Mit grünen Stimmzetteln geben die Bürger*innen ihre Zustimmung zum Ausdruck.
Weil mehr Leute als erwartet gekommen sind, müssen zusätzliche Stühle aufgestellt werden.
Beschlossen wird der Abend mit Glühwein und Marroni um die Feuerstelle.
Mit grünen Stimmzetteln geben die Bürger*innen ihre Zustimmung zum Ausdruck.
Weil mehr Leute als erwartet gekommen sind, müssen zusätzliche Stühle aufgestellt werden.
Beschlossen wird der Abend mit Glühwein und Marroni um die Feuerstelle.
An der Gemeindeversammlung in Glarus nahmen so viele Bürger*innen wie noch nie teil. Über 900 Personen haben über Sparmassnahmen, eine Steuererhöhung und die Zukunft ihrer Dorfbeizen beraten.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Die Gemeindeversammlung Glarus hat eine Steuererhöhung von 5 Prozentpunkten beschlossen.
- Emotional diskutiert wurde zudem der geplante Verkauf von sechs Gemeinderestaurants.
- Bereits zuvor machte der rigorose Sparkurs des Gemeinderats Schlagzeilen.
«Die Gemeindeversammlung befindet sich in der Krise», liess sich der Politologe Mark Balsiger im Juli von der «Plattform J» zitieren. Leere Sitze im Saal? Nicht so in der Gemeinde Glarus. Mehr als 900 Bürger*innen strömen am Freitag in die Turnhalle Buchholz – so viele wie noch nie. Der Andrang ist gar so gross, dass kurz vor Beginn zusätzliche Stühle aufgestellt werden müssen.
Die Gemeindeversammlung ist in Glarus entgegen dem Trend nicht aus der Mode. Das dürfte aber wohl auch mit den Traktanden zusammenhängen, die einiges an Sprengstoff bergen: Weil die Gemeinde in einer finanziellen Schieflage steckt, soll der Steuerfuss um ganze 5 Prozentpunkte auf 61 Prozent erhöht werden.
Die angespannten Finanzen haben den Gemeinderat bereits im laufenden Jahr zu drastischen Sparmassnahmen bewogen. So wird etwa der Skilift Dreieck verkauft oder zurückgebaut. Das Personalfest wurde gestrichen. Beim Schulschwimmen wird gespart. Und die Badi Ygruben konnte diesen Sommer nur betrieben werden, weil die Stiftung Glarner Gemeinnützige in die Bresche sprang.
«Beliebt hat sich der Gemeinderat nicht gemacht, denn schmerzlos sparen ist wohl unmöglich», konstatiert denn auch Gemeindepräsident Peter Aebli (FDP).
Restaurant-Verkäufe als emotionales Thema
Die Gemeinde will zudem sechs Dorf- und Bergrestaurants an Private verkaufen oder im Baurecht abgeben. Hierfür soll an der Versammlung ein Grundsatzentscheid gefällt werden: Soll die Gemeinde für die einzelnen Gastrobetriebe einen Käufer suchen oder nicht?
«Ds Wort isch frii.» Der Satz, den Aebli jeweils nach der Vorstellung eines Geschäfts sagt, steht sinnbildlich für die gelebte Demokratie an diesem Abend. Verkörpert wird sie durch die grünen Stimmzettel, die bei Zustimmung in die Höhe gestreckt werden.
«Wir mussten in den letzten Jahren bereits ein Beizensterben erleben», sorgt sich ein Bürger um die Zukunft der Gasthäuser. «Die Restaurants erfüllen wichtige gesellschaftliche Aufgaben, man trifft sich dort», mahnt ein anderer. «Das Problem sind die anstehenden Investitionen in Sanierungen», kontert Finanzvorsteher Mischa Toso (SVP).
Letztlich erhalten nur zwei Beizen genügend grüne Zettel im Sinne des Gemeinderats: Das «Schützenhaus» inklusive Truppenunterkunft nebenan sowie die «Äugstenhütte» dürfen verkauft werden. Das «Gesellschaftshaus», die «Schwammhöhe», das «Uschenriet» und das «Bergli» sollen hingegen im Besitz der Gemeinde bleiben.
«Müssen verhindern, dass wir uns massiv verschulden»
Der Verkauf von Boden für das neue Hotel Restaurant «Rhodannenberg» wird diskussionslos genehmigt. Viel mehr zu reden geben erwartungsgemäss die Finanzen.
Im Budget 2026 resultiert erstmals seit Jahren wieder ein knapper Ertragsüberschuss von rund 300'000 Franken. Das bedingt allerdings, dass der Steuererhöhung zugestimmt wird.
«Wir sind mitten im Sparprozess, aber wir brauchen die Steuererhöhung jetzt, um zu verhindern, dass wir uns weiter massiv verschulden», sagt Gemeindepräsident Aebli. Dieser Argumention widerspricht niemand. Es sind viel mehr einzelne Ausgabenposten, um die gestritten wird.
E-Ladestationen und Personalkosten als Zankäpfel
Die SVP stört sich etwa an geplanten Investitionen in Elektro-Ladestationen und an WC-Sanierungsarbeiten in der Truppenunterkunft. Auch eine neue «Parkraumzone» braucht es gemäss einem Redner nicht. Ein Bürger sieht zudem eine Ursache für die schiefen Finanzen in den hohen Personalkosten: «Der Gemeinderat schöpft hier mit dem grossen Löffel.» Die Steuern sollen deshalb nur um 3 statt 5 Prozentpunkte erhöht werden.
«Niemand von uns zahlt wahnsinnig gerne Steuern, aber geben wir uns einen Ruck», appelliert ein Redner an die Vernunft. Und ein weiterer Bürger will die Technischen Betriebe Glarus, die als selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt fungieren und im Vorjahr einen hohen Gewinn erwirtschafteten, zu einer «ausserordentliche Spende» von 600'000 Franken an die Gemeinde verpflichten: «Der Gemeinde geht es nicht gut, da soll auch das beste Ross im Stall seinen Beitrag leisten.»
Die WC-Sanierung und die «Parkraumzone» werden denn auch tatsächlich gestrichen. Nach dieser Bereinigung wird das Budget aber mit grosser Mehrheit angenommen – genauso wie die Steuererhöhung um 5 Prozent.
Polizeistunde wird verlängert
Damit hat das Stimmvolk die Weichen für die Verbesserung der Gemeindefinanzen gestellt. Ob dies in Kombination mit dem Sparkurs ausreicht, werden die nächsten Jahresrechnungen weisen.
Zumindest der guten Stimmung scheint bei den Glarner*innen nach Ende der Versammlung auch die Aussicht auf eine höhere Steuerrechnung keinen Abbruch zu tun. Der Glühwein und die Marroni, die vor der Turnhalle offeriert werden, haben dabei wohl auch ihren Beitrag geleistet.
In geselliger Runde darf denn auch bis spät in die Nacht weiter diskutiert werden: Die Polizeistunde ist bis 2 Uhr verlängert worden.
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12.06.2025