Steueroptimierung mitten in der Schweiz Wie sich Superreiche im Geheimen mit Behörden treffen

Sven Ziegler

17.11.2025

Ausländische Vermögende erhalten in der Schweiz offenbar auch von Behörden Hilfe bei der Steueroptimierung.
Ausländische Vermögende erhalten in der Schweiz offenbar auch von Behörden Hilfe bei der Steueroptimierung.
Bild: Keystone

Eine verdeckte Recherche von der «WOZ» und «Correctiv.Schweiz» legt offen, wie ausländische Vermögende in der Schweiz nicht nur von Privatbanken, sondern auch von kantonalen Steuerbehörden Wege aufgezeigt bekommen, um ihre Abgaben tief zu halten.

Redaktion blue News

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die «Wochenzeitung» und «Correctiv.Schweiz» haben Banken, Kanzleien und Steuerämter mit einer verdeckten Recherche getestet.
  • Die Reporter stiessen auf Behörden, die Superreichen aktiv Tipps für möglichst geringe Steuern geben.
  • Pauschalbesteuerte profitieren von einem System, das für Normalverdienende kaum nachvollziehbare Vorteile bietet.

Als sich ein angeblicher Milliardärserbe aus Deutschland in Zürich zu einem Beratungsgespräch anmeldet, scheint im Sitzungszimmer einer Privatbank alles wie gewohnt. Dunkles Holz, gedämpftes Licht – und auf dem Tisch prangt ein Buch mit dem Titel «Steuerparadiese». Die Szene wirkt wie aus einem Film, doch das Treffen ist real: Ein verdecktes Team von der «Wochenzeitung» und «Correctiv.Schweiz» untersucht, wie Schweizer Institutionen mit superreichen Neuzuzügern umgehen.

Der vermeintliche Erbe nennt sich Elia Weiss, begleitet von einem angeblichen Vermögensberater namens Stefan Hoffmann und einem Assistenten. In Wahrheit sind alle drei Teil einer Recherche. Weiss’ Rolle: ein junger Mann, der behauptet, mit seinem Familienvermögen in die Schweiz wechseln zu wollen – und dafür die attraktivste steuerliche Lösung sucht.

Der Steuerexperte der Zürcher Bank empfängt die Delegation mit Nostalgie. Frühere Jahre seien «aggressiver» gewesen, sagt er, damals habe es noch «sehr viele undeklarierte Vermögenswerte» gegeben. Er empfiehlt Weiss offen den Kanton Obwalden – dort sei die Verwaltung besonders entgegenkommend. Der Banker versichert, die Behörden würden «den besten Steuerdeal machen».

Dass Weiss dort gar nicht wirklich wohnen müsste, macht der Banker ebenfalls klar. Ein Chalet in Verbier, ein Leben im Wallis, häufige Aufenthalte ausserhalb des offiziellen Wohnsitzkantons – alles sei möglich, solange man die Aufmerksamkeit der lokalen Behörden nicht auf sich ziehe.

Steuerbeamte aus dem Kanton helfen bei Optimierung

Ein weiterer Hinweis, den der Banker unaufgefordert liefert: Wer etwa 10 Millionen Franken auf seinem Konto habe, könne vermeiden, dass diese Summe bei Steuerkontrollen sichtbar werde. Entscheidend sei der Stichtag 31. Dezember. Viele Kunden würden sich deshalb «vom 15. Dezember bis 15. Januar» mit einer Treuhandanlage helfen – ein temporärer Transfer ins Ausland, durchgeführt von der Bank im eigenen Namen. Was vor oder nach dem Stichtag passiere, bleibe unsichtbar.

Überraschend wird es jedoch erst beim Besuch einer staatlichen Stelle. In Uri empfängt ein Steuerbeamter den angeblichen Milliardärserben Weiss mit breitem Lächeln. Bald kommt das Gespräch auf die Pauschalbesteuerung – jenes System, bei dem ausländische Wohlhabende ihre Steuern nicht nach Einkommen und Vermögen, sondern nach ihren weltweiten Ausgaben berechnen lassen können.

Für jemanden mit einem deklarierten Vermögen von 500 Millionen Franken sei das «die sinnvollste Lösung», sagt der Beamte. Dann legt er nach: Man könne den Fragebogen zu den Ausgaben durchaus «spielraumorientiert» ausfüllen. Manche Werte müssten realistisch sein, aber vieles sei nicht überprüfbar. Hobbys beispielsweise – «wenn Sie sagen, Ihre Hobbys kosten 10’000 Franken im Monat – können wir das nicht richtig überprüfen».

Auf Nachfrage erklärt der Beamte, man unterstütze Pauschalbesteuerte regelmässig bei Rechenbeispielen. Und mehr noch: «Ehrlich gesagt, steuern wir zum Teil die Steuerpflichtigen.» Man empfehle etwa, in einer Kategorie etwas mehr einzutragen und dafür anderswo weniger. «Wir sind hier, ich sage mal, eine Dienstleistungsbehörde, auch wenn wir das eigentlich nicht sein dürften.»

Schweizer Konten bleiben unsichtbar

Im weiteren Gespräch spricht der Beamte offen über die Vorteile des schweizerischen Bankgeheimnisses – zumindest für Vermögende. Während ausländische Konten automatisch gemeldet würden, blieben Depots in der Schweiz für Behörden weitgehend unsichtbar. «Konten im Ausland erfahren wir. Konten in der Schweiz nicht. Das ist der grosse Witz an der Sache», erklärt er.

Entsprechend spiele es für die Steuerkontrolle keine Rolle, wenn sich Guthaben während des Jahres massiv veränderten. Entscheidend sei, was am Jahresende aufgelistet werde. Selbst wenn eine Bank «vergessen» werde, falle das nicht sofort auf – solange das Konto nicht später deklariert werde, denn das wäre ein klarer Fall von Hinterziehung.

