Zu viele Velos: Kommt nun die Reservationspflicht in den Zügen?

tsha

28.9.2020 - 15:50

Mit dem Velo im Zug unterwegs – nicht immer klappt das reibungslos.
Bild: Keystone

In den Schweizer Zügen werden immer mehr Velos transportiert. Das stellt die SBB vor Herausforderungen und Velofahrer vor Probleme. 

Wer derzeit aus dem Fenster schaut, ahnt es: Die Velosaison neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. In den vergangenen Wochen und Monaten aber waren so viele Velos wie lange nicht mehr auf Schweizer Strassen und Wegen unterwegs. Das bekamen auch die SBB zu spüren – allein im Juni wurden zwei Drittel mehr Velotageskarten verkauft als im selben Monat des Vorjahres.

Die andauernde Coronakrise hat manch einen seine Liebe zum Drahtesel wiederentdecken lassen. Was an sich ja eine gute Entwicklung ist – Volofahren ist schliesslich gesund und umweltfreundlich – hat aber auch seine negativen Seiten: In den Zügen, mit denen viele zu ihren Velotouren aufbrechen, ist kaum mehr Platz für die Zweiräder.



Laut Valérie Sauter, Projektleiterin Politik und Infrastruktur bei der Interessenvertretung Pro Velo, gab es zuletzt «Situationen und Perioden, in denen mehr Velos transportiert werden als üblich». Eigentlich, so Sauter gegenüber CH Media, müssten die SBB darauf reagieren – es fehle der Bahn aber an passendem Rollmaterial.

Viele Probleme

Die Liste der Probleme, die Sauter ausmacht, ist lang. So würden viele Züge schlichtweg nicht genug Platz für die vielen Velos bieten. Und wenn doch Platz da ist, dann sei dieser oft ungeeignet, weil etwa moderne Fahrräder mit dicken Reifen nicht in die schmalen Halterungen passten.

Platzprobleme gebe es etwa beim «FV Dosto», dem seit Jahren umstrittenen neuen Doppelstockzug von Bombardier. Denn die für Velos vorgesehenen Multifunktionsflächen sind schnell besetzt, weil hier auch Kinderwägen und Gepäckstücke abgestellt werden dürfen. Die verbauten Velohaken wiederum, kritisiert Velolobbyistin Sauter, seien zu schmal für viele Mountainbikes und E-Velos.



Deutlich besser seien die alten Doppelstockzüge des Typs «IC 2000» gewesen, die nach und nach vom «Dosto» ersetzt werden. Die Haken seien breiter, ausserdem würden sich die Abstellplätze für Velos immer am selben Ort befinden – beim «Dosto» müsse man bisweilen das Velo durch den halben Zug schieben, um es abstellen zu können.

Keine «langfristige Strategie»?

Ein schlechtes Zeugnis stellt Pro Velo auch den Giruno-Zügen aus, die ins Tessin verkehren. Der neue Gotthard-Zug bietet pro Komposition nur vier Abstellplätze für Velos. Bei den ICN-Kompositionen, die auf der Strecke bisher eingesetzt wurden, sind es noch deren sechs. Und die alten einstöckigen Kompositionen mit dem Einheitswagen IV, die bislang ebenfalls ins Tessin fuhren, bieten zwei Plätze pro Wagen, auf ganzer Zuglänge also deutlich mehr.

Eine Lösung für das Platzproblem könnte eine generelle Reservationspflicht für Velos sein – zumindest scheinen das die SBB so zu sehen. Wer etwa sein Velo durch den Gotthard-Basistunnel transportieren will, muss schon heute dafür reservieren und dafür fünf Franken Aufpreis zahlen – zusätzlich zum Preis für die Velobeförderung. Laut CH Media könnten die Reservationspflicht auf alle Fernverkehrszüge ausgeweitet werden – die SBB wollen dies allerdings noch nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren.

Kritik an der Verpflichtung, für sein Zweirad einen Platz reservieren zu müssen, kommt von Pro Velo. Das erschwere die Nutzung der Züge und zwinge Velofahrern zusätzliche Kosten auf. Stattdessen müssten die SBB genügend Platz zur Verfügung stellen, so Sauter. Auf ausgewählten Strecken tut die Bahn das auch, etwa an Wochenenden auf der Strecke von Zürich nach Chur sowie von Bern nach Brig. Für Sauter nicht genug: Der Bahn, sagt sie, fehle es an einer «langfristigen Strategie».

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