«Die Unterschiede können sehr gross sein – Vergleichen lohnt sich»

Von Philipp Dahm

28.9.2021

A doctor performs an ultrasound examination on a patient's abdomen, photographed on August 13 2019 at the Oberhasli Medical Center in Meiringen, Switzerland. The Oberhasli Medical Centre is a joint practice for general practitioners in the Meiringen Health Centre. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Arzt fuehrt eine Ultraschalluntersuchung am Bauch einer Patientin durch, aufgenommen am 13. August 2019 im Aerztezentrum Oberhasli in Meiringen. Das Aerztezentrum Oberhasli ist eine hausaerztliche Gemeinschaftspraxis im Gesundheitszentrum Meiringen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Eine Untersuchung im Oberhasli Medical Center in Meiringen BE: Wer noch nie die Krankenkasse gewechselt hat, zahlt in der Regel zu viel.
Archivbild: KEYSTONE

Die Prämien sinken in vielen Teilen der Schweiz. Was spart eine Familie dadurch ein? Kommt im nächsten Jahr im Gesundheitswesen die dicke Covid-Rechnung? Experte Felix Schneuwly gibt Antworten.

Von Philipp Dahm

28.9.2021

Zur Person
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Felix Schneuwly ist Krankenkasse-Experte beim Vergleichsprotal Comparis.ch.

Herr Scheuwly, es klingt ja erst mal nicht nach viel, wenn die Prämien um 0,2 Prozent sinken.

Sie sinken eben nicht um 0,2 Prozent, sie sinken um 1,4 Prozent. Die Medienmitteilung des Bundesamtes ist da etwas verwirrend: Das Minus summiert sich aus 0,2 und 1,2 Prozent.

Und wie viel kann eine Familie jetzt sparen?

Wenn jetzt jemand die Durchschnittsprämie zahlen würde, macht das bei Kindern unter 18 Jahren nicht viel aus, weil man für sie im Schnitt knapp 100 Franken zahlt. Die Erwachsenen zahlen im Schnitt 350 Franken pro Monat. Wenn wir eine Familie mit zwei Erwachsenen, einem Kind und einem Jugendlichen haben, liegen wir bei rund 1000 Franken. Minus 1.4 Prozent sind 14 Franken weniger pro Monat. Das ist wirklich nicht viel.

Ist die aktuelle Senkung auch mit Blick auf die Initiative gemacht worden, die den Prämienanteil auf 10 Prozent des Einkommens begrenzen will?

Die Initiative ist ja insofern überflüssig, als dass wir ja schon jetzt das Instrument der Prämienverbilligung haben. Der Bundesrat hat jetzt einen Gegenvorschlag gemacht, der den Spielraum der Kantone ein wenig einengt, aber wenn die Kantone dieses Instrument der Prämienverbilligung korrekt anwenden, kommt man plus, minus auf diese 10 Prozent. Die Initiative ist also nichts anderes als politischer Druck, damit die Kantone dieses Instrument endlich benutzen. Da gibt es einfach Sünder, besonders in der Deutschschweiz. Die Westschweizer sind hier ein wenig korrekter. Es hat ja auch schon Bundesgerichtsentscheide gegeben, die Kantone gerügt haben, die die Prämienverbilligung zu stark gekürzt haben.

A general practitioner at the Seebach Medical Center in Zurich, Switzerland, talks to a patient about her arm pain, photographed on 19 August 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Hausarzt im Aerztehaus Seebach in Zuerich spricht mit einer Patientin ueber deren Schmerzen am Arm, aufgenommen am 19. August 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Behandlung im Seebach Medical Center in Zürich: Die sinkenden Krankenkassenprämien haben im Portemonnaie keine grossen Auswirkungen.
Archivbild: KEYSTONE

Glauben Sie, dass die Kosten wegen der Pandemie nächstes Jahr explodieren könnten?

Das denke ich nicht. Im letzten und im laufenden Jahr haben die medizinischen Corona-Kosten die Gesundheitskosten nicht massgeblich beeinflusst. Ich spreche aber hier nicht von den wirtschaftlichen Kosten. Wir haben auf der einen Seite zwar zusätzliche Kosten durch Corona-Patienten, die es auch weiterhin geben wird. Sie liegen zum Teil aber auch ausserhalb der Krankenversicherung: Wenn Long Covid zu Invalidität führt, übernehmen die Invalidenversicherung und womöglich die Pensionskassen. Aber die medizinischen Kosten werden keinen grossen Einfluss haben. Die Schätzungen liegen schon jetzt bei 800 Millionen Franken pro Jahr bei einem Prämienvolumen von 34 Milliarden Franken. Wenn man noch den Anteil der Kantone an den stationären Behandlungen hinzunimmt, kommt man auf ein Volumen von über 40 Milliarden Franken.

Und da macht die Pandemie nicht mehr so viel aus?

