Spiel mir das Lied vom SiegSo verdienen Putins Propagandisten am Krieg
dpa
22.2.2026 - 21:09
Der russische Popstar Shaman, Jaroslaw Dronow, tritt 2024 während eines Konzerts vor der US-Botschaft in Moskau auf und reagiert damit auf die Entfernung seiner Lieder durch die grossen westlichen Streaming-Plattformen.
Archivbild: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa
Sie singen von Sieg und Heldentum, schmähen die Ukraine oder drohen dem «verkommenen Westen». Eine Reihe von Künstlern und Journalisten hat in Russland den Krieg als Geschäftsmodell entdeckt.
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DPA, Redaktion blue News
22.02.2026, 21:09
dpa
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Die Kreml-Propaganda schickt zahlreiche prominente Gesichter aus Kunst, Kultur und Journalismus in den Desinormations-Kampf.
Zu den Hauptthemen gehören auch Verunglimpfungen der Ukraine und die Darstellung des Westens als Kriegstreiber.
Die geschäftstüchtigen Agitatoren im Diensten Putins verdienen als Kriegsbefürworter prächtig – und ergattern hochrangige Positionen im Machtapparat.
Die Menge johlt, als der weiss blondierte Sänger Jaroslaw Dronow – bekannt unter dem Pseudonym Shaman – seinen Hit «Ja Russki» («Ich bin Russe») anstimmt. Auf der Bühne hinter Dronows Rücken wird eine riesengrosse russische Fahne eingeblendet, er selbst trägt die Trikolore als Binde auf beiden Oberarmen. Unten im Publikum nahe der Stadt Sudak auf der von Russland seit 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim schwenken sie russische Flaggen und singen begeistert mit.
Irgendwo in der Menge hält ein Kind ein Plakat hoch. «Der Sieg wird mit uns sein» steht darauf. Es ist eine Anspielung auf den Krieg, den Russlands Präsident Wladimir Putin vor vier Jahren gegen die Ukraine befohlen hat – und der dort täglich Opfer fordert, darunter Zivilisten vom Säugling bis ins hohe Alter.
«Ich bin Russe. Ich gehe bis zum Ende. Ich bin Russe. Das Blut meines Vaters in mir. Ich bin Russe. Das ist ein Glück. Ich bin Russe. Der ganzen Welt zum Trotz» singt derweil auf der Bühne Shaman – und das Publikum stimmt beseelt mit ein.
Karriereschub dank Krieg
Shaman ist das Paradebeispiel für eine Karriere, die durch Russlands Krieg einen Schub bekommen hat. Der 34-Jährige ist seit über zehn Jahren im Showgeschäft. Fuss fassen konnte er mit seinen Liebesliedern nicht, bis er auf Patriotismus umsattelte. Eines seiner Lieder trägt ins Deutsche übersetzt den Titel «Mein Kampf», ein anderer Song heisst «Wstanem» («Erheben wir uns»). Diesen veröffentlichte er einen Tag vor Kriegsbeginn.
Das Stück, das ursprünglich dem Andenken an die sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewidmet war, wurde schnell zur Hymne des neuen Kriegs. Gut ein Dutzend anderer, ebenso geschäftstüchtiger Interpreten beteiligten sich an einer Alternativversion der Single – darunter altbekannte russische Schlagerstars wie Grigori Leps und Oleg Gasmanow, Sergej Lasarew, Nikolai Baskow und Nikolai Rastorgujew.
Kreml spannt Prominente für Propaganda ein
Sie alle sind Dauergäste auf den zahlreichen vom Kreml zur Unterstützung des Kriegs abgehaltenen Konzerten. Doch nicht nur Sänger haben sich für die Kremlpropaganda einspannen lassen. Auch Sportler, Schauspieler, Moderatoren und Journalisten treten mit teils haarsträubenden Botschaften bei den Massenveranstaltungen auf.
Attention, Baltic states!
Russian singer and warmonger Oleg Gazmanov, discusses that "all of the Baltics will be with Russia again". He believes these countries need to be "punished" pic.twitter.com/81KcjJMNxE
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) July 30, 2023
Der Schauspieler Iwan Ochlobystin etwa, in Russland bekannt geworden mit einer Rolle als zynischer Oberarzt in einer an westliche Vorbilder angelehnten Krankenhaus-Comedyserie, rief auf dem Roten Platz in Moskau zum «Heiligen Krieg» gegen die Ukraine und den Westen auf.
Yesterday's coven. Okhlobystin's hysterical performance. Clear madness on his face & in his words.
Now the face of Russian culture & spirituality looks like this.
Associations with Tchaikovsky, Chekhov, Tolstoy are gone for a long time.
Sein Kollege Michail Porotschenkow liess sich schon 2014 dabei filmen, wie er aufseiten der von Moskau kontrollierten Separatisten auf dem Flughafen in Donezk mit einem Maschinengewehr in Richtung ukrainischer Positionen schoss. Dabei trug er einen Helm mit der Aufschrift «Presse», die eigentlich dazu dienen soll, Medienvertreter von kämpfenden Soldaten abzugrenzen.
