Schaffen wir den Energie-Verzicht?

«Wir müssen natürlich etwas an unserem Verhalten ändern»

Von Andreas Fischer

19.8.2022

Wer die Heiztemperatur nur um ein Grad senkt, kann rund sechs Prozent Energiekosten sparen.
Wer die Heiztemperatur nur um ein Grad senkt, kann rund sechs Prozent Energiekosten sparen.
Christin Klose/dpa-tmn

Im Winter könnten Strom und Gas knapp werden: Schweizer*innen sollen Energie sparen. Was kommt auf sie zu und können sie ihr Verhalten einfach so ändern? Eine Umweltpsychologin erklärt.

Von Andreas Fischer

19.8.2022

Die Energie in Europa – und folglich auch in der Schweiz – wird knapp. Der Bundesrat bereitet sich auf eine mögliche Mangellage im Winter vor. Um Strom und Gas zu sparen, müsse auch die Bevölkerung mitziehen, heisst es in Bern. Doch ist der Mensch überhaupt dazu gemacht, sich einzuschränken oder braucht es einen Knall-auf-Fall-Ausfall, damit er sich ändert? Die Umweltpsychologin Cathérine Hartmann erklärt, warum die Schweizer*innen keine Angst vor dem Winter haben müssen und sie im Grunde auf nichts verzichten müssen.

Zur Person
zVg

Cathérine Hartmann lehrt und forscht am Psychologischen Institut der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Umweltpsychologin beschäftigt sich schwerpunktmässig mit der Mensch-Umwelt-Interaktion und der Mensch-Technik-Interaktion.

Frau Hartmann, wie kommen wir ohne Energie durch den Winter?

Komplett ohne Energie geht es natürlich nicht, es sei denn wir kehren zu ganz ursprünglichen Lebensweisen zurück. Was wir aber tun können, ist den Verbrauch zu reduzieren, in dem wie unser Verhalten ändern.

Ist das denn so einfach, wie es tönt?

Es wäre gar nicht so schlecht, sich erstmal einen Überblick zu verschaffen: Man muss nicht gleich alle alten Geräte austauschen, aber man bekommt ein Gefühl für Stromfresser. Strom zu sparen, ist im privaten aber auch im Arbeitskontext, relativ einfach möglich, wenn wir ein wenig an unserem Verhalten schrauben. Statt den Standby-Modus zu nutzen, können wir Geräte mit einer Steckerleiste ganz ausschalten. Statt kaltes Wasser ohne Deckel aufzukochen, können wir den bereits warmes oder heisses Wasser nutzen und den Deckel draufsetzen.

Eine wirksame Massnahme ist auch, die Raumtemperatur zu senken. Oder man nutzt den Energiesparmodus bei Geschirrspüler und Waschmaschine. Es gibt viele kleinere Dinge, die man machen kann, es aber selten tut. Und oftmals ist das Gewohnheitssache.

Es gibt viele Dinge, bei denen uns nicht immer klar ist, dass sie Energie verbrauchen, weil uns verborgen bleibt, was im Hintergrund passiert: Jeder Stream, jede gespeicherte Mail, jeder Newsletter verbraucht Strom. Weil sie aber an einem anderen Ort für uns «gelagert» werden, verschwinden sie aus unserem Blickwinkel. Die Dimension ist den meisten Menschen gar nicht bewusst.

Es fehlt also an Wissen?

So ist es, aber auch da muss ein wenig differenziert werden zwischen verschiedenen Wissensformen. Ein erster Schritt kann die Wissensvermittlung sein, dass ist derzeit die fehlende Komponente. Uns wird zwar gesagt, dass eventuell weniger Strom zur Verfügung steht oder er ganz ausfällt, aber uns muss auch gezeigt werden, wie wir handeln können.

Im Moment fehlt die Aufklärung. Übrigens auch darüber, dass wir im Winter sicherlich nicht alle im Kalten sitzen werden. Dennoch ist Wissen oft ein bedingender jedoch nicht ein hinreichender Faktor damit eine Verhaltensänderung passiert und somit kein Allheilmittel.

Wer ist denn für die Aufklärung verantwortlich?

In Deutschland hat das Wirtschafts- und Energieministerium schon vor einigen Wochen eine Energiesparkampagne lanciert: Dort kleben an allen Strassenecken grosse Plakate, die sich sowohl an Privatpersonen als auch die Wirtschaft richten, im Internet gibt es weiterführende Informationen. Das wäre auch in der Schweiz eine Sache, um überhaupt erstmal die Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Da wir Gewohnheitsmenschen sind, braucht es nämlich sehr lange, um Verhalten zu ändern und neue Gewohnheiten aufzusetzen, die in den täglichen Habitus übergehen und ein neues stabiles Verhalten werden.

Das tönt nach einer langfristigen Aufgabe: Können wir es überhaupt bis zum Winter schaffen, unser Verhalten zu ändern?

Ich bleibe optimistisch. Es braucht aber Geduld, Zeit und finanzielle Mittel, um alte Gewohnheiten aufzubrechen und neue zu erlernen.

