«Der Covid-19-Impfstoff? Gerührt, nicht geschüttelt!»

Paolo Baretta

15.1.2021

Die ersten Covid-19-Impfungen im Tessin sind vor einer Woche in den Altersheimen gestartet. Was sind die Herausforderungen? Welche Schwierigkeiten gibt es im Umgang mit einem derart sensiblen Präparat? Interview mit der Pflegeleiterin Yasmin Boschetti.

Ihr Arm schmerzt noch etwas von der Impfung, als wir Yasmin Boschetti unsere Fragen stellen. «Aber das stört mich kaum. Es ist okay. Vielleicht weil ich ihn viel bewegt habe.»

Die letzten beiden Arbeitstage waren für die Pflegeleiterin des Centro Sociale Onsernonese (CSO) in Russo völlig anders und anstrengender als gewohnt. Mit ihren in zwei Teams (eines pro Standort) eingeteilten Kollegen hat sie die Bewohner und Mitarbeiter des Altersheims geimpft.

In der Stimme derjenigen, die wir im März 2020 inmitten der schweren ersten Welle gehört haben, ist jedoch kein Funken Müdigkeit zu erkennen. Ganz im Gegenteil, man spürt die grosse Zufriedenheit: «Es ist anstrengend gewesen, aber es ist alles gut gegangen. Wir sind erleichtert.» Gestärkt beginnen wir also das Interview, das aus Sicherheitsgründen am Telefon geführt worden ist.

Frau Boschetti, was haben Sie, als Sie von der Ankunft des Impfstoffs erfahren haben, gedacht?

Eine gute Nachricht. Wir hatten den Eindruck, endlich eine Waffe gegen Covid-19 in der Hand zu haben und nicht nur Verteidigungsmassnahmen wie Masken, Desinfektionsmittel und Social Distancing. Zu Beginn hat es wie üblich ein paar Bedenken wegen des neuen Impfstoffs gegeben.

Wir haben viel untereinander diskutiert und recherchiert. Wir haben auch gedacht, dass sich die Generationen vor uns wahrscheinlich ebenso gefühlt haben, als die Impfstoffe gegen Polio oder die Pocken entdeckt worden sind. Wir haben es den früheren Generationen zu verdanken, dass wir heute nicht mehr gegen diese Krankheiten kämpfen müssen. Unsere Bedenken sind daher unmittelbar in Hoffnung umgeschlagen, diese dunkle Zeit für uns und natürlich unsere Bewohner zu beenden. Auch sie konnten die Ankunft des Impfstoffs kaum erwarten und haben gehofft, unter den Ersten zu sein, die ihn bekommen.

Und nachdem die Impfkampagne letzten Montag in mehreren Tessiner Altersheimen gestartet ist, ist der Impfstoff am Donnerstag schliesslich im CSO angekommen.

Genau. So viele Emotionen. Ganz ehrlich? Ich glaube, das ist ein historischer Moment gewesen. Ich habe das wertvolle Paket auf dem Vorplatz unserer Einrichtung entgegengenommen. Der Impfstoff ist höchst empfindlich und darf unter keinen Umständen geschüttelt werden. Darum haben wir auch beschlossen, nicht den Aufzug zu nehmen, denn wenn er stecken bleibt, gelangt der Impfstoff nicht sofort wieder in den Kühlschrank. Ich bin vier Stockwerke ganz vorsichtig und langsam zu Fuss gegangen. Alle haben mich angesehen. Ich weiss, das klingt witzig, und als ich meinen Kollegen davon erzählt habe, haben sie gelächelt, aber während ich die Stufen hochgestiegen bin, habe ich dasselbe wie beim Gang zum Altar bei meiner Hochzeit gedacht: «Bloss nicht hinfallen, nicht hinfallen!» (lacht).

Zur Person

Yasmin Boschetti, 30 Jahre alt, studierte Krankenpflege an der Universität des östlichen Piemont. Sie begann ihre Arbeit am Centro Sociale Onsernonese (CSO) in Russo TI im Jahr 2014 und ist seit 2018 Leiter des Pflegesektors.

Nicht nur der Transport, sondern auch die Handhabung des Impfstoffs ist heikel. Warum?

Die Aufbereitung dieses Arzneimittels ist nicht ganz einfach gewesen. Dadurch, dass die Dosen alle enorm empfindlich und wertvoll sind, ist auch bei der Rekonstitution der Impfstoffe höchste Vorsicht und Konzentration geboten gewesen, um nicht Gefahr zu laufen, einen einzigen Tropfen zu verlieren. Des Weiteren wird das Präparat in einer winzigen Ampulle bei minus 75 Grad geliefert und kann nach dem Auftauen maximal fünf Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden. Der Kantonsarzt Giorgio Merlani und der Kantonsapotheker Giovan Maria Zanini haben allerdings empfohlen, ihn innerhalb von zwei Tagen aufzubrauchen.

