Wieso ein Impf-Kritiker sich vielleicht doch impfen lässt

Julia Käser

2.5.2021

Blick in das Impfzentrum Willisau in der Festhalle Willisau im Kanton Luzern anlaesslich einer Medienbesichtigung am Mittwoch, 21. April 2021. Das Impfzentrum in Willisau wird voraussichtlich am 26. April eroeffnet und soll taeglich bis zu 1500 Personen impfen koennen. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Die Impfkampagne in der Schweiz hat in den letzten Tagen weiter Fahrt aufgenommen. 
Bild: Keystone

Gesundheitsfachmann Martin* ist unsicher, ob er sich gegen das Coronavirus impfen lassen will. Im Gespräch mit «blue News» schildert er seine Bedenken – und sagt, was ihn doch zu einer Impfung bewegen könnte. 

Julia Käser

2.5.2021

Martin* arbeitet im Gesundheitswesen in einer grösseren Deutschschweizer Stadt. Die Corona-Pandemie erlebt er in seinem Betrieb hautnah mit – wenn auch nicht an der Front auf der Intensivstation. Er hat aber Kollegen, die sich dort tagein, tagaus um Corona-Kranke kümmern. «Das macht schon was mit einem, wenn sie dann von den Patienten erzählen», sagt er.  

Und dennoch: Martin ist skeptischer als seine Mitarbeitenden, hinterfragt einen grossen Teil der Corona-Massnahmen. In Anbetracht seiner Erfahrung und Expertise im Gesundheitswesen erachte er sie teilweise als verwirrend oder gar unlogisch, so seine Aussage. Trotzdem hält sich Martin an die Massnahmen – um andere zu schützen, das ist ihm wichtig.

Anders als seine Kolleginnen und Kollegen stand der Gesundheitsfachmann am Anfang auch der Impfung kritisch gegenüber. «Für die allermeisten war sofort klar, dass sie sich unbedingt impfen lassen wollen.»

Die kurze Entwicklungszeit hat ihn überrascht

Nicht so für Martin. Er fragte sich: «Wie kann es sein, dass Pharma-Firmen sonst immer darauf verweisen, dass die Entwicklungszeit eines Impfstoffs bis zu zehn Jahre in Anspruch nimmt. Und jetzt geht es auf einmal so schnell?» Ihm sei bewusst, dass man schon seit längerer Zeit an mRNA-Impfstoffen forsche, dennoch überrascht ihn das Tempo.

Mit dieser Skepsis steht er nicht allein da. Im Interview mit «blue News» hat die ungarische Biochemikerin Katalin Karikó jüngst jedoch erklärt, dass sie in der Tat schon seit 20, 30 Jahren zu mRNA forscht. Weil die Technologie bereits seit Jahren genutzt werde, konnte «eine Impfung gegen das Coronavirus quasi über Nacht entwickelt werden».

Kommt hinzu: Während die verschiedenen Phasen einer Impfstoff-Entwicklung normalerweise nacheinander durchgeführt werden, fanden sie im Zusammenhang mit Corona parallel statt. Weltweit wurden Ressourcen gebündelt, um möglichst schnell einen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus zu finden. 

Er hat sich für die Impfung angemeldet, aber ...

Noch mehr als die kurze Entwicklungszeit verunsichert Martin etwas anderes: «Werden die möglichen Risiken der Impfung wirklich genügend beachtet?» Einerseits schütze man die Corona-Riskiogruppen mit den Massnahmen vor dem Virus, gleichzeitig setze man sie einer Impfung aus, deren Langzeitfolgen man ebenso wenig abschätzen könne wie jene der Erkrankung selbst. 

Die Arzneimittelbehörde Swissmedic, die für die Zulassung der Impfstoffe zuständig ist, beurteilt deren Nutzen-Risiko-Verhältnis als positiv. So seien bis am 20. April insgesamt 1485 Meldungen über vermutete Nebenwirkungen eingegangen. Das entspreche ungefähr einer Meldung pro tausend verimpften Dosen. Zwei Drittel der Verdachtsfälle würden sich zudem auf nicht schwerwiegende Nebenwirkungen beziehen, so Swissmedic. 

Martin hat sich trotz dieser anfänglichen Zweifel kürzlich für eine Corona-Impfung angemeldet. Einerseits wegen seines Arbeitsumfelds. Andererseits aus opportunistischen Gründen: «Wenn ich mich impfen lasse, dann lieber jetzt mit einem mRNA-Impfstoff, als später mit dem Vakzin von Astrazeneca, bei dem schwerwiegende Nebenwirkungen gemeldet wurden.»