Mit den Aussagen konfrontiert, widerspricht der Urner Steueramts-Vorsteher Pius Imholz gegenüber dem Recherchekollektiv. Die Behörde sei zwar «Dienstleister», aber nur innerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Den Vorwurf einer gezielten Steuerreduktion weist er zurück. Pauschalbesteuerungen würden sorgfältig geprüft, unzulässige Praktiken nicht toleriert. Es habe sich um ein informelles Erstgespräch gehandelt.

Kritik von Experten: «Völlig absurd»

Steuerexperte Dominik Gross von Alliance Sud hält diese Verquickung für gefährlich. In kleineren Kantonen verschwimme die Grenze zwischen Standortförderung und Steuerbehörde häufig. Das sei, als würden Journalistinnen eng mit Inserateverkäufern arbeiten – ein System, das Interessenkonflikte fast zwangsläufig begünstige. Dass Steuerämter sich als «Dienstleister» präsentieren, sei «völlig absurd», betont er.

Trotz tiefen Steuern für Pauschalbesteuerte sei der finanzielle Nutzen für Kantone bescheiden. Laut einer gemeinsamen Auswertung von «WOZ» und «Correctiv.Schweiz» leben rund 3’900 Pauschalbesteuerte in der Schweiz. Sie tragen pro Person zwischen 30’000 und 280’000 Franken jährlich bei – im Verhältnis zu ihrem Vermögen ein Bruchteil.

Dass die Schweiz mit dieser Sonderregelung weltweit lockt, zeigt nicht nur eine ETH-Studie. Selbst Oxfam kritisierte 2024 die Praxis als Türöffner für Steuerflucht. Besonders der Kanton Uri werbe laut Oxfam offensiv für das Modell – mit der Aussage, es mache die Schweiz «attraktiv für finanzstarke Personen aus dem Ausland».

Auch die jährliche «Bilanz»-Liste der 300 Reichsten zeigt die Tendenz: Jede fünfte Person besass 2023 einen deutschen Pass.

Der verdeckte Erbe, der in Wahrheit höhere Steuern fordert

Der angebliche Milliardärserbe Elia Weiss ist real – aber in anderem Kontext. Weiss stammt tatsächlich aus einer wohlhabenden deutschen Unternehmerfamilie. Doch statt Steuern zu vermeiden, engagiert er sich bei der Initiative «Tax me now», die höhere Abgaben für Reiche fordert. 

Für die Recherche von «WOZ» und «Correctiv.Schweiz» schlüpft Weiss in die Rolle des arroganten Jung-Erben und reist mit Porsche, Rolex und Designer-Outfits durch die Schweiz. Begleitet von Hoffmann, früher Privatbanker, heute Berater für nachhaltige Investments, besucht er Bern, Gstaad, Uri und Zürich. Die Szenen – etwa eine Banane, die ihm sein «Assistent» aus einer Holzschatulle schält – sind bewusst überzeichnet, um zu testen, wie weit Banken und Behörden gehen.

Gstaad – das Schaufenster der Superreichen

Kaum ein Ort in der Schweiz steht so sehr für die Anziehungskraft extrem Reicher wie Gstaad. Untersuchungen von «Bund» und «Berner Zeitung» zeigen: In kaum einem Dorf konzentriert sich so viel Vermögen auf so engem Raum. Die Liste der dortigen Besitzer liest sich wie ein Who’s who globaler Milliardäre – von DM-Erbe Kevin David Lehmann über Bernie Ecclestone bis zu den Sacklers.

«Es gibt ein Steuersystem für die 99 Prozent – und ein anderes für das eine Prozent.»

Selbst an unscheinbaren Tagen offenbart die Promenade ihren Charakter: Boutiquen von Louis Vuitton oder Hermès, perfekt gepflegte Fassaden, Handtaschen für über 9000 Franken im Schaufenster.

Hier treffen Weiss und Hoffmann Steuerberater, Vermögensverwalter und Berater, die alle den gleichen Ton anschlagen: Gstaad sei ein idealer Ort für Leute wie ihn. Nähe zu Flugplätzen, diskrete Clubs, lösungsorientierte Steuerbehörden – alles vorhanden.

Ein System, das Ungleichheit zementiert

Für Weiss, den echten Weiss, ist der eigentliche Skandal ein anderer: Die Schweiz betreibe de facto ein Zweiklassensystem. «Es gibt ein Steuersystem für die 99 Prozent – und ein anderes für das eine Prozent», sagt er in der Recherche von «WOZ» und «Correctiv.Schweiz». Die Vorstellung, Reichtum sei «verdient», sei oft ein Mythos. Entscheidend sei, wer erbe – und wie gut das System für die Reichsten funktioniere.

Sein Fazit: Das Ungleichgewicht müsse fallen. Vermögen dürfe nicht darüber entscheiden, wie eine Gesellschaft funktioniere oder welche Politik finanziert werde.

Bereits einige Kantone haben reagiert: Zürich, beide Basel, Schaffhausen und Appenzell Ausserrhoden haben die Pauschalbesteuerung abgeschafft – ohne wirtschaftliche Einbrüche.


Mehr Videos aus dem Ressort

Vera Dillier: «Sankt Moritz muss sich warm anziehen»

Vera Dillier: «Sankt Moritz muss sich warm anziehen»

Jetsetterin Vera Dillier und ihr Partner Josef sind oft auf Schnäppchenjagd im internationalen Immobilienmarkt. Sie haben nun ein neues Paradies entdeckt. Vera Dillier: «Sankt Moritz muss sich warm anziehen».

05.09.2024