Grossrazzia in Deutschland Wie stark sind die Hells Angels in der Schweiz?

Jenny Keller

28.4.2026

Die typischen Westen mit Rückenaufnähern machen Mitglieder der Hells Angels auf den ersten Blick erkennbar.
Die typischen Westen mit Rückenaufnähern machen Mitglieder der Hells Angels auf den ersten Blick erkennbar.
sda (Archivbild)

1200 Polizist*innen, dutzende Durchsuchungen und ein Vereinsverbot: In Deutschland eskaliert der Druck auf die Hells Angels. In der Schweiz ist die Gruppierung weniger sichtbar, aber Teil eines Umfelds, in dem organisierte Kriminalität insgesamt an Präsenz gewinnt.

Jenny Keller

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  • Im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen sind über 50 Objekte durchsucht worden, ein Chapter der Hells Angels wurde verboten.
  • In der Schweiz zählt fedpol rund 12 Chapter mit etwa 200 Mitgliedern – deutlich weniger als in deutschen Hotspots.
  • Einzelne Schweizer Mitglieder sind in schwere Delikte verwickelt, der Nachweis einer kriminellen Gesamtorganisation ist schwierig.
  • Gewalt entsteht oft im Konflikt mit Rivalen wie den Bandidos. Parallel wird organisierte Kriminalität in der Schweiz insgesamt sichtbarer – vor allem im Drogenhandel und bei Geldwäscherei.

Als am Dienstagmorgen in Nordrhein-Westfalen rund 1200 Polizistinnen und Polizisten ausrückten, um in 28 Städten mehr als 50 Objekte zu durchsuchen, ging es den deutschen Behörden nicht um Symbolik. Das Innenministerium spricht von einem der grössten Einsätze gegen Rockerkriminalität in der Geschichte Deutschlands.

Auslöser war das Verbot des «Hells Angels Motorcycle Club Leverkusen». Ermittelt wird unter anderem wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Parallel dazu werden Vermögenswerte beschlagnahmt. Dies zielt auf den Kernbereich der organisierten Kriminalität ab: die Sicherung von Kapital, Eigentum und damit verbundener Einflussmöglichkeiten.

Die Grossrazzia zeigt, wie offensiv der Staat in Deutschland inzwischen gegen Rockergruppen vorgeht. In der Schweiz sieht die Lage anders aus. Die Szene ist kleiner, die Eingriffe weniger spektakulär. Behörden betonen aber, dass organisierte Kriminalität insgesamt an Bedeutung gewinnt – und damit auch das Umfeld, in dem Rockergruppen auftreten.

Schweiz ist für die Hells Angels kein Neuland

Die Hells Angels sind in der Schweiz kein neues Phänomen. Das Zürcher Chapter («Ortsgruppe») wurde bereits 1970 gegründet und gilt als eines der ersten offiziell anerkannten Hells-Angels-Chapter Europas. Die Schweiz war damit früh Teil der internationalen Expansion ausserhalb der USA.

Heute sind gemäss Bundesamt für Polizei (fedpol) mehrere international organisierte Motorradclubs in der Schweiz präsent, darunter die Hells Angels, die Bandidos und die Outlaws. Die Hells Angels verfügen über rund zwölf Ableger mit etwa 200 Mitgliedern. Die Bandidos kommen auf rund sechs Chapter mit etwa 50 Mitgliedern, die Outlaws auf rund 40 Angehörige.

Innerhalb der Schweizer Motorradszene beanspruchen die Hells Angels laut fedpol eine übergeordnete Stellung. Wer sich über interne Regeln hinwegsetzt, muss mit Reaktionen aus dem Umfeld rechnen. Rivalisierende Gruppen wie die Bandidos oder Outlaws ordnen sich dieser Struktur allerdings nicht unter.

«Wachsende Bedrohung» in der Schweiz

Das fedpol hält fest, dass das Gefahrenpotenzial der Hells Angels zwar nicht mit jenem in gewissen deutschen Bundesländern vergleichbar ist. Ende 2025 hat der Bund dennoch erstmals eine nationale Strategie zur Bekämpfung organisierter Kriminalität verabschiedet.

Begründet wird dies mit einer «wachsenden Bedrohung» durch internationale kriminelle Netzwerke, die legale Strukturen nutzen und ihre Aktivitäten zunehmend professionalisieren.

