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Die kleine Badi von Pruntrut lässt keine Nicht-Einheimischen rein.
blue News
Nach dem Badi-Verbot von Pruntrut sorgt das jurassische Dorf für Schlagzeilen bis nach Warschau und Berlin. blue News trifft vor Ort auf Menschen, die sich gegen Vorwürfe und Vereinnahmung wehren.
Es ist Freitagnachmittag, die Sonne heizt die Luft über dem Freibad des jurassischen Städtchens Pruntrut zunehmend auf, das Thermometer zeigt 24 Grad. Gut eine Woche ist es her, seit ein Entscheid des Stadtrats durch die internationale Medienlandschaft gezogen wurde. Plötzlich stand das kleine Städtchen im Jura im Zentrum einer Debatte, die bis nach Berlin, Paris und Warschau reichte.
Doch wer an diesem Tag vor Ort ist, spürt keinen Sturm der Entrüstung. Vielmehr liegt ein schwer fassbares Gefühl in der Luft: eine Mischung aus Verärgerung, Trotz und Müdigkeit. «Wir werden von allen missverstanden», schimpft die Kioskverkäuferin auf dem Weg zur Piscine. «Wir werden politisch missbraucht», sagt ein Kunde an der Tankstelle gegenüber.
Der Fussweg vom Bahnhof zur Badi dauert etwa eine Viertelstunde. Er führt vorbei am Kiosk, der Tankstelle, einem Traktorenhändler – und einem Aprikosenstand auf einem Parkplatz. Dort trifft blue News auf einen Mann. Er ist Vater, wie er sagt. Ein ruhiger Typ. «In Pruntrut mögen wir es familiär. Wir schauen zueinander und wählen manchmal einfache Lösungen.»
Was ihn stört, ist nicht die internationale Aufmerksamkeit. Die sei aus touristischer Sicht sogar willkommen. Viel schlimmer sei, was aus Pruntrut gemacht werde. Seine Frau schaltet sich ein und wird wütend. Sie zeigt dem Reporter ein Video auf ihrem Handy, das angeblich das Freibad von Pruntrut zeigt: überfüllt, chaotisch, laut. «Aber das ist nicht hier! Das ist gar nicht unsere Badi!» Gepostet wurde es von einem polnischen Instagram-Konto.
Der Entscheid des Gemeinderats vom 2. Juli war klar formuliert: Zutritt zum Freibad erhalten nur noch jene, die in der Schweiz wohnen, arbeiten oder über das Bürgerrecht verfügen. Für Tourist*innen mit Gästekarte gibt es eine Ausnahme. Was in den Medien als «Ausländerverbot» skandalisiert wurde, verstehen viele Einheimische als pragmatische Eskalation im Sinne von «Einheimische zuerst» – oder, wie sie sagen: «Indigènes first». Nicht aus Fremdenfeindlichkeit, sondern aus Not.

Der Stadtrat will nicht mehr alle Grenzgänger*innen in der Badi haben.
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Eine ältere Frau sitzt am Freitagmittag in der Badi an der Buvette, mit Blick auf das Becken und die gelbe Rutschbahn. Die 71-Jährige kommt mit dem Reporter von blue News ins Gespräch. Gemeinsam teilen sie sich eine Portion Pommes und Chicken-Nuggets.
Für den Artikel soll sie «Ruth» heissen – ihren echten Namen verschweigt sie aus Furcht vor dem Caquet (auf Deutsch: das «Gegacker») im Dorf. Und weil, wie sie sagt, die ausländische Presse ihre Aussagen bereits einmal völlig aus dem Zusammenhang gerissen habe. «Ich habe mich informiert und gelesen, dass ein Fünftel der Leute hier im Dorf keinen Schweizer Pass hat», sagt sie. «Uns käme es nie in den Sinn, diese auszuschliessen. Das sind doch unsere Nachbarn, unsere Freundinnen!» Von einem «Ausländer-Verbot», wie es nun überall heisst, könne keine Rede sein – zumindest nicht aus ihrer Sicht.
Was sie vielmehr beschäftigt, sind andere Dinge: Anstand. Respekt. Und Platz. «Als es im Juni so richtig heiss wurde, war hier die Hölle los», erzählt sie. «Und viele wussten sich einfach nicht zu benehmen – übrigens auch unsere eigenen Jungs nicht. Auch denen fehlt es an guten Vorbildern!»

