Wenn Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind 

Von Maximilian Haase

19.10.2021

Des bougies sont placees vers des chaussure rouge et des pancarte denoncant des violences sur les femmes, ce vendredi, 25 novembre 2016, sur la place Palud a Lausanne. Lors d'un rassemblement en hommage aux victimes des feminicides en Suisse et de toutes les femmes victimes et survivantes des violences masculines organise par Feminista, dans le cadre de la journee internationale pour l'elimination des violences envers les femmes. (KEYSTONE/Leo Duperrex)
Eine Kundgebung gegen Femizide in Lausanne. Mindestens 24 Fälle wurden in diesem Jahr in der Schweiz bereits gezählt (Archivbild). 
KEYSTONE/Leo Duperrex

Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von einem Mann getötet. Gesondert erfasst werden die Femizide nicht. Das könnte sich nun ändern. Expert*innen erhoffen sich Aufschluss zur Gewalt in der Coronakrise – und einen Beitrag zur Prävention. 

Von Maximilian Haase

19.10.2021

Eine 30-jährige Frau wird in Altstetten ZH mutmasslich von ihrem Ehemann erstochen. Drei Tage später erschiesst ein Mann in Netstal GL mutmasslich eine ebenfalls 30-Jährige. Wiederum nur zwei Tage später findet man in Rapperswil-Jona SG ein 12-jähriges Mädchen und ihren Vater tot auf. Der 54-jährige mutmassliche Täter soll erst seine Tochter und dann sich selbst getötet haben. Innerhalb einer Woche erschüttern diese drei Todesfälle die Schweiz. 

Das Rechercheprojekt «Stop Femizid» zählt alle diese Taten unter dem Begriff «Femizid». Laut Europäischem Institut für Gleichstellungsfragen ist damit die «von privaten und öffentlichen Akteuren begangene oder tolerierte Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts» gemeint. Frauen werden nach dieser und ähnlichen Definitionen umgebracht, weil sie weiblich sind – oder von aussen so wahrgenommen werden.

Alle zwei Wochen

Mindestens 24 Femizide und acht Femizidversuche hätten sich laut «Stop Femizid» bislang in diesem Jahr in der Schweiz ereignet. Das heisst: Alle zwei Wochen wird hierzulande eine Frau oder ein Mädchen von einem Mann umgebracht. Oft bezeichnet man die Tat, wie auch bei den jüngsten Fällen, als «tragisches Ereignis» (ein Polizeisprecher zur Tat in St. Gallen) oder «Beziehungsdelikt» (Polizei zur Tat in Netstal).

«Gewalt gegen Frauen wird noch oft als Privatsache behandelt», beklagt «Stop Femizid», auch in den Medien sei oft nur von «Einzelfällen» oder «Familiendramen» die Rede. Auch in der offiziellen Schweizer Statistik sind Femizide bislang nicht gesondert aufgeführt. Das Bundesamt für Statistik (BFS) erfasst nur «häusliche Gewalt». Durchschnittlich wurden demnach zwischen 2009 und 2018 jährlich 25 Personen getötet, davon 74,7 Prozent Frauen und Mädchen. Hinzu komme «jede Woche ein Tötungsversuch». 

Weiter gefasste Definition

Die Dokumentationsseite «Stop Femizid» nehme in ihre Statistik dagegen in Medien recherchierte Fälle auf, bei denen die Definition weiter gefasst sei: Man zähle nicht «nur Femizide in Folge häuslicher Gewalt, sondern auch die Femizide, in denen die Täter keine Beziehung zu den Opfern hatten». «In der Schweiz gibt es keine offizielle Stelle, die Femizide aufzeichnet und eine Statistik über Tötungen aufgrund des Geschlechts führt», kritisieren die Organisatorinnen.

SP-Nationalrätin Tamara Funiciello forderte im Juni eine entsprechende statistische Erhebung: «Solche Morde haben nichts mit Liebe und nichts mit Drama zu tun, sondern mit Hass und Gewalt. Das sollten wir auch so benennen.» Das Parlament lehnte ab – wie 2020 bereits die Forderung von SP-Kollegin Marina Carobbio Guscetti im Ständerat, den Begriff «Femizid» zu fördern.

Mit Blick auf die Statistiken könnte sich dies jedoch nun ändern, wie unter anderem SRF berichtet.