Nebenwirkungen? Gehören laut Experten auch dazu

Zur Astrazeneca-Impfung

In der Schweiz ist der Impfstoff von Astrazeneca Stand zurzeit nicht zugelassen. Swissmedic wartet seit mehreren Wochen auf notwendige Daten. Bereits im Vorfeld hatte sich der Bund 5,3 Millionen Dosen des Vakzins gesichert. Nachdem vereinzelt Fälle von Hirnvenen-Thrombosen aufgetreten sind, wurden die Impfungen in gewissen Ländern vorübergehend gestoppt und sind etwa in Deutschland mittlerweile nur noch für über 60-Jährige uneingeschränkt empfohlen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) geht nach erneuter Prüfung davon aus, dass solche Thrombosen sehr selten auftreten – etwa in 0,001 Prozent der Impfungen. Die Gefahr, die von einer Covid-19-Erkrankung ausgeht, schätzt sie als deutlich höher ein.

Und einen weiteren Grund nennt er: Die Impf-Privilegien, die derzeit in aller Munde sind. Auch wenn Martin hofft, dass diese auch in Zukunft nicht eingeführt werden, stellt er sich darauf ein. Künftig kein Konzert mehr zu besuchen, in keinen Club mehr gehen zu können, kommt für ihn nicht infrage. 

Ganz überzeugt vom Entscheid, sich impfen zu lassen, ist Martin aber nach wie vor nicht. «Ich habe vermehrt von Leuten gehört, die vor allem nach der zweiten Impfung mit starken Nebenwirkungen zu kämpfen hatten.»

Hier geben Expertinnen und Experten gewissermassen Entwarnung: Grippeähliche Symptome oder der sogenannte «Covid-Arm» seien normale und sogar erwünschte Folgen der Immunantwort, erklärte etwa Christoph Berger, Chef der Schweizer Impfkommission, zu Beginn der nationalen Impfkampagne.

«Sie gehören zur Reaktion des Immunsystems auf den Impfstoff und belegen, dass es funktioniert.» Gerade bei der zweiten Spritze seien diese Nebenwirkungen etwas häufiger – weil die Antwort des Immunsystems dank der ersten Impfung schneller und stärker erfolge.

Die Frage nach der Haftung

Bei Martin bleibt die Verunsicherung. Und ein weiterer Punkt stösst ihm sauer auf: Wieso haften die Pharma-Unternehmen für wirklich schwere Fälle von Nebenwirkungen nicht selbst, sondern überlassen das dem Staat?

Tatsächlich ist nicht ganz klar, wer für allfällige Impfschäden aufkommt. Das BAG verweist darauf, dass bei den Covid-Impfstoffen dieselben Haftungsregeln gelten wie bei anderen Arzneimitteln. Das heisst: Grundsätzlich haftet der Impfstoff-Hersteller. Es ist jedoch möglich, dass sich der Bund «subsidiär an den Kosten beteiligt».

Konkret: Er kann sich vertraglich dazu verpflichten, gewisse Schäden, die einem Hersteller aus dessen Haftpflicht entstehen, auszugleichen. Ob das bei den Corona-Impfstoffen der Fall ist, sagt das BAG nicht – aus verhandlungstechnischen Gründen. 

Mit dem Virus leben lernen

Im vergangenen Sommer hat Martin an einer Anti-Corona-Veranstaltung teilgenommen. «Bei der Teilnahme ging es mir darum, zu zeigen, dass man auch kritisch sein und bleiben muss.» Mittlerweile würden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer allzu oft mit Personen aus rechtsextremen Kreisen in einen Topf geworfen. «Dabei war die Stimmung friedlich. Man fühlte sich irgendwie verstanden.»

Für Martin geht es darum, zu hinterfragen, das hebt er immer wieder hervor. Videos aus verschwörungstheoretischen Kreisen auf Social Media steht er ebenso kritisch gegenüber wie einigen Corona-Massnahmen. 

Mittlerweile setzt er sich damit auseinander, ob es nicht andere Wege zurück in die Normalität gäbe als nur die Impfung. «Wir müssen mit dem Virus leben lernen. Das heisst auch, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen, mitzuentscheiden, wie wir geschützt werden wollen – und nicht das alles auf Dauer dem Staat zu überlassen.» 

*Name geändert und der Redaktion bekannt