Einige Jugendliche suchen nicht Abkühlung, sondern Aufmerksamkeit.
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Ruth will nicht als Rassistin dastehen. Im Gegenteil. Sie stehe für eine offene Gesellschaft, sagt sie. Aber auch für klare Regeln – für eine Art Hausordnung in der Gemeinde. «Unsere Piscine ist für unser Dorf gedacht. Wenn in Frankreich die Freibäder schliessen und dann alle zu uns kommen, reicht es einfach nicht mehr.» Die Parkplätze und die Schattenplätze seien begrenzt. «Wenn sich der Hitzesommer mit Social-Media-Macho-Gehabe vermischt, wird’s für alle unangenehm.»
Wie schnell es hier eng werden kann, zeigt ein Blick auf die Umgebung: blue News zählt rund 50 Parkplätze rund ums Freibad. Wer herkommen will, tut das meist mit dem Auto oder dem Velo – eine vernünftige Busverbindung gibt es nicht. Die gesamte Anlage in Pruntrut, inklusive Becken und Liegewiese, umfasst schätzungsweise eine Hektare. Zum Vergleich: Das Freibad Letzigraben in Zürich ist rund drei Hektaren gross – und Zürich verfügt nicht über eine Badi, sondern über gleich 15 Frei- und Strandbäder.
Kein Wunder also, dass es an besonders heissen Tagen zu Engpässen kommt – und zu Konflikten. Stress gibt es dann nicht nur auf den Parkplätzen, sondern auch im Bad selbst. Die Gemeinde sprach dieses Jahr gleich mehrere Hausverbote aus – wegen Pöbeleien, wegen Übergriffen auf das Personal, wegen Grenzüberschreitungen. Einige Jugendliche seien sogar über Zäune geklettert. Die Bademeisterin und die von der Gemeinde bezahlte Security waren zeitweise überfordert, es allen recht zu machen.
Was genau vorgefallen ist, liess sich am Freitag nicht verifizieren: Die Kantonspolizei reagierte nicht auf eine Anfrage. Der Kanton verweigerte ein Statement zu den Gesprächen mit der Gemeinde. Interviewanfragen liessen sowohl die Gemeindepräsidentin als auch die Präsidentin des Stadtparlaments trotz mehrfacher Versuche unbeantwortet.
Kritik gab es nur wenige, zum Beispiel der Jungpartei der SP: Die Regelung der Gemeinde normalisiere Vorurteile und mache «einen Teil der Bevölkerung zum Sündenbock». Ein Juso-Mitglied berichtete, dass er mit seinem französischen Freund nicht in die Badi gehen durfte: «Es war mir sehr unangenehm, ihm erklären zu müssen, warum das nicht möglich ist.»