Agitationsbrigaden für die Kampfmoral
Porotschenkow gehört seit Kriegsbeginn zu den «Agitationsbrigaden» der Kremlverwaltung. Ihre Aufgabe ist es, vor russischen Kämpfern in der Ukraine aufzutreten, um die Kampfmoral der Truppe zu heben. Finanziert wird das Ganze über das Konstrukt «Integrazija», angeblich eine NGO, die allerdings ihr Geld von staatlichen und staatsnahen Konzernen erhält.
Über diese und andere Strukturen sind nach Informationen von Investigativjournalisten allein im Jahr 2023 umgerechnet Hunderte Millionen Euro geflossen. Das Geld dient verschiedensten PR-Massnahmen zur Rechtfertigung der völkerrechtswidrigen Invasion. Neben Porotschenkow stehen auch etwa Rocksängerin Julia Tschitscherina oder seine Schauspielerkollegen Sergej Garmasch und Sergej Besrukow auf der Gehaltsliste der Agitationsbrigaden.
Der russische Schauspieler Sergei Bezrukov (2. v. l.) erweist im Jahr dem verstorbenen Filmregisseur Eldar Ryazanov während einer Abschiedszeremonie in Moskau die letzte Ehre.
Archivbild: Maxim Shipenkov/dpa
Ironie des Schicksals: Besrukow, der in den letzten Jahren mit mehreren pathetischen Kriegsfilmen Kasse machte, hat zu Beginn seiner Karriere in den 1990er Jahren auch an der Satiresendung «Kukly» («Puppen») mitgewirkt. Dort wurden hochrangige russische Politiker auf den Arm genommen. Geschaffen hat die Sendung der Drehbuchautor Michail Schenderowitsch, der heute als Kriegsgegner und Putin-Kritiker zum ausländischen Agenten gestempelt wurde und ins Exil gehen musste.
Michalkow – von Stalin-Kritik zu Putin-Verehrung
In der Riege der Kriegspropagandisten darf Nikita Michalkow nicht fehlen. Der inzwischen 80-jährige Altmeister des sowjetischen und russischen Kinos war schon immer für seine Nähe zu den Mächtigen in Moskau bekannt. In den 1990er Jahren unterstützte er Präsident Boris Jelzin und gewann mit dem Film «Die Sonne, die uns täuscht», einem Drama, das den Grossen Terror unter Sowjetdiktator Josef Stalin kritisiert, einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Nikita Mikhalkov, pro-Putin Russian filmmaker, is appaled by Ukrainian diplomacy.
Unter Putin wandelte er sich zum glühenden Anhänger von dessen Politik. In seiner eigenen Sendung «Bessogon TV» («Teufelsaustreiber TV») verbreitet er Verschwörungstheorien und russische Grossmachtphantasien und hetzt gegen Liberale, Minderheiten und den Westen im Allgemeinen. Den Krieg gegen die Ukraine rechtfertigte er als «Kampf gegen den Satanismus». Im Gegenzug profitiert er mit zahlreichen Prämien und lukrativen Posten. Seit Jahren ist er einer der Vertrauensleute Putins bei den Wahlen.
PR-Heirat in der besetzten Ukraine
Diesen Status hat sich bei der Präsidentenwahl 2024 auch Shaman verdient. Nebenbei wechselte er jüngst zum zweiten Mal die Ehefrau. Hatte zuvor die Producerin Jelena Martynowa seine Karriere vorangetrieben und sein Bühnenimage geprägt, heiratete er im November 2025 Jekaterina Misulina.
The European Union has imposed sanctions against Ekaterina Mizulina, the head of the Safe Internet League, after her denunciations led to cases against artists and bloggers. pic.twitter.com/2vATAXEtZD
Kritiker meinen, dass auch dieser Schritt aus Karrieregründen erfolgte. Misulina ist eine der einflussreichsten Frauen Russlands. Mit ihrer aus staatsnahen Quellen finanzierten «Liga für Internetsicherheit» macht sie Jagd auf kremlkritische Stimmen im Netz und gilt als das Gesicht für Denunziantentum in Russland. Die Trauung fand PR-trächtig in der von Moskauer Truppen besetzten Stadt Donezk im Osten der Ukraine statt.
Shaman im Rock
Der Aufstieg Shamans hat bereits Nachahmer animiert. Bekanntestes Beispiel ist die Sängerin Tatjana Kurtukowa. Sie setzt zwar im Gegensatz zum eher brutalen Stil Shamans auf die weichen Klänge russischer Volksmusik, doch auch bei ihr sind die patriotischen Untertöne nicht zu überhören – wie im derzeit sehr populären Lied «Matuschka Semlja» («Mütterchen Erde»).
Gemeinsam traten sie bei einem Konzert zum Nationalfeiertag vor dem Kreml auf. Dorthin zieht es die 32-Jährige, die Spötter als «Shaman im Rock» bezeichnen, offenbar stark. Dem Vernehmen nach hofft sie, irgendwann einmal Kulturministerin zu werden. Sie studiere jetzt Verwaltungswissenschaften, um den Ansprüchen eines politischen Postens zu genügen, sagte sie zumindest schon einmal im Interview.