Das steht der Schweiz in den nächsten drei Wochen bevor

Von Philipp Dahm

11.1.2022

«Eine Verkürzung der Quarantäne macht Sinn»

«Eine Verkürzung der Quarantäne macht Sinn»

Die Ansteckung mit Omikron laufe etwas schneller ab als bisherige Viren, sagte Covid-Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler am Dienstag vor den Medien. Infizierte seien weniger lang ansteckend. Das gelte insbesondere für Geimpfte. Es sei daher gut möglich, Quarantäne und Isolation zu verkürzen.

11.01.2022

Die Corona-Taskforce schätzt, dass der Spitze der Omikron-Welle noch im Januar über die Schweiz hereinbricht. Dann werden die Spitäler voll ausgelastet sein, während jede/r Sechste bei der Arbeit fehlen wird.

Von Philipp Dahm

11.1.2022

Noch nie hat die Schweiz so viele Corona-Infektionen erlebt wie jetzt: 24'602 Fälle hat das BAG heute innert 24 Stunden gemeldet. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher liegen, sagte Virginie Masserey heute in Bern.

Das liegt zum einen an all jenen, die sich angesteckt haben, aber asymptomatisch sind und sich nicht testen lassen. Das andere Problem sind die Tests selbst: Derzeit würden rund 100'000 täglich gemacht, und die Laborkapazitäten sind am Anschlag, erklärt die Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim BAG.

Doch das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht: Noch im Januar steht der Schweiz höchstwahrscheinlich die Woche des Peaks, also der absoluten Wellenspitze, bevor, warnen die Experten des Bundes. Welches Ausmass der Höhepunkt der Omikron annehmen wird, erfährst du hier.

10 bis 30 Prozent infizieren sich

Derzeit verdoppeln sich die Zahlen alle acht bis zehn Tage, erklärt Tanja Stadler: Der Höchstwert der Ansteckungen wird nach Schätzung der Taskforce in den kommenden zwei Wochen erreicht. Demnach werden dann in jener «Super-Infektionswoche», wie es ein/e Journalist*in in der Fragerunde formulierte, zwischen 10 und 30 aller Bürger*innen an Corona erkranken.

Personen mit Schutzmasken und Einkaufstaschen an der Zuercher Bahnhofstrasse, fotografiert am Freitag 26. November 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Passanten auf der Zürcher Bahnhofsstrasse: Nach der Welle werden nur noch 10 bis 35 Prozent der Menschen nicht gegen Omikron immun sein.
Keystone

Ein Lichtblick: Die Abwehrkraft der Bevölkerung wird steigen. «Danach», sagt Masserey, «wären 65 bis 85 Prozent immun gegen Omikron – sei es wegen einer Infektion oder einer Impfung.»

Bis zu 300 neue Intensivpatienten

Auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle werden Tausende ins Spital müssen. «Wir rechnen mit einem Anstieg der Eintritte in den nächsten drei Wochen», sagt Taskforce-Präsidentin Stadler. Je nach Modell würden 80 bis 300 Personen in der Woche des Peaks Intensivbetten benötigen.

Derzeit sind die Intensivstationen zu rund 75 Prozent belegt, wobei Corona-Patienten etwa 30 Prozenten ausmachen, hiess es heute in Bern. Auch wenn Omikron-Patienten die Betten kürzer belegen, dürfte es dort in der Woche des Peaks sehr eng werden. Hinzu kommt: Auch jene Corona-Patienten belasten den Spitalbetrieb, die auf den regulären Stationen landen, warnt Masserey.

Tanja Stadler, Praesidentin, National COVID-19 Science Task Force, links, diskutiert mit Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle, Bundesamt fuer Gesundheit BAG, am Ende einer Medienkonferenz zur aktuellen Situation des Coronavirus, am Dienstag, 11. Januar 2022 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Tanja Stadler (links) nach der heutigen Pressekonferenz in Bern im Gespräch mit Virginie Masserey.
Keystone

Inwieweit das Gesundheitssystem dadurch an seine Grenzen gerät, ist laut Stadler schwer zu sagen. Bleibe man im unteren Bereich, sei das den aktuellen Zahlen nicht unähnlich und könne bewältigt werden. Und wenn es an die obere Grenze geht? Ob die Triage dann wieder Thema werden könnte, darüber will Stadler heute in Bern nicht spekulieren.

