabt. «Sie haben mich daran gehindert, meine Arbeit normal auszuüben», schreibt er. Filter oder automatische Antworten hätten nicht gereicht. Erst mit Unterstützung des IT-Dienstes seien Schutzregeln möglich gewesen, diese hätten aber nicht alle Mails abgefangen.

Kritik von SVP, FDP und Mitte

Die Verwaltungsdelegation bestätigt die Grössenordnung. Es habe sich um rund 500'000 E-Mails gehandelt. Die Inhalte seien zwar ungefährlich gewesen, die Menge habe jedoch die «Funktionsfähigkeit der Systeme gefährden können». Man habe die Flut mit technischen und operativen Massnahmen begrenzt. Gleichzeitig müsse man zwischen Meinungsäusserungsfreiheit und dem Schutz der IT-Infrastruktur abwägen, schreiben die Parlamentsdienste.

Hintergründe zum Thema Femizid

  • Nach Angaben des Bundes stellt häusliche, sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt in der Schweiz ein gravierendes gesellschaftliches Problem dar. Für das Jahr 2025 spricht der Bund von einer «alarmierenden Anzahl an Femiziden».
  • Als Femizide gelten vorsätzliche Tötungen von Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Rolle in Partnerschaft oder Familie begangen werden. Solche Taten stehen häufig im Zusammenhang mit Macht- und Kontrollvorstellungen in Beziehungen. Fachpersonen sprechen in diesem Zusammenhang von einem männlich-hegemoniales Rollenverständnis.
  • Frauenorganisationen kritisieren, dass Gewalt an Frauen in der Schweiz bislang nicht systematisch und einheitlich erfasst wird. Mit zusätzlichen finanziellen Mitteln könnte eine nationale Statistik aufgebaut werden, um Muster besser zu erkennen und gezielte Präventionsmassnahmen zu entwickeln.
  • Eine im Auftrag des Bundes durchgeführte Studie der Universität St.Gallen kommt zum Schluss, dass die Ursachen von Gewalt gegen Frauen komplex sind. Zwar seien männliche Täter mit ausländischer Herkunft in der Statistik überrepräsentiert. Eine einseitige Fokussierung auf Herkunft greife jedoch zu kurz, da Gewalt an Frauen in allen Bevölkerungsgruppen vorkomme.

Im Parlament stiess die Aktion parteiübergreifend auf Kritik, besonders bei Bürgerlichen. Die Mitte-Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger sprach im Rat von «tausendmal dem gleichen Inhalt» und von Politmarketing, das im Ständerat nichts zu suchen habe. Auch die Finanzkommission des Nationalrats lehnte die Mail-Aktion mehrheitlich ab, wie FDP-Nationalrat Peter Schilliger sagte. SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger sprach im Parlament gar von einer «aggressiven Form von Cyberattacke».

Wermuth sieht andere Probleme

Dem widersprach SP-Nationalrätin Min Li Marti. Sie stellte die Frage in den Raum, ob es nicht «zu unseren Aufgaben als Politikerinnen und Politiker gehört, mit Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern umzugehen». Dass die Mails als lästig empfunden würden, könne sie verstehen.

SP-Co-Präsident Cédric Wermuth räumte während der Debatte ein, dass die eingesetzten Kampagneninstrumente «nicht sehr ‹amused›» aufgenommen worden seien und man darüber streiten könne. Die entscheidende Frage sei jedoch eine andere: «Warum gibt es in diesem Land so viel Wut und Unverständnis über die Finanzpolitik des Parlamentes in diesem Bereich, sodass innerhalb von wenigen Tagen eine halbe Million Menschen eine entsprechende Petition unterschrieben haben?»

Cédric Wermuth reagiert auf E-Mail-Ärger

Cédric Wermuth reagiert auf E-Mail-Ärger

SP-Co-Präsident Cédric Wermuth räumte während der Debatte ein, dass die eingesetzten Kampagneninstrumente «nicht sehr ‹amused›» aufgenommen worden seien und man darüber streiten könne.

16.12.2025