Die Buvette in der Pruntruter Piscine serviert Chicken-Nuggets und Bier auch am Platz.
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Gegenüber dem Westschweizer Radio RTS betonte Gemeindepräsident Philippe Eggertswyler (Mitte) jedoch am Donnerstag in einem ausführlichen Interview: Die Massnahme sei richtig, durchdacht und verhältnismässig. Eine Rücknahme stehe nicht zur Debatte. «Wir sind nicht fremdenfeindlich, und die Massnahme ist nicht rassistisch», sagte er. «Aber wir müssen unsere Infrastruktur schützen.» Ein Freibad für 28'000 Menschen in der Region Ajoie sei etwas anderes als eines für 250'000 Menschen aus dem benachbarten Frankreich.
In den sozialen Medien wurde der Entscheid zerrissen – und vereinnahmt. Rechtsextreme aus Deutschland feierten Pruntrut als Vorbild. Ein Vertreter von Marine Le Pens Rechtsaussen-Partei Rassemblement National reiste sogar an – und lobte das Vorgehen. Ruth schüttelt den Kopf. «Unser Bürgermeister macht doch keine Le-Pen-Politik. Wer das behauptet, hat keine Ahnung von uns.»
Dass Nicht-Einheimische in Schweizer Badis benachteiligt werden, ist indes nicht neu. In vielen Gemeinden geniessen «Einheimische» bei Freizeit- und Tourismusangeboten Vorrang. Auch Pruntrut kannte solche Regeln schon lange: Wer nicht «indigène» war, zahlte mehr. Dann wurden Zahlungen in Euro abgelehnt. Letztes Jahr führte die Gemeinde eine Ausweispflicht ein. Fehlbaren wurde eine Busse von bis zu 5000 Franken angedroht.

Erwachsene Nicht-Einheimische zahlen in Pruntrut 12 Franken. Einheimische (auf Französisch Indigène) nur 7.50 Franken.
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Doch all das habe nicht gereicht, sagt Ruth. «Dieses Jahr war es schlimmer. Diese Gruppendynamik unter den Rabauken!» Sie sagt das nicht hasserfüllt, sondern besorgt. «Auch unsere eigenen Jugendlichen wollten sich besonders stark fühlen. Das ist kein Problem der Herkunft, sondern der Erziehung.» Ein Mädchen am Nachbartisch dreht sich in diesem Moment um und wirft ein: «Schweizer Talahons sind viel schlimmer!»
«Talahons» – das ist ein abwertender Begriff, meist verwendet für junge Männer, die aufgrund von Verhalten, Aussehen oder Sprache mit arabischstämmigen Migranten in Verbindung gebracht werden. AfD-Politiker benutzten das Wort und behaupteten, Pruntrut habe ein «Talahon-Verbot» erlassen.
Als der Reporter das Ruth erklärt, sagt sie trocken: «Wer sich hier ärgern will, braucht keine dieser Talahons.» Sie zeigt auf Kinder, die kreischend über fremde Frottetücher springen. Auf Jugendliche, die regelwidrig von der Mauer ins Becken hüpfen. Wenig später wird eine Rentnerin an der Hüfte von einem Fussball getroffen. Und ein herrenloses Handy sorgt für Aufregung: Es klingelt fast fünf Minuten lang ununterbrochen – bis ein entnervter Badegast es kurzerhand ausschaltet.

Die Badi in Pruntrut hat nicht nur eine Bademeisterin, sondern auch mehrere Security-Angestellte.
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Im Gespräch wird deutlich: Wer in einer Badi die Idylle sucht, wird selten fündig. Eine Badi ist laut. Sie lebt. Ruth sagt: «Eigentlich ist das einfach das ganz normale Chaos einer Piscine. Mal mehr, mal weniger. Das gönne ich allen. Aber bitte nicht allen auf einmal. Wer keine Badi hat, soll doch bei sich protestieren oder eine Initiative starten!»
Auf die Frage, ob der Badi-Besuch für sie schon immer so politisch war, lacht Ruth. «Nein. Aber man macht sich Gedanken, wenn Leute von der Le-Pen-Partei über das eigene Dorf reden. Und wenn Anhänger von Alice Weidel Pruntrut plötzlich als Vorbild für ihr vergiftetes Menschenbild sehen.»
Dann fügt sie hinzu: «Immerhin werde ich diese zwei Damen wegen des Verbots nicht in meiner Piscine sehen.» Als der Reporter einwirft, dass Alice Weidel eine Wohnung in der Schweiz hat und wohl durchaus kommen dürfte, schaut Ruth kurz auf – und schimpft: «Verdammt.»