11.10.2017 - 23:45, Von Danica Coto, AP

«Despacito»-Viertel in Puerto Rico kämpft nach Hurrikan ums Überleben

 

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Für ein Armenviertel in Puerto Rico brachte der YouTube-Hit «Despacito» die Wende: Plötzlich strömten Touristen, das Geschäft brummte. Doch dann kam der Hurrikan «Maria».

Früher war La Perla der grösste Umschlagplatz für Heroin in Puerto Rico. Dann kam der Youtube-Hit «Despacito» und mit ihm die Hoffnung: Das in La Perla gedrehte Video zum Sommerhit der puerto-ricanischen Sänger Luis Fonsi und Daddy Yankee brachte Touristen in das ehemals verrufene Küstenviertel der Hauptstadt San Juan. Bald durchbrachen das Klicken der Kameras und lebhaftes Geplauder die morgendliche Stille des berüchtigten Slums, überall schossen Restaurants und Läden aus dem Boden.

Doch am 20. September raste der Wirbelsturm «Maria» über die Insel, zerfetzte Stromleitungen und Wasserversorgung, Dächer und auch die neu aufgestellten Tafeln, die Touristen an die Drehorte des Videos führen sollten. In ganz Puerto Rico brach der Tourismus abrupt ein. Auch nach La Perla kommen seit dem 20. September nur noch Helfer wie die Mitarbeiter des US-National Park Service, die Wasserflaschen ausgeben. «Im Moment stecken wir alle in einer Depression», klagt die 77-jährige Rentnerin Carmen Perez, die sich mit Dutzenden anderen Bewohnern die Arme nach dem Trinkwasser ausstreckt.

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Wirbelsturm «Maria» hat auf Puerto Rico eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.
Bild: AP

Sturm und Drogen zerstörten alles

Eines der Restaurants, das seit «Despacito» boomte, war das «La Garita». Jetzt steht nur noch die Küche, der Hurrikan zerschlug alle vier Betonwände des Restaurants. «Die Leute passten hier kaum rein», sagt Inhaber Ibilson Morales und deutet auf den nahezu leeren Platz, auf dem einmal sein Restaurant stand. «Dies war das am besten besuchte Viertel Puerto Ricos.»

La Perla entstand vor mehr als hundert Jahren auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen den krachenden Atlantikwellen und den hohen Mauern der Altstadt von San Juan. Nur wenige Fremde wagten sich in das malerische Armenviertel mit rund 350 Einwohnern, irgendwo warnt sogar noch ein Holzschild: «Für Besucher nicht zugänglich. Nicht betreten.»

«Früher hatten die Leute grosse Angst», erzählt der 77-jährige Einheimische Angel Antonio Lopez. Nicht besser machte dies ein altes Video, in dem ein Drogenhändler am helllichten Tag einem anderen Dealer aus kürzester Entfernung mehrere Male in den Kopf schiesst. In einem Prozess beschrieb ein Kronzeuge, der sich selbst als Killer bezeichnete, wie die Leichen vieler Mordopfer den Haien im Meer zum Frass vorgeworfen wurden. Eine gelbe Linie auf einer der engen Gassen markierte die Grenze zwischen rivalisierenden Drogenhändlern, von denen manche ihre Drogenverstecke mit Giftfröschen schützten.

Eine Razzia von Hunderten Beamten der US-Drogenbehörde DEA beendete 2011 viele der kriminellen Aktivitäten in dem Slum. Dutzende Menschen wurden verhaftet, darunter ein bekannter Gemeindevorsteher, den später ein Gericht verurteilte. Staatliche und private Projekte starteten, um La Perla eine Perspektive jenseits der Drogen zu geben. Die Häuser wurden in leuchtenden Farben angestrichen, eine neue Bäckerei entstand.

Touristen-Ströme dank «Despacito»

Und dann kam «Despacito»: Für ihr Rekord-Video, das seit Veröffentlichung im Januar vier Milliarden Klicks verzeichnete, wählten Fonsi und Yankee den Slum des US-Aussengebietes als Kulisse. Danach strömten Touristen nach La Perla und wollten die Drehorte sehen, besuchten Bars und Restaurants, kauften Souvenirs und buchten Touren.

Viele Bewohner von La Perla hofften, dies werde die Zukunft des Viertels sichern und es vor Immobilienentwicklern schützen, die das Gebiet am Meer schon lange als Premium-Lage im Auge hatten. Die neue Dynamik brachte sogar einen Besuch des Tourismusministers der Insel, José Izquierdo: «Keiner hatte La Perla eine Chance gegeben», sagte er. «Der Song hat dazu beigetragen, die Stereotypen der Gemeinde aufzubrechen und den Leuten eine Chance zu geben, sich zu organisieren und die historische Gelegenheit zu nutzen.»

Auch die 26-jährige Yentil Ramirez hofft auf eine neue Chance. Sie führte vor dem Sturm Besucher auf neu organisierten Touren durch das Viertel. «Wir glauben daran, dass sie wieder zu uns kommen wie vorher», sagt sie. Vor kurzem sei Fonsi zur Verteilung von Hilfsgütern nach La Perla gekommen und habe versprochen, beim Wiederaufbau zu helfen.

Der Sänger wurde zum Werbebotschafter des staatlichen Tourismusunternehmens von Puerto Rico. Als Teil eines Abkommens, in dem die Behörde sich die Rechte an der Nutzung des Songs sicherte, erhielt er 700'000 Dollar (etwa 594'000 Euro). Nach Angaben von Tourismusvertretern stiegen in den Monaten vor dem Hurrikan die Suchanfragen für Puerto Rico auf Buchungsseiten dank «Despacito» um bis zu 45 Prozent. Doch zur Zeit fliegen vor allem Freiwillige, Rettungsmannschaften und Regierungsvertreter nach Puerto Rico, um beim Wiederaufbau der Insel nach dem Sturm der Kategorie 4 zu helfen.

Yashira Gómez ist die Tochter des 2011 verhafteten Gemeindevorstehers und hat selbst einen führenden Posten im Viertel. Neulich wurde sie von Tourismusvertretern gefragt, wann La Perla wieder Touristen begrüssen könne. «Wir sagten ihnen, sie sollten uns ein zwei Monate geben», erzählt sie. «Wir brauchen jegliche Art von Hilfe, damit wieder Touristen kommen und sehen, dass La Perla noch immer schön ist, dass es wieder auf die Beine kommt und dass wir hart dafür arbeiten, dass es wieder strahlt wie zuvor.»

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