06.12.2017 - 13:00, Theresa Münch und Janne Kieselbach, dpa

Der finnische Drahtseilakt

 

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Am 6. Dezember vor genau 100 Jahren erklärte sich Finnland unabhängig von Russland. Seitdem ist es ein Land zwischen zwei Mächten - das seinen eigenen Weg wählt. Der politische Seiltanz ist nicht das Einzige, was Finnland besonders macht.

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Im Windschatten der Oktoberrevolution nahmen die Finnen vor 100 Jahren ihr Schicksal in die eigenen Hände. So steht es in der Erklärung, mit der sich das Land der Seen und Wälder am 6. Dezember 1917 von Russland lossagte: «Das finnische Volk nimmt sein Schicksal in die eigenen Hände.» Seine Geschichte gab dem dünn besiedelten Land im Nordosten Europas eine Sonderrolle zwischen West und Ost, die Spuren hinterlassen hat. Doch die politische Gratwanderung ist nicht die einzige Besonderheit: Eine Liste von Geopolitik (ernst) bis Kaffee (nicht ganz so ernst).

Vorsicht zwischen zwei Fronten

«Das besondere Verhältnis zu Russland hat Finnlands Rolle im internationalen Umfeld stark bestimmt», sagt Tobias Etzold, der sich als Politikwissenschaftler auf die Ostseeregion spezialisiert hat. Ihre Geschichte habe die Finnen vorsichtig gemacht. Erst standen sie unter russischer Herrschaft. Dann standen sich Finnland und Russland 1939/40 im Winterkrieg gegenüber, den Finnland verlor, aber besser überstand, als viele geglaubt hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg spürte das Land Druck von West wie Ost und wählte einen dritten Weg: Betonte Neutralität, die Experten allerdings als halb-freiwillig bezeichnen.

Heute ist Finnland als einer von wenigen EU-Staaten bewusst kein Mitglied der Nato. Die «Nicht-Bündnis-Politik» sorge für ein vergleichsweise entspanntes und pragmatisches Verhältnis zu Russland, sagt Etzold. Manchmal allerdings sei Finnland hin- und hergerissen zwischen seiner Zugehörigkeit zu Europa und dem Nachbarn Russland.

Geopolitische Spannungen

Das Jubiläumsjahr fällt in eine Zeit wachsender Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim und die russischen Militär-Aktivitäten in der Ostseeregion stellen auch die mühsam ausbalancierten Beziehungen zwischen Finnland und Russland auf die Probe. Präsident Sauli Niinistö gibt im aktuellen Wahlkampf wohl auch deshalb Signale für einen Beitritt zur Nato. In der Bevölkerung dagegen sprachen sich in einer aktuellen Umfrage 59 Prozent dagegen aus - vor allem Anhänger der rechtspopulistische Partei «Wahre Finnen», wie Geopolitik-Experte Anssi Paasi von der Universität Oulu sagt. Man wolle nicht riskieren, Russland zu provozieren, meint Etzold.

Handelspartner Russland

Die Beziehung zum grossen Nachbarn Russland ist trotz der Spannungen ambivalent. Wirtschaftlich sind die Länder eng verknüpft, Russland ist Finnlands fünftgrösster Handelspartner. «Wir sind zwei unabhängige Nationen, also bitten wir nicht um Erlaubnis, wenn wir Handel treiben oder strategische Entscheidungen treffen», zitierte die dänische Nachrichtenagentur Ritzau kürzlich Aussenminister Timo Soini.

Der Handel mit Russland ist auch deshalb wichtig, weil Finnland erneut mit wirtschaftlicher Schwäche kämpft. Eine beispiellose Rezession hatte das Land bereits in den frühen 90er-Jahren erlebt. Aktuell ist die Staatsverschuldung wieder auf mehr als 60 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen.

Bevölkerung

In 100 Jahren hat sich die finnische Bevölkerung laut Statistikamt fast verdoppelt: von 3,1 Millionen Menschen 1917 auf jetzt rund 5,5 Millionen. Trotz nordischer Gemütlichkeit und langen Winternächten ist die Geburtenrate allerdings nicht gestiegen. Aktuell ist sie so niedrig wie seit 1973 nicht mehr. Die Zahl der Todesfälle übersteigt die der Geburten. Dass Finnlands Bevölkerung trotzdem wächst, verdankt das Land Einwanderern.

Einsamkeit

Finnland ist eins der am dünnsten besiedelten Länder Europas. Einsamkeit ist weit verbreitet - und aus Sicht von Experten eine Volkskrankheit. Fast jeder Elfte sei betroffen, berichtete der finnische Rundfunk. Neu sei, sagte Einsamkeitsforscher Peter Strang dem Sender, dass sich vermehrt junge Erwachsene einsam fühlten. Das könne sogar körperliche Schmerzen verursachen.

Alkohol und Kaffee

Ihre Einsamkeit bekämpfen die Finnen offenkundig auch mit Koffein. In keinem Land trinkt man so viel Kaffee. Laut Internationaler Kaffee- Organisation verbraucht ein Finne im Schnitt 12,2 Kilo Kaffeepulver im Jahr, 24 Packungen. Beim Alkohol dagegen halten sie sich trotz dunkler Winter zurück: Mit durchschnittlich 10,9 Litern purem Alkohol pro Kopf trinken sie laut WHO weniger als die Deutschen.

Bildung

Das finnische Schulsystem mit seinen modernen Ganztags-Gesamtschulen ist spätestens seit den Pisa-Tests 2000 berühmt. Ihren deutschen Altersgenossen waren die finnischen Schülern beim Lesen, in Mathe und Naturwissenschaften rund zwei Schuljahre voraus. Viele haben seitdem versucht, das finnische Modell zu kopieren - obwohl spätere Pisa-Ergebnisse lange nicht mehr so rekordverdächtig waren.

Sprache

Die finnische Sprache ist ein Exot in Europa: Sie gehört mit Estnisch und Ungarisch zur Gruppe der finnougrischen Sprachen. Das Sprachbild ist geprägt von doppelten Buchstaben und langen Ketten aus Umlauten. «Hyvää päivää» beispielsweise heißt «Guten Tag». Hinzu kommen 15 Fälle. Finnisch gilt als eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Doch zur Not kommt man auch mit Schwedisch klar, das wegen der großen schwedischen Minderheit ebenfalls Amtssprache ist.

Nationalsport - Eis und heiss

Was für die Deutschen der Fussball ist für die Finnen Eishockey. Weltmeister waren die Finnen jedoch zuletzt 2011. Besonders dürfte sie ärgern, dass die Nachbarn Schweden und Russland seitdem stärker sind. Noch lieber als aufs Eis gehen die Finnen allerdings in die Sauna. Anders als die Deutschen kennen sie dabei keine Regeln. Man schwitzt so lange, wie es guttut, und nimmt schon mal ein Bierchen mit «auf die Bretter». Nur eines geht nicht: Geschlechtergemischt setzen sich die Finnen nur in der Kernfamilie in den Schwitzkasten.

Und die verrückten Finnen

Die Finnen messen sich in den seltsamsten Dingen - was ihnen einen gewissen Ruf eingebracht hat. Es gibt Weltmeisterschaften im Luftgitarre-Spielen, im Beerenpflücken und im Frauen-Tragen. Man reitet Steckenpferde und wirft alte Nokia-Handys so weit man kann. Die Wettbewerbe im Mückenklatschen und «auf einem Ameisenhaufen sitzen» gibt es nicht mehr. Auch die Sauna-WM wurde 2010 abgeschafft, nachdem ein russischer Kandidat zu Tode gekommen war.

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