Rockergruppen werden von Europol und anderen Behörden als sogenannte «Outlaw Motorcycle Gangs» eingestuft. Mehrere dieser Gruppierungen stehen international regelmässig im Fokus von Ermittlungen, insbesondere im Zusammenhang mit Betäubungsmittelhandel, Gewalt- und Vermögensdelikten. Dabei bestehen wiederholt auch Bezüge zur Schweiz, etwa über Geldflüsse oder personelle Verbindungen.

Vom «Hangaround» zum Vollmitglied

Nach aussen sind die Hells Angels klar erkennbar: Motorräder, Kutten mit Rückenaufnähern, Totenkopf-Symbolik. Diese Zeichen stehen für Zugehörigkeit – und für den Rang innerhalb des Clubs. Intern ist die Struktur streng organisiert. Es gibt klare Hierarchien, feste Rollen und interne Regeln. Wer dazugehören will, durchläuft einen mehrstufigen Aufnahmeprozess.

Als «Hangaround» bewegt man sich zunächst im Umfeld des Clubs, ohne formell dazuzugehören. Erst als «Prospect» gilt man als Anwärter – mit deutlich engerer Bindung und konkreten Erwartungen. Dazu gehören etwa regelmässige Präsenz bei Treffen, Unterstützung bei Clubaktivitäten und die Bereitschaft, sich den internen Regeln unterzuordnen.

Erst wer diese Phase besteht und das Vertrauen der Mitglieder gewinnt, wird als Vollmitglied aufgenommen und erhält die vollständigen Abzeichen («Full Patch»). Diese zeigen nicht nur die Zugehörigkeit, sondern auch den Status innerhalb des Clubs. Dieser Weg kann Jahre dauern und setzt Loyalität, Verlässlichkeit und Anpassung an die Clubregeln voraus.

Die Szene ist traditionell stark männlich geprägt und durch Abgrenzung gekennzeichnet. Hinweise auf rassistisch geprägte Ausschlussmechanismen stammen vor allem aus den USA. Für die Schweiz gibt es keine belastbaren Belege für formelle Regeln dieser Art.

Herausforderung für Ermittler

Für die Behörden stellt sich deshalb vor allem die Frage, wie sich eine solche Struktur strafrechtlich fassen lässt. Kriminologische Studien zeigen, dass solche Gruppen nicht einfach als klassische Verbrechersyndikate eingeordnet werden können.

Nicht jedes Delikt wird zentral geplant oder organisiert. Entscheidend ist vielmehr das Umfeld: Netzwerke, Reputation und Abschreckung können dazu beitragen, dass Straftaten leichter möglich werden oder abgesichert erscheinen.

Für die Strafverfolgung ist das eine Herausforderung. Denn auch wenn einzelne Mitglieder schwere Delikte begehen, bedeutet das nicht automatisch, dass sich der gesamte Club juristisch als kriminelle Organisation fassen lässt. Bisher wurde in der Schweiz kein Mitglied einer solchen Gruppierung wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation verurteilt.

Rivalitäten mit Gewaltpotential

In die Öffentlichkeit tritt die Szene meist dann, wenn Rivalitäten eskalieren. Mehrere dieser Gruppierungen sind untereinander verfeindet. Konflikte drehen sich um territoriale Ansprüche und geschäftliche Interessen.

In der Schweiz zeigt sich das vor allem im Verhältnis zwischen Hells Angels und Bandidos. Spannungen äussern sich in Machtdemonstrationen und direkten Konfrontationen wie Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und Gewaltdelikten. In Einzelfällen kam es auch zu versuchten Tötungsdelikten mit Schusswaffen.

Konkrete Fälle gab es zuletzt in Bern und Genf. 2022 endete eine Auseinandersetzung in einem Restaurant mit Schüssen. Anfang 2026 verurteilte das Genfer Strafgericht ein Bandidos-Mitglied wegen versuchter Tötung zu acht Jahren Haft. Ein Hells-Angels-Mitglied wurde wegen Raufhandel und Verstosses gegen das Waffengesetz verurteilt.

Solche Vorfälle spielen sich meist innerhalb der Szene ab – sie finden aber im öffentlichen Raum statt und können damit auch Unbeteiligte treffen.