Ein Kreuzsymbol oder der Spruch «Jesus first» in der Biografie unter dem Profilbild – immer mehr Menschen thematisieren in den sozialen Medien offen ihren Glauben. Sogenannte «Christfluencer» sind von TikTok oder Instagram kaum mehr wegzudenken.
blue News erklärt dir, wer sie sind – und welche Ziele sie verfolgen:
Was sind Christfluencer?
Der Begriff «Christfluencer» setzt sich aus «Christ» und «Influencer» zusammen. Es sind Personen, die über eine grosse Online-Community verfügen und deren Schwerpunkt ihr Glaube ist. Ihre Videos sind trendig und oft mit Musik hinterlegt.
Darin sprechen sie über Gott, geben Tipps für den christlichen Alltag oder das passende Outfit, gestalten ihre Bibeln, erzählen von ihrem Datingleben als Christinnen, beten vor der Kamera und teilen Bibelverse. Wie die meisten Influencer, schaffen sie vermeintlich Nähe, vermitteln damit das Gefühl «Ich bin wie ihr», und präsentieren sich gleichzeitig als moralische Instanz.
Ihr Ziel ist es, den eigenen christlichen Glauben über soziale Medien zu verbreiten und ihre Followerschaft für eine bestimmte christliche Perspektive zu gewinnen. Nicht selten wird daraus auch ein lukratives Geschäftsmodell. So verkaufen viele Christfluencer Schmuck, ihre eigene Bibel oder bieten Coaching-Stunden für mehrere hundert Franken an.
Gibt es Schweizer Christfluencer?
In den USA gibt es Christfluencer schon lange, auch in Deutschland häufen sie sich. Die wohl bekannteste deutsche Christfluencerin ist Millane. Alleine auf TikTok hat sie über 7 Millionen Follower, auf Instagram sind es 1,4 Millionen. In den USA ist es aktuell Sarah Jakes Roberts. Auf TikTok und Instagram erreicht sie insgesamt 4,5 Millionen Follower.
In der Schweiz gibt es ebenfalls Christfluencer – jedoch noch nicht sehr viele. Der wohl bekannteste unter ihnen ist der Aargauer Miro Wittwer. Auf TikTok und Instagram (@mirowittwer) folgen ihm je über 20'000 Menschen. Er gehört zu der eher radikalen Art.
In seinen Videos in den sozialen Medien sieht man ihn häufig im öffentlichen Verkehr. Beispielsweise im Bus, im Flugzeug oder in der U-Bahn im Ausland. Laut spricht er dann darüber, wie Jesus die Menschen liebe. «Er ist für dich gestorben und heisst Jesus Christus», sagt er in einem Video.
In anderen Videos umarmt er Menschen, segnet sie direkt oder spricht ein Gebet, mit dem er ihnen angeblich seit Langem bestehende Schmerzen – etwa in der Schulter – nimmt.
Er ist seit 2023 gläubiger Christ und missioniert seither auf der Strasse und im Netz. Wittwer ist Mitte dreissig, trägt meistens weisse Kleidung und hat längere Haare. Er erinnert an Jesus. Zufall? Wohl kaum.
Auch die Aargauerin Aurora ist Christfluencerin. Auf TikTok (@auris_digitaldiary) hat sie etwas mehr als 2700 Follower. Die 21-Jährige studiert Psychologie und Religionspädagogik. In ihren Videos spricht sie über Alltägliches. Beispielsweise über Reisen und Girlhood – aber eben auch über Gott und ihren Glauben. Sie postet ihre aktuellen Lieblingsbibelverse, zeigen christliche Musik oder nimmt ihre Follower mit in die Kirche.
Anders als Aurora hat Miro Wittwer aus seinem Glauben ein Geschäftsmodell gemacht. Er hat ein Buch geschrieben, das er verkauft, bietet Mentoring-Masterclasses für 999 Euro an und führt gemeinsam mit seiner Frau eine Kleidermarke namens «For Jesus».
Wer sind ihre Follower*innen?
Viele Christfluencer sprechen gezielt junge Erwachsene an – meist Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die Orientierung in Lebens- und Glaubensfragen suchen.
Die Follower*innen finden auf den Profilen der Christfluencer neben Lifestyle-Themen wie Mode und Beziehungen auch tiefgründigere Botschaften rund um den Glauben. Dadurch entstehen Nähe und Tiefe.
Wer sich die Botschaften genauer anschaut, merkt: Sie zeichnen häufig ein geschlossenes Weltbild, grenzen Andersdenkende aus und greifen mitunter auf eine Endzeit-Rhetorik zurück. Für junge Menschen auf Sinnsuche kann diese emotionale Ansprache eine starke Wirkung entfalten und ihr Denken nachhaltig prägen.