Ist es Ihnen gelungen, diesen Empfehlungen zu folgen?

Ja, natürlich. Dank einer hervorragenden Organisation ist es uns gelungen, zwischen Donnerstag Morgen und Freitag Nachmittag über 100 Bewohner und Mitarbeiter an beiden Standorten zu impfen.



Bevor wir nochmals auf die Organisation zurückkommen, eine technische Frage: Ein Impfstoff muss rekonstituiert werden? Was bedeutet das?

Wie andere Arzneimittel auch muss auch der Impfstoff rekonstituiert bzw. aufbereitet werden. Das bedeutet, dass die Impfstoffsubstanz mit Kochsalzlösung, also Natriumchlorid, verdünnt werden muss, bevor sie gespritzt werden kann. Nehmen wir beispielsweise Antibiotika, die intravenös verabreicht werden müssen. Viele davon sind in Form eines Pulvers vorhanden, das mit Natriumchlorid aufbereitet werden muss. Ein reiner Routinevorgang. Wir sind an diese Abläufe gewöhnt.

Wird der Covid-19-Impfstoff auf dieselbe Weise aufbereitet?

Keineswegs! Darum ist die Handhabung in diesem Fall auch viel schwieriger gewesen. Um aus einem Antibiotikum in Pulverform eine Injektionslösung mit Natriumchlorid herzustellen, muss diese in den meisten Fällen geschüttelt werden, manchmal auch kräftig. Bei dem kleinen Fläschchen mit dem Covid-19-Impfstoff ist das anders. Wir sind nach dem Prinzip vorgegangen, das der Kantonsapotheker Giovan Maria Zanini mit folgendem Slogan zusammengefasst hat: «Rühren, nicht schütteln». Wir haben die Fläschchen vorsichtig gedreht. Nach der Rekonstitution des Impfstoffs darf er keinesfalls geschüttelt werden. Darum haben wir die Spritzen am Tablett ganz langsam zu den Impfpatienten gebracht.

Dafür ist also eine spezielle Organisation erforderlich.

Genau. Weil wir ein so kostbares Arzneimittel zur Verfügung hatten, aber in so kleinen Dosen. Auch bei anderen Medikamenten sind wir äusserst vorsichtig, aber wir wissen, dass wir, wenn irgendetwas schiefgeht, weitere Dosen zur Verfügung haben. Beim Covid-19-Impfstoff aber durfte nicht ein einziger Schritt misslingen, weil jede Dosis wichtig war und jeder einzelne Tropfen davon alles hätte verändern können. Wir mussten unglaublich vorsichtig sein.

Für welche Vorgehensweise haben Sie sich im CSO entschieden?

Wir haben für unsere Einrichtung hier in Russo und die andere in Loco jeweils ein Team mit vier Pflegefachkräften zusammengestellt, wobei jeder von ihnen eine spezielle Aufgabe zugeteilt worden ist. Dazu gehörten die Rekonstitution des Impfstoffs und die Überwachung des Ablaufs, indem jeder einzelne Schritt des Protokolls, das uns von der Tessiner Kantonsspitalgruppe Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) zur Verfügung gestellt wurde, laut vorgelesen wurde. Die anderen beiden haben sich um die Verabreichung des Impfstoffs mit der Vorbereitung des Patienten, der Erfassung der entsprechenden Daten und Parameter und der Vorbereitung der diversen Atteste gekümmert. Für den Fall einer allergischen Reaktion, die spätestens nach 15 Minuten auftritt, ist zudem Dr. Beppe Savary anwesend gewesen.

Sind besondere Schwierigkeiten aufgetreten?

Nein. Keine. Wir haben das Protokoll des EOC befolgt, das den gesamten Ablauf mit äusserst hilfreichen Bildern darstellt. Wir haben einen Tisch mit den verschiedenen Stationen für die einzelnen Abläufe eingerichtet. Wir mussten die Impfstoffampulle 10 Mal vorsichtig umdrehen, abstellen, die Oberfläche desinfizieren, die richtige Menge Natriumchlorid injizieren und das Ganze im Anschluss weitere 10 Mal umdrehen, aber nicht schütteln. Dadurch, dass immer jemand anwesend gewesen ist, der die einzelnen Schritte kontrolliert und bestätigt hat, haben wir nicht eine einzige Dosis verschwendet.

Eine richtige Teamarbeit, sind Sie daran gewöhnt?

