Was wir wissen – und was nicht Warum lief der Messerstecher von Winterthur schon wieder frei herum?

Stefan Michel

29.5.2026

Fünf Minuten nachdem der Täter zum ersten Mal zugestochen hat, nimmt ihn die Polizei fest.
Fünf Minuten nachdem der Täter zum ersten Mal zugestochen hat, nimmt ihn die Polizei fest.
BRK News

Warum konnte ein polizeibekannter Mann am hellichten Tag am Bahnhof Winterthur drei Menschen mit einem Messer verletzen? Vieles ist bekannt, die wichtigsten Fragen sind hingegen weiterhin offen. Ein Überblick.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ein 31-jähriger türkisch-schweizerischer Doppelbürger verletzte am Bahnhof Winterthur drei Männer mit einem Messer, einen davon schwer. Nach der Tat soll er «Allahu akbar» gerufen haben.
  • Der Mann war wegen IS-Propaganda vorbestraft, hielt sich zuletzt mehrheitlich in der Türkei auf und war kurz vor der Tat wegen psychischer Auffälligkeiten in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Einen Tag vor dem Angriff wurde er als nicht mehr selbst- oder fremdgefährdend eingestuft und entlassen.
  • Unklar bleiben das genaue Motiv, mögliche Kontakte oder Aktivitäten in der Türkei sowie die Frage, ob die Tat geplant war. Die Klinik lässt ihre Abläufe prüfen, während die Ermittlungen zu den Hintergründen weiterlaufen.

Der Messerangriff am Bahnhof Winterthur bewegt die Schweiz. Polizei und Regierung geben Stunden später bekannt, der Festgenommene sei seit Jahren polizeibekannt und vorbestaft.

blue News liefert dir die Übersicht, was über die Tat und den Täter bekannt ist – und was nicht.

Die Tat: Das ist passiert

Am Donnerstagmorgen um 8.28 Uhr sticht ein Mann am Nordende des Bahnhofs Winterthur mit einem Messer auf drei Männer ein und verletzt einen von ihnen schwer. Danach soll er «Allahu akbar» gerufen haben. 

Fünf Minuten nach dem Angriff auf den ersten Mann nehmen Winterthurer Polizisten den Täter fest.

Der Täter: vorbestrafter Islamist

Grundsätzlich gilt der Mann bis zu seiner Verurteilung als unschuldig. Angesichts der Augenzeugen und der Aussagen der Polizei gibt es aber keinen Zweifel, dass der 31-jährige Mann, dessen Name Regierungsrat Mario Fehr an der Medienkonferenz genannt hat, die Tat begangen hat. 

Bestätigt ist auch, dass es sich beim Angreifer um den türkisch-schweizerischen Doppelbürger handelt, der schon 2015 wegen Verstosses gegen das IS-Verbot verurteilt worden war. Laut Polizei-Kommandant Weyermann hat er IS-Propaganda verbreitet.

Der spätere Täter ist in Winterthur aufgewachsen und hat dort die Schule besucht. Als Jugendlicher sei er bei Raufereien und Drogendelikten mit dem Gesetz in Konflikt geraten, schreibt Kurt Pelda in der «Aargauer Zeitung». Er berichtet seit Jahren über die Winterthurer Dschihadisten.  

Der Täter verkehrte als Jugendlicher in der als radikal bekannt gewordenen An-Nur-Moschee in Winterthur. Dort soll er einmal zusammen mit weiteren Jugendlichen Gläubige verprügelt haben, weil diese «schlechte Muslime» seien. 

Die Vorgeschichte der Tat: Aufenthalt in der Türkei und der Psychiatrie

Die vergangenen zwei Jahre habe der Täter von Winterthur mehrheitlich in der Türkei verbracht, berichtet Regierungsrat Fehr an der Medienkonferenz. Kurz vor dem Messerangriff sei er wieder in Winterthur gemeldet worden, wo er aufgewachsen ist und die Schule besucht hat.

Am 25. Mai, drei Tage vor der Tat, meldete er sich bei der Notrufnummer 117 und machte wirre, wahnhafte Aussagen. Polizeibeamte suchen ihn daraufhin auf und veranlassen eine fürsorgerische Unterbringung und bringen ihn in die psychiatrische Klinik Winterthur (IPW).

Aus der geschlossenen Abteilung der IPW reisst der 31-jährige einen Tag später aus. Die Polizei findet ihn zuhause – er wohnt bei seinen Eltern – und bringt ihn zurück ins IPW. 

Am 27. Mai beurteilt ihn ein Arzt als nicht mehr selbst- und fremdgefährdend. Damit endet der fürsorgerische Freiheitsentzug. Der Mann verlässt darauf die Klinik. 

Am nächsten Morgen greift er drei Männer mit einem Messer an.

Unklar: Warum wurde der Täter aus der Psychiatrie entlassen?

Sicherheitsdirektor Mario Fehr bezeichnet es als «Kippmoment» vor der Tat: Am Abend davor beurteilen die Ärzt*innen der Integrierten Psychiatrie Winterthur IPW den 31-Jährigen als weder selbst- noch fremdgefährdend. Er entschied sich darauf, die Klinik zu verlassen.

Warum die Zuständigen sich im Gefährdungspotenzial des Mannes getäuscht haben – aufgrund welcher Erkenntnisse – ist nicht bekannt. Jérôme Endrass, Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug, erklärt dem SRF, dass die Ärzt*innen oder Psychiater*innen keine forensische Ausbildung hätten und nicht alle Informationen hätten. Es sei gewollt, dass das so sei, führt er aus.

Das IPW hat am Tag nach der Tat bekannt gegeben, dass es seine Abläufe exterb überprüfen lasse. Gegenstand der Untersuchung sollen gemäss SDA Abläufe und Zuständigkeiten sein.

Unklar: Was hat der Täter in den zwei Jahren in der Türkei gemacht?

An der Medienkonferenz teilt Regierungsrat Fehr mit, der Täter habe sich in den vergangenen zwei Jahren mehrheitlich in der Türkei aufgehalten. Darüber, was er dort getan hatte, mit wem er in Kontakt stand, macht er keine Aussagen.

Nur Mutmassungen: Motiv des Täters

Vom Festgenommenen Täter sind keine Aussagen bekannt. Seine Vergangenheit und die «Allahu akbar»-Rufe deuten auf eine dschihadistische Motivation hin, belegt ist aber nichts. Auch ist nichts über ein mögliches Bekennerschreiben oder Posts vor der Tat bekannt. 

Der Vater des 31-Jährigen erklärt nach dem Angriff im «Blick», sein Sohn sei kein Terrorist, er sie psychisch krank und brauche Hilfe.

Unklar: War die Tat geplant, oder geschah sie spontan?

Ebenfalls unbekannt ist, ob der Täter den Messerangriff geplant hat. Seine offiziell bestätigte geistige Verwirrung, macht es plausibel, dass er die Tat spontan oder zumindest ohne lange Vorberietung begangen hat. Bekannt ist dazu aber nichts. Auch nicht, ob Dritte ihn angestiftet haben.