Studien zur Wirkung von religiösen Influencerinnen und Influencer gibt es keine. Lediglich einzelne Berichte von Bekehrungen aufgrund von sozialen Medien. «Diese können statistisch jedoch nichts aussagen. Ob es da einen Trend von Bekehrungen gibt oder nicht, muss offenbleiben», sagt Georg Otto Schmid, Leiter Fachstelle Relinfo und Sektenexperte, auf Anfrage von blue News. Radikal-christliche Influencerinnen und Influencer, die eine eigene Gemeinde gründen wollten, könnten ihre vielen Follower allerdings nur schwer dazu bewegen, auch wirklich beizutreten, schätzt Schmid ein.
Sind Christfluencer gefährlich?
«Christliche Influencerinnen und Influencer sind so harmlos und so problematisch, wie es die Form des Christentums ist, die sie vertreten», sagt Schmid. «So gibt es Influencerinnen und Influencer, die im Auftrag von Landeskirchen aktiv sind, andere, die Freikirchen nahestehen, und wiederum solche, die eine eigene, radikale, ins Sektenhafte abdriftende Form des Christentums verbreiten», so Schmid weiter.
Laut Schmid lassen sich problematische Influencerinnen und Influencer aller Religionen daran erkennen, dass sie ihre eigene Glaubensrichtung als die einzig richtige darstellen, strenge Regeln aufstellen, die stark ins Leben der Menschen eingreifen, Hass gegen Minderheiten oder andere Religionen verbreiten, unrealistische Heilungsversprechen machen oder sich selbst übertrieben in den Mittelpunkt stellen.
Warum verstehen fundamentalistische Christ*innen wie Millane Al-Masoud nicht, wie problematisch und sogar gefährlich die Haltung ist, dass Frauen sich Männern unterordnen müssen und das Gottes Wille sei? Das erkläre ich euch im heutigen Video. ✌🏻 Folgt mir für mehr Aufklärungs-Content und teilt das Video, um Leute zu aufzuklären! ☺️ #yeetNetzwerk#danielamarlinjakobi
Wie kritisch sind die beiden Schweizer Christfluencer zu betrachten? Aurora, die Schweizer Christfluencerin, besucht zum Beispiel regelmässig die «Silbern Church» in Dietikon AG. Die Kirche selbst bezeichnet sich auf seiner Website als «dynamische Freikirche». In einem Zeitungsinterview erklärte der Kirchenleiter im vergangenen Jahr, queere Menschen seien in den Gottesdiensten willkommen, könnten jedoch keine Mitglieder werden, da sie sich an den Werten der Bibel orientiere.
In einem Interview mit SRF wurde Aurora mit dieser Aussage des Kirchenleiters konfrontiert. Sie distanzierte sich vorsichtig davon, indem sie sagte, dass die Kirche ihrer Meinung nach ein Ort sein sollte, wo jeder willkommen ist.
Ich heisse eu herzlich Willkomme ide Silbern Church, especially im Unlocked (eusi youth). ⚠️Lueged d‘Outtakes sie lohend sich! 🕖Unlocked; Jede fritig abig, am 20.00! ➡️ 1. fritig im monet: Jugendgottesdienst! ➡️ die andere fritig abige: Smallgroup! #jugendgottesdienst#fridayforjesus#youth#outtakes#roomtour
Miro Wittwer äussert sich hingegen klar homophob: «Für uns heterosexuelle Männer ist es ein Gräuel, wenn wir schwule Männer sehen, wie sie Sex haben oder wie sie sich küssen. Was denkst du? Ist es für Gott kein Gräuel? Es ist für Gott ein Gräuel. Weil es der Teufel ist, der uns verdreht», sagt er in einem Video auf YouTube. Später erklärt er gegenüber SRF, er lehne keine homosexuellen Menschen ab. Es sei nur der «Geist der Homosexualität», der die Menschen befalle, den er ablehne.
«Gerade unter radikalen christlichen Influencern sind insbesondere Männer sehr aktiv. Wie etwa Miro Wittwer», so Schmid zu blue News. Einen deutlichen Frauenüberschuss im konservativ-christlichen Milieu würde man vor allem in den USA sehen. Die sozialen Medien würden Frauen, die zu Hause für Familie und Haushalt sorgen, eine Möglichkeit bieten, sich öffentlich zu betätigen. «Im deutschen Sprachraum ist die soziale Basis für dieses Phänomen doch deutlich eingeschränkter», erklärt Schmid.
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