19.06.2017 - 14:03, dpa, fab

Muammar al-Gaddafi: Diktator und Witzfigur

 

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Er träumte von einem Grossreich unter seiner Führung, liebte Operettenuniformen und weibliche Bodyguards: Muammar al-Gaddafi herrschte fast 42 Jahre lang mit eiserner Hand über Libyen und finanzierte Terrorgruppen weltweit. Dann kam 2011 der Arabische Frühling: Er kostete Gaddafi nicht nur die Macht, sondern auch das Leben. Bluewin blickt am Tag, an dem er 75 geworden wäre, auf sein Leben zurück.

Lange galt der dienstälteste Machthaber der Welt als politischer Überlebenskünstler, freiwillig wollte er das Zepter in Libyen nie abgeben. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er noch angekündigt, den von unzähligen NATO-Luftangriffen unterstützten Rebellen «bis zum Tod» trotzen zu wollen. Aus dieser Ankündigung wurde Realität.

Vor schwierigen Herausforderungen stand Gaddafi in den mehr als vier Jahrzehnten seiner Amtszeit öfter. Bevor ihn die Rebellen aus der Hauptstadt Tripolis vertrieben, sass er mehrfach Terrorvorwürfe aus, widerstand internationalem Druck und amerikanischen Luftangriffen.

Vor seinem Tod am 20. Oktober 2011 hatte er gar begonnen, sein Land allmählich wieder aus der Isolation herauszuführen. Während des arabischen Frühlings erhielt das sorgsam inszenierte Bild vom strahlenden