Jeder Sechste fehlt bei der Arbeit

Der Höhepunkt der Omikron-Welle wird sich auch auf die Wirtschaft niederschlagen: 10 bis 15 Prozent der arbeitstätigen Bevölkerung werden gleichzeitig in Isolation oder in Quarantäne sein. Damit dürfte der Betrieb in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gestört werden.

«Es wird an allen Ecken und Enden zu Ausfällen kommen», sagt Tanja Stadler einerseits, doch andererseits betonen die Experten in Bern auch, dass die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern keinesfalls gefährdet sei. Oberstes Ziel sei es, dass nichts zum Erliegen komme.

Ein Tram und ein Bus fahren durch die Marktgasse, am Montag, 18. Januar 2021 in Bern. Aufgrund der anhaltenden Krise um die Pandemie des Coronavirus, Covid-19 wurden ab Montag die Massnahmen zur Eindaemmung der Verbreitung des Virus verstaerkt. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
ÖV in Bern: Niemand rechnet mit einem Totalausfall öffentlicher Dienste, aber vielleicht könnte sich der Takt in der Woche des Peaks um fünf Minuten verlängern.
Archivbild: Keystone

Mit Blick auf solche Prognosen wird die Dauer von Isolation und Quarantäne zum dringenden Thema. Masserey mahnt, dass ein «guter Kompromiss» zwischen ökonomischen Anforderungen und wissenschaftlichen Prämissen gefunden werden müsse.

Was wird unternommen?

In den Kantonen bereiten sich Spitäler schon auf die erwarteten Spitzen vor, erklärt Marina Jamnicki, die Glarner und Bündner Kantonsärztin. Mitunter werden dabei Operationen verschoben, die Anzahl der Betten erhöht, Ärzte anders eingeteilt oder solche Kliniken einbezogen, die bisher keine Covid-Patenten aufnehmen.

Und während die Grundversorgung mit Waren gesichert ist, können die Ausfälle mancher ziviler Arbeitnehmer*innen schwer wiegen – etwa in Spitälern oder gar im Wasserwerk. Hier stünde Hilfe bereit, versichert Korpskommandant Hans-Peter Walser: «Die Armee ist dort im Einsatz, wo sie gebraucht wird.»

A wounded person is being treated in the medical tent, pictured on site of the medical corps of the Swiss Armed Forces on June 18, 2013, in Buetschwil, canton of St. Gallen, Switzerland. A medical unit of the army runs an exercize together with the police, the Swiss protection & support service and the fire brigade. They simulate an earth quake with many wounded people trapped in the rubble. The medical corps members set up their tent in order to treat the wounded people there. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Verletzter wird im Sanitaetszelt versorgt, aufgenommen bei den Sanitaetstruppen der Schweizer Armee am 18. Juni in Buetschwil, Kt. St. Gallen. Eine Sanitaetseinheit der Armee fuehrt mit Polizei, Zivilschutz und der Feuerwehr eine Uebung durch. Sie simulieren ein Erdbeben mit vielen eingeklemmten Verletzten. Die Sanitaeter bauen zuerst ihr Zelt auf und nehmen danach die ersten Verletzten in Empfang. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
476 Armeeangehörige stehen bereits jetzt in acht Kantonen im Corona-Einsatz. In der Superinfektionswoche könnten es mehr werden. 
Archivbild: Keystone

Theoretisch sei es denkbar, dass Soldaten beispielsweise Chauffeur im ÖV spielen: Sofern das zivile Angebot ausgeschöpft sei und ein Kanton eine entsprechende Anfrage stellen würde, wolle man dies nicht ausschliessen.

Was die bevorstehenden Wochen dagegen kaum beeinflussen werden, sind Tests und Contact Tracing. Letzteres stösst bereits jetzt angesichts der vielen Fälle und verzögerten Informationen über positive Tests an seine Grenzen. Und mit den 100'000 Tests, die aktuell pro Tag in der Schweiz gemacht werden, sind die Labors schon überfordert.

Bleibt nur noch das, was jeder Einzelne tun kann: sich an das bisher Bewährte halten. Maske tragen, Abstand halten, Hygiene wahren und vor allem: Kontakte reduzieren – die Tipps aus der Kategorie «Alt, aber gut».

Mit Material von SDA.