Corona wird da keinen grossen Effekt haben. Was man auch sehen muss: Neben den zusätzlichen Kosten für Corona gibt es auch Einsparungen, weil gewisse Krankheiten offensichtlich weniger behandelt werden. Es gab 2020 immerhin zweimal ein Verbot für nicht dringend notwendige Operationen.t. Hier werden noch Studien nötig sein, die klären, ob dadurch Krankheiten verschleppt worden und zusätzliche Behandlungskosten fällig geworden sind. Es kann aber auch sein, dass die Zurückhaltung der Menschen beim Konsum von Gesundheitsleistungen – etwas aus Angst vor Ansteckungen in Arztpraxen und Spitälern – dazu geführt hat, dass weniger überflüssige Behandlungen vorgenommen worden sind.

Die Prämien folgen den Kosten: Sind die Unterschiede zwischen den Kantonen so gross, dass sie so unterschiedliche Prämien rechtfertigen?

Ja. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass dieser Gesundheitsmarkt nicht nur ein Nachfrage-Markt ist. Die Leute gehen nicht nur ins Spital, wenn sie krank sind. Es ist auch ein Angebots-Markt: Man stellt fest, dass in bestimmten Regionen gewisse Operationen signifikant häufiger gemacht werden als anderswo. Man stellt fest, dass die Landbevölkerung generell zurückhaltender ist beim Konsum von Gesundheitsleistungen – und ich glaube nicht, dass sie genetisch besser veranlagt ist. Ich denke, das hat auch mit sozialen Strukturen zu tun. Und mit der Lebenshaltung: Man lebt auf dem Land gesünder, das reduziert Kosten. Insofern ist es auch logisch, dass die beiden Stadtkantone Basel und Genf an der Spitze sind, was Kosten und Prämien betrifft. Die Innerschweizer Kantone und das Appenzell liegen am anderen Ende dieser Skala. Man muss aber auch sagen, dass sich das Ganze inzwischen annähert: Das Land nähert sich hier der Stadt an.

A pediatrician examines the hearing of an infant in the Lindenpark Children's Medical Centre, photographed on 26 July 2019 in Baar ZG, Switzerland. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Ein Kinderarzt untersucht im Kinderzentrum Lindenpark das Gehoer eines Saeuglings, aufgenommen am 26. Juli 2019 in Baar ZG. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Ein Kinderarzt untersucht einen Säugling in Baar ZG: Auf dem Land leben sie meistens gesünder.
KEYSTONE

Und in den Kantonen selbst?

Auch innerhalb eines Kantons können die Unterschiede zwischen der teuersten und der günstigsten Kasse sehr gross sein. Vergleichen lohnt sich!

Was raten Sie Bürgern, die die Kasse wechseln wollen?

Ich denke, insbesondere Leute, die nie gewechselt haben, sollten mal schauen, wo sie überhaupt sind: Sind sie bei einem günstigen oder teuren Anbieter? Ganz unabhängig davon, ob es jetzt im nächsten Jahr eine höhere oder gar eine niedrigere Prämie gibt. Es kann eben sein, dass man trotz einer Senkung bei einer sehr teuren Kasse ist, und gerade die Leute, die nie gewechselt haben, sind tendenziell bei einer teuren Kasse und können am meisten sparen. Grundsätzlich muss man wissen, dass die Deckung bei allen Kassen dieselbe ist.

Aber es muss doch auch etwas verschieden sein?

Es gibt Unterschiede in der Servicequalität, was wir bei Comparis als Kundenzufriedenheitsnote ebenso abbilden wie die Prämienhöhe. Dann muss man wissen, ob man eine Mindest- oder Maximal-Franchise will. Die mittleren Franchisen lohnen sich in der Regel nicht. Leute können aber auch mit einem alternativen Versicherungsmodell Geld sparen, ohne die Kasse zu wechseln. Sie müssen dann einfach im Krankheitsfall erst telefonieren oder in die Apotheke gehen. Da kann man bis zu 25 Prozent sparen.


Tipps für den Kassen-Wechsel

Wer mit der Prämienanpassung für nächstes Jahr unzufrieden ist, kann die Krankenversicherung bis Ende November kündigen. Bis Ende Oktober müssen die Versicherten individuell über die für nächstes Jahr geltenden Prämien informiert werden.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) weist darauf hin, dass die Krankenversicherer jede Person in die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufnehmen müssen. Es gelte eine Versicherungspflicht. Damit die Kündigung einer laufenden Krankenversicherung gültig sei, müsse der Nachweis einer anderen Versicherung eingereicht werden.

Auf der Website www.priminfo.ch steht ein Prämienrechner zur Verfügung, der sich auf alle vom BAG genehmigten Prämien der obligatorischen Krankenpflegeversicherung für 2022 stützt. Dort finden sich auch die Versicherungsangebote aller Krankenversicherer. Die Versicherten können dort auch ihr Einsparpotenzial berechnen lassen. Wer ein passendes Angebot gefunden habe, kann gemäss BAG kostenlos beim Krankenversicherer online eine Offerte einholen oder ein entsprechendes Formular ausdrucken und an den Krankenversicherer senden.

In der auf der Website aufgeschalteten Dokumentation «Prämienberatung» finden sich auch Informationen zur Krankenversicherung, Tipps zum Prämiensparen sowie Musterbriefe. Schliesslich hat das BAG auch eine Hotline eingerichtet, an die sich die Versicherten mit ihren Fragen wenden können. Deutsch: 058 464 88 01; Französisch: 058 464 88 02; Italienisch: 058 464 88 03.