Abstimmung über SVP-InitiativeWarum Bundesrat Jans gerade sehr oft über «Brücken» redet
Petar Marjanović, Bern
22.4.2026
Beat Jans: «Wir dürfen die Brücken nach Europa nicht abbrechen»
21.04.2026
Justizminister Beat Jans will die Zuwanderungs-Initiative mit einem Bild zu Fall bringen: der Brücke. blue News analysiert die Macht und die Risiken seines rhetorischen Manövers.
Wenn Bundesräte reden, testen sie ihre Sätze wie Comedians ihr Programm – nur ohne dass das Publikum es merkt. Besonders gut zu beobachten ist das gerade beim Justizminister Beat Jans.
Der SP-Magistrat führt für den Bundesrat das Dossier zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» – die Regierung empfiehlt ein Nein. Zwar haben auch andere Bundesräte wie SVP-Wirtschaftsminister und Bundespräsident Guy Parmelin bereits öffentlich zur Ablehnung aufgerufen. Doch in diesen Tagen ist vor allem Jans unterwegs: Er steht im Fokus zahlreicher Orts- und Bezirksparteien, Verbände und Organisationen, die Debatten veranstalten und ihren Mitgliedern eine Auseinandersetzung mit dem Thema bieten wollen.
In den vergangenen Tagen trat Jans an zwei sehr unterschiedlichen Orten auf – zuerst vor über 100 Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern in Bern, dann bei Novartis in Basel, wo mehrere Hundert Wirtschaftsvertreter und Interessierte zuhören wollten.
Wer beide Veranstaltungen besuchte, merkte rasch: Beat Jans hat es mit Brücken.
Basel und Bern sind «Brücken»-Städte
In Basel erzählte er vom Rheinübergang, von der Mittleren Brücke, die seit Jahrhunderten Menschen und Handel verbindet – ein Sinnbild für Offenheit. In Bern sprach er von den Brücken über die Aare, von Verbindungen zwischen Stadt und Land, zwischen Sprachregionen und politischen Lagern.
Und jedes Mal kam er auf den gleichen Punkt: «Am 14. Juni stimmen wir über die Initiative ‹Keine 10-Millionen-Schweiz› ab. Bundesrat und Parlament lehnen sie ab, weil sie Brücken zu Europa abbrechen und der Schweiz gerade in unsicheren Zeiten schaden würde.»
Wenn Jans von «Brücken» spricht, nutzt er eine Metapher. Solche Sprachbilder sind bei Politikerinnen und Politikern beliebt, um komplexe politische Themen zu übersetzen. Wer von Brücken redet, spricht über Verbindung, Zusammenarbeit und Verständigung. Wer vor «Brücken abbrechen» warnt, stellt die Abschottung in den Mittelpunkt.
Mit solchen Sprachbildern arbeitet nicht nur Beat Jans. Politik und Kommunikationswissenschaft kennen den Mechanismus gut: das Framing. Wer Begriffe gezielt auflädt und wiederholt, beeinflusst, worüber überhaupt gesprochen wird.
Jans betonte in Basel und Bern, dass beide Orte Brückenstädte seien.
Bild: blue News
Metaphern bestimmen Diskussionen
Beispiele gibt es viele: Das Bankgeheimnis etwa weckt bei vielen positive Assoziationen: Schutz, Vertraulichkeit, Sicherheit. Ganz anders klingt das Wort «Steuerbetrugsgeheimnis», das dieselbe Sache in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.
Oder der amerikanische Patriot Act nach dem 11. September 2001: Wer dagegen war, galt schnell als unpatriotisch – der Name allein verschob die Grenzen der Debatte.
Doch Metaphern können auch gefährlich werden. Sie wirken effektiv – aber sie können sich auch gegen jene wenden, die sie wählen. Die Juso nannte ihre Initiative für eine Vermögenssteuer «Zukunftsinitiative». Das Nein-Lager drehte das Bild kurzerhand um und warnte: Mit dieser Initiative werde die Schweiz keine Zukunft mehr haben.
Auch die Brücke ist nicht unangreifbar. Die SVP muss die Metapher nur umdrehen: Statt «Brücken abbrechen» kann sie von «Brücken ohne Geländer» sprechen, von «Einfallstoren für Dichtestress» oder von «überlasteten Brücken, die bei der nächsten Flut einstürzen».
«Keine Experimente» aber Bevölkerungsdeckel?
Und selbst eine starke Metapher kann in einem anderen Kontext zur Falle werden. So steht etwa das alte Schlagwort «Keine Experimente» – bekannt seit den 1950er-Jahren unter Konrad Adenauer – für Stabilität und Vorsicht. Konservative lieben diese Metapher, darunter auch die SVP.