Nein. Teamarbeit gehört bei der Aufbereitung eines Arzneimittels nicht zur gängigen Praxis. Normalerweise bereitet jeder von uns seine Medikamente während seiner Schicht vor. Im Altersheim sind wir es gewöhnt, alleine Dienst zu haben. Es ist daher etwas Besonderes gewesen, eine tolle Teamleistung. Wir konnten viel Verantwortung übernehmen.

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Wie viele Mitarbeiter und Heimbewohner haben an der Impfkampagne teilgenommen?

Wir warten bereits seit März auf den Impfstoff. Die Mitarbeiter, die sich von Beginn an intensiv mit den Präparaten von Pfizer und Moderna auseinandergesetzt und besonders aktiv an den Gesprächen im Team teilgenommen haben, haben sich sofort gemeldet. Andere haben sich erst informiert, als wir eine Entscheidung verlangt haben, da wir die Dosen bestellen mussten. An diesem Punkt haben wir Führungskräfte und die Ärzte Schritte unternommen, um die beste Entscheidung anzuregen, indem wir Nutzen und Risiken beleuchtet haben. Zu diesem Zweck ist das Online-Seminar vom 22. Dezember des Kantonsarztes Giorgio Merlani und des Kantonsapothekers Giovan Maria Zanini äusserst hilfreich gewesen, die uns die von Pfizer publizierten Impfstoffstudien präsentiert und höchste Sicherheitsstandards garantiert haben.

Die Beteiligung ist also von Beginn an hoch gewesen?

Nicht sofort. Zum Glück ist unser Leiter vorausschauend gewesen und hat einige Dosen mehr bestellt. Wenige Tage nach der Bestellung haben sich etwa zehn Mitarbeiter aus den verschiedenen Bereichen erneut bei uns gemeldet, weil sie sich entschlossen hatten, sich impfen zu lassen. Nur eine negative Anmerkung: Die sozialen Medien haben keinen positiven Beitrag geleistet. Sie tun es immer noch nicht. Leider kann jeder falsche und unwissenschaftliche Informationen verbreiten, die enormen Einfluss auf die Bevölkerung haben.

Wie viele Menschen sind tatsächlich im CSO geimpft worden?

48 Heimbewohner in Loco und Russo zusammen, nur drei wollten sich nicht impfen lassen. Unter den 45 Teilnehmern befindet sich auch eine Frau, die erst am Tag der Impfung selbst entschieden hat, sich impfen zu lassen, weil sie den starken Zuspruch der anderen Bewohner gesehen hat. Von den Mitarbeitern haben sich 61 von 96 dafür entschieden, also knapp zwei Drittel. Auch hier hat sich ein Mitarbeiter angesichts der hohen Zustimmung der Kollegen und des Ausbleibens von Reaktionen kurzfristig dazu entschieden.

Wird diese Impfung Ihr Leben und das der Bewohner des CSO unmittelbar verändern?

Keineswegs. Fürs Erste ändert sich gar nichts. Wir müssen drei Wochen auf die zweite Impfdosis, die Auffrischung, warten, um die garantierte maximale Schutzwirkung von 95 Prozent zu erzielen. Angesichts der hohen Teilnehmerzahl unter den Mitarbeitern und Bewohnern können wir das Ganze aber entspannter angehen. Genaueres werden wir aber noch aus dem Büro des Kantonsarztes erfahren.



Ist das jetzt nicht ein bisschen früh?

Ja, sicher. Es ist viel zu früh. Es stehen so viele Fragen im Raum, zum Beispiel, ob geimpfte Personen andere anstecken können. Aber auch zu praktischen Aspekten wie Heimbesuchen. Wann und wie werden die Bewohner Ausgang erhalten? Das, was uns am meisten am Herzen liegt, sind die Masken. Lächelnde Gesichter sind etwas, das sowohl ihnen als auch uns enorm fehlt. Wann können wir sie abnehmen? Wann werden wir das Lächeln unserer Bewohner wiedersehen? Und wann werden wir ihnen wieder unser Lächeln schenken können?

Eine berechtige Frage, wie wir finden, wobei wir uns bei Yasmin Boschetti, Pflegeleiterin des CSO, bedanken möchten. Eine Frage, die sich viele stellen: Wann? Das weiss niemand. Aber im Unterschied zur Situation vor einigen Monaten, als noch unzählige Spekulationen im Raum gestanden sind, gibt es jetzt dank der Impfstoffe etwas mehr Sicherheit: Wir werden wieder ohne Maske lächeln können. Der Preis, den wir dafür zahlen, scheint wirklich gering: Informationen aus offiziellen und wissenschaftlichen Quellen einholen. Und höchstens ein schmerzender Arm für ein paar Tage.

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