07.05.2017 - 15:45, Nada Weigelt (Text) und Monika Skolimowska (Fotos)

Trümmer, die Hitlers Grössenwahn hinterlassen hat

 

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Der Berliner Teufelsberg ist mit dem Datum des Kriegsendes am 8. Mai besonders verbunden. Er besteht aus den Trümmern, die Hitlers Grössenwahn in der Hauptstadt hinterlassen hat. Jetzt soll hier ein Ort für Kunst entstehen.

Es gibt wohl kaum einen Ort in Berlin, an dem der Untergang der Nazizeit und der Wahnsinn des Kalten Krieges so nah beieinanderliegen wie auf dem Teufelsberg. Der 120 Meter hohe Hügel im Westen der Stadt besteht aus Schutt und Trümmern des Hitler-Kriegs. Und ausgerechnet dort installierten die siegreichen West-Alliierten in den 50er Jahren eine gigantische Abhöranlage, mit der sie den Funkverkehr der Warschauer-Pakt-Staaten abfingen.

Unter den Ruinen der vier riesigen Antennenkuppeln soll jetzt ein ungewöhnliches Projekt entstehen: ein «natürlicher Kulturort». Der 37-jährige Immobilienkaufmann Marvin Schütte plant auf dem 4,8 Hektar großen Gelände ein Museum zur Geschichte des Teufelsbergs, Rückzugsorte für ruhebedürftige Städter und Freiräume für Künstler.

«Wir wollen keine Partys, kein Highlife. Es soll ein Ort der Entschleunigung werden», sagt der Projektentwickler, der die heruntergekommene Spionagestation vor zwei Jahren gepachtet hat. Im Herbst will er beim Bezirk Charlottenburg einen ersten Antrag für sein Vorhaben stellen. «Dann liegt es an Berlin, wie sie es aufnehmen.»

Der letzte deutsche Soldat, der im Zweiten Weltkrieg kapitulierte

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Schütte schwebt eine Art Künstlerkolonie vor, die das wüst-verwunschene Areal nachhaltig entwickeln und gestalten soll. Schon jetzt gibt es einen Skulpturengarten, eine Praxis für «Wahrnehmungschirurgie» und - vom früheren Pächter initiiert - die wohl größte Graffiti-Galerie Europas.

Fünf bis sechs Leute gehören vorerst zum festen Team. Im Sommer kommen jeweils noch etwa ein Dutzend handverlesene Rucksacktouristen hinzu, die gegen Kost und Logis bei den Aufräum- und Sanierungsarbeiten helfen. «Wir wollen alles erhalten. Wir bauen nichts Neues, wir reißen nichts ab», versichert Schütte.

Sein Vater Hanfried hatte einst ganz andere Pläne. Zusammen mit einer Investorengemeinschaft wollte der Architekt aus Bad Pyrmont auf dem Teufelsberg ein lukratives Freizeitareal errichten - mit Hotel, Luxuswohnungen und einem spektakulären Aussichtsturm. Doch das Projekt platzte, die Baugenehmigung verfiel. Seit 2006 ist das Gelände wieder als Wald ausgewiesen. Unbebaubar. 

Zweiter Weltkrieg: Der leidvolle Weg nach Westen

Das Aktionsbündnis Teufelsberg, ein Zusammenschluss aus Naturschutzverbänden, Forstleuten und Anwohnern, misstraut den Eigentümern trotz des neuen Pächters. «Wir haben den Verdacht, dass es denen letztlich immer ums Geld geht. Und das ist nicht im Interesse Berlins», sagt der Sprecher, Prof. Hartmut Kenneweg von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.

Ein Rückkauf der Areals durch das Land, wie von der Aktionsgemeinschaft gefordert, ist derzeit allerdings Utopie. 15 Millionen Euro hatte die Investorengemeinschaft schon vor zwei Jahren vergeblich verlangt - etwa das Sechsfache des ursprünglich bezahlten Preises.

Deshalb ist spannend, wie sich der Bezirk zu Schüttes Konzept stellen wird. Im vergangenen Jahr kamen rund 25 000 Menschen zur Besichtigung, acht Euro kostet der Eintritt. Zudem wird das spukige Gelände als Filmkulisse vermietet - zuletzt etwa für den ZDF-Dreiteiler «Der gleiche Himmel».

«Das zusammen sind unsere Einnahmen», sagt Pächter Schütte, der bewusst nicht als «der Sohn von ...» gehandelt werden will. «Unser Prinzip ist einfach. Wir machen Schritt für Schritt weiter - immer, solange wir Geld haben.»

Größte Attraktion für die Besucher ist neben dem spektakulären Blick bisher die Graffiti-Galerie im Hauptgebäude. Auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern ragen zahllose nachträglich eingezogene Betonwände auf, auf denen renommierte Streetart-Künstler ihre Werke hinterlassen haben - grell, bunt, provokativ und auch mal obszön.

Eine Besucherin, die sich mit ihrer Kamera nicht sattsehen kann, fasst es so zusammen: «Es passt nichts zu nichts und doch alles gut zusammen.»

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