In der Politik ist viel die Rede von effizienten technischen Lösungen, der Bundesrat will bei einer Strommangellage Reservekraftwerke aktivieren: Müssen wir überhaupt Energie einsparen?

Wir müssen natürlich an unserem Verhalten etwas ändern. Allgemein verbrauchen wir nämlich zu viel Energie und leben über unsere vorhandenen Ressourcen. Ausserdem können wir die Effizienzschiene nur bis zu einem gewissen Grad fahren. Wenn wir an unserem individuellen Verhalten nichts ändern, bringt sie uns nicht weit. Was nützt ein neues E-Auto, wenn wir damit 100 Kilometer mehr fahren, weil es weniger verbraucht? Genau hier sind wir an dem Punkt, an dem es darum geht, aus weniger mehr zu machen. Und das beginnt im Kopf.

Warum halten viele Menschen in – nicht repräsentativen – Umfragen die Mahnungen und Warnungen vor einem Strommangel für übertrieben?

Es ist ähnlich wie mit vielen anderen Dingen. Solange zum Beispiel der Klimawandel nicht vor unserer Haustür aufschlägt, sehen wir die Ernsthaftigkeit und die Bedrohung nicht: Im Moment geht es uns gut. Warum sollten wir also erwarten, dass es mal anders wird?

Dem, was in der Zukunft passiert, schenken wir weniger Aufmerksamkeit und geben ihm weniger Gewicht. Die unmittelbare Belohnung nur im Jetzt und Hier zu sehen, anstatt auf einen späteren Zeitpunkt zu setzen, ist ein klassischer Bias, dem wir unterliegen. Dass wir jetzt schon Energie sparen, damit es uns im Winter noch gut geht, erscheint nicht attraktiv.

Also ist den Menschen ein potenzieller Energiemangel im Winter noch zu abstrakt?

Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite ist aber wie erwähnt zu wenig oder falsches Wissen im Umlauf. Das muss in Aufklärungskampagnen berücksichtigt werden. Und es muss klar angesprochen werden, dass es uns im Grunde an nichts mangeln wird. Gleichzeitig müssen wir Handlungswissen vermittelt bekommen, wie wir unser Verhalten ändern können, um eine Mangellage zu vermeiden.

Sind wir Menschen überhaupt dazu gemacht, uns einzuschränken?

Man spricht immer vom Verzichtsmodus und von Einschränkungen: Aber wenn wir es umformulieren, geht es nicht darum, Verzicht zu lernen, sondern darum, weiterhin ein gutes und gesundes Leben zu führen. Diesen Mehrwert erkennen im Moment noch wenige. Deswegen sollte Aufklärungsarbeit mit positiven Bildern unterlegt werden und zeigen, wie viel man wirklich braucht, um ein gutes Leben zu führen.

Ein Beispiel ist die Debatte während der Corona-Pandemie, als Fernreisen nicht möglich waren und es plötzlich hiess: In der Schweiz und in Europa kann man auch ganz gut Ferien machen. Man musste auf wenig verzichten, auf Berge nicht, auf das Meer nicht und nicht auf Erholung, und hatte ein gutes Leben. Dafür war nur ein bisschen Umdenken nötig.

Nach den zwei Jahren Fernreise-Zwangspause sind die Menschen in diesem Sommer aber wieder in alte Verhaltensmuster gefallen.

Wie gesagt, wir sind Gewohnheitsmenschen. Es braucht lange, um das Verhalten nachhaltig umzustellen. Aus der Psychologie wissen wir, dass es über spielerische Ansätze ganz gut funktioniert, Menschen in ein neues Verhalten zu bringen, zum Beispiel über Wettbewerbe. Das kann man durchaus über Kampagnen machen, auch prominente Vorbilder würden helfen.

Von welchen Zeiträumen reden wir denn? Bis zum Winter sind es nur noch ein paar Monate.

30 bis 40 Prozent unserer täglichen Verhaltensmuster sind so stabile Gewohnheiten, dass sie nicht kurzfristig geändert werden können. Von der Lebensmittelwahl über die Mobilität bis zu unserem Verhalten im Haushalt – über vieles denken wir nicht nach, sondern funktionieren auf Autopilot. Wenn man diesen Autopiloten umstellen möchte, müsste man ein ganzes System umstellen und auch die situativen Gegebenheiten und strukturellen Voraussetzungen etwas verändern. Dennoch: Es ist vielen Menschen bereits aufgefallen, dass sich etwas verändert hat.

Reichen Appelle und Motivation aus, oder muss es auch Ge- und Verbote geben?

Auf die Mischung kommt es an. Es muss gewisse Vorgaben geben, damit man ins Handeln kommt und der erste Stein ins Rollen gebracht wird. Gleichzeitig braucht es als Unterstützungsmassnahmen Motivation und Animation, aber auch Belohnung, um die Leute wirklich mitzunehmen und bei ihnen nicht Trotz, Angst oder Ärger auszulösen.