Statistiken als Hilfe zur Prävention

Im Zuge der Istanbul-Konvention, in der sich 2018 auch die Schweiz der «Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt» verpflichtete, erhebt das Statistische Bundesamt derzeit zusätzlich Statistiken bei allen Tötungsdelikten. Die Zusatzerhebung ist zunächst auf fünf Jahre angelegt (2019 bis 2014), unterstützt wird sie vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG).

Und sie könnte bei der Prävention von Femiziden dienlich sein.

Es sei «immer hilfreich, wenn man mehr über die Dynamik von Straftaten weiss, weil man so besser die Ursachen eruieren kann», sagt die Psychotherapeutin und Juristin Jacqueline Frossard. Damit steige «auch die Möglichkeit, präventiv einwirken zu können». Dies könne sowohl bei den Tätern sinnvoll sein als auch beispielsweise bei der «Schaffung wirkungsvoller Massnahmen zum Schutz potenzieller Opfer».



Laut Frossard, die auch im Vorstand der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) sitzt, betreffe das auch Statistiken und Berichterstattung: Wenn darin nur von Tötungsdelikten die Rede sei, «entstehe ein falsches Bild, da die spezifische Dynamik der Femizide untergeht». Es sei wichtig, dass diese Dynamik mehr ins Bewusstsein dringe: «Damit können präventive Massnahmen besser entwickelt werden und sie erhalten auch mehr Unterstützung.» Je mehr wir wüssten, umso grösser sei die Bereitschaft, «dagegen vorzugehen».

«Corona hat in vielen Familien den Stress vergrössert»

Veröffentlicht werden sollen die Ergebnisse der zusätzlichen Erhebung zwar erst 2025. Erste Zahlen könnten jedoch schon 2022 vorliegen und von Hilfsorganisationen ausgewertet werden können. Man erhofft sich dabei auch breitere Erkenntnisse über den Zusammenhang von Femiziden mit den Folgen der Coronapandemie.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2020 89 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte im Bereich «häuslicher Gewalt».

«Corona hat in vielen Familien den Stress vergrössert», bestätigt auch Frossard. Sei es durch engere Wohnverhältnisse im Zusammenhang mit Lockdown, Homeoffice und Homeschooling oder durch finanzielle Probleme. Auch ohne diese seien jedoch Existenzängste geschürt worden:  «Stress ist ein auslösender Faktor für Häusliche Gewalt, aber nicht der einzige und gerade bei Femiziden wirken andere Faktoren mit.»

Ursprünge in patriarchalen Rollenmustern

Für Organisationen wie «Stop Femizid» steht derweil fest: Femizide seien «Resultat von struktureller Gewalt, deren Ausgangspunkt in den patriarchalen Machtverhältnissen unserer Gesellschaft liegt», wie die «Stop Femizid»-Macher*innen schreiben.

Gestützt werden sie von der Forschung: Häufig stehe hinter dem Femizid «eine Kränkung, eine psychische Verletzung, das Empfinden einer verlorenen Ehre oder Resignation», sagt auch Frossard. In patriarchalen Rollenmustern hänge die Ehre des Mannes oft vom Verhalten der Frau ab. Dies könne Femizide begünstigen, «wenn die Frau den Mann verlassen will, eine andere Beziehung eingeht oder sich anderweitig nicht so verhält, wie der Mann und/oder seine Umgebung glauben, dass sie dies tun müsse».

Es gebe aber auch Männer, die es «einzig aufgrund ihrer narzisstisch ausgeprägten Persönlichkeit» nicht ertrügen, wenn ihre Frau ein eigenständiges Leben führen oder sich gar trennen wolle. Umso unerträglicher sei «für solche Menschen der Gedanke, dass die Frau eine Beziehung mit einem anderen Mann eingeht. Auch so kann es zu einem Femizid kommen», erklärt Frossard.

Frauen werden «nahezu viermal häufiger Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten als Männer; der Anteil der getöteten Frauen ist siebenmal höher», heisst es in einem aktuellen Bericht. Die Dunkelziffer bei Gewalt und versuchten Tötungen sei zudem hoch: Man schätzt, dass sich nur zehn bis 22 Prozent aller Opfer an die Polizei wenden.