Umgekehrt hat das Nein-Lager zur SVP-Initiative bisher darauf verzichtet, selbst mit diesem Slogan zu spielen – obwohl die Initiative erstmals eine fixe Bevölkerungsobergrenze festschreiben würde. Und damit gewissermassen ein Experiment mit der Schweiz wagen würde.
1 Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz darf zehn Millionen Menschen vor dem Jahr 2050 nicht überschreiten. Ab 2050 kann der Bundesrat den Grenzwert jährlich durch Verordnung um den Geburtenüberschuss anpassen. Der Bund stellt sicher, dass der Grenzwert eingehalten wird.
2 Bund und Kantone treffen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten Massnahmen für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung, insbesondere zum Schutz der Umwelt und im Interesse der dauerhaften Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Leistungsfähigkeit der Infrastrukturen, der Gesundheitsversorgung und der schweizerischen Sozialversicherungen.
3 Die ständige Wohnbevölkerung umfasst alle schweizerischen Staatsangehörigen mit einem Hauptwohnsitz in der Schweiz sowie alle ausländischen Staatsangehörigen mit einem Aufenthaltstitel für mindestens zwölf Monate oder mit einer Aufenthaltsdauer in der Schweiz von mindestens zwölf Monaten.
Art. 197 Ziff. 152Übergangsbestimmungen zu Art. 73a
1 Überschreitet die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz vor dem Jahr 2050 neuneinhalb Millionen Menschen, so treffen der Bundesrat und die Bundesversammlung im Rahmen ihrer Zuständigkeiten Massnahmen im Hinblick auf die Einhaltung des Grenzwertes gemäss Artikel 73a Absatz 1, insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug. Der Bundesrat unterbreitet der Bundesversammlung einen entsprechenden Gesetzesentwurf. Ab dem Zeitpunkt der Überschreitung erhalten vorläufig Aufgenommene keine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung, kein Schweizer Bürgerrecht und kein anderweitiges Bleiberecht. Vorbehalten sind die zwingenden Bestimmungen des Völkerrechts. Der Bundesrat strebt ausserdem im Hinblick auf die Einhaltung des Grenzwertes gemäss Artikel 73a Absatz 1 die Neuverhandlung bevölkerungswachstumstreibender internationaler Übereinkommen, seien sie rechtsverbindlich oder nicht, oder die Aushandlung von Ausnahme- oder Schutzklauseln an. Sehen Übereinkommen solche Klauseln vor, so ruft der Bundesrat sie an.
2 Überschreitet die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz den Grenzwert gemäss Artikel 73a Absatz 1, so treffen der Bundesrat und die Bundesversammlung alle ihnen zur Verfügung stehenden Massnahmen zur Einhaltung des Grenzwertes. Absatz 1 gilt entsprechend. Jedoch sind internationale Übereinkommen im Sinn von Absatz 1 auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen, insbesondere der Globale Pakt vom 19. Dezember 2018 für eine sichere, geordnete und reguläre Migration (UNO-Migrationspakt), falls die Schweiz diesen unterzeichnet hat. Ist der Grenzwert gemäss Artikel 73a Absatz 1 nach Ablauf von zwei Jahren seit seiner erstmaligen Überschreitung noch nicht wieder eingehalten und konnten bis dahin keine Ausnahme- oder Schutzklauseln ausgehandelt oder angerufen werden, mit denen die Einhaltung des Grenzwertes gemäss Artikel 73a Absatz 1 erreicht wird, so ist auch das Abkommen vom 21. Juni 19993 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (Personenfreizügigkeitsabkommen) auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen.
3 Der Bundesrat erlässt die Ausführungsbestimmungen in Form einer Verordnung innerhalb eines Jahres nach Annahme von Artikel 73a durch Volk und Stände. Die Verordnung gilt bis zum Inkrafttreten der von der Bundesversammlung erlassenen Ausführungsbestimmungen.
1 SR 101
2 Die endgültige Ziffer dieser Übergangsbestimmungen wird nach der Volksabstimmung von der Bundeskanzlei festgelegt.
3 SR 0.142.112.681
Aus Jans’ Umfeld ist zu hören, dass er die Brücken-Metapher nicht zum roten Faden seiner Abstimmungsauftritte machen will. Im NZZ-Interview vom 20. April griff er bereits zum nächsten Bild: Die Schweiz drohe zur «Asylinsel» zu werden.
Beat Jans: «Selbst ein Bundesrat muss mal auf die Toilette»
SVP-Nationalrat Andreas Glarner fand es eine «beispiellose Respektlosigkeit», als Bundesrat Beat Jans während des Referates von SVP-Nationalrat Pascal Schmid zum Migrations- und Asylpakt der EU kurz den Saal verliess und sich nach der Rückkehr mit seinen «Genossen» im Saal unterhielt. «Was war der Grund», fragte Glarner in einer Zwischenfrage während der Debatte. Bundesrat Jans begründete seine Abwesenheit unter anderem mit dem Gang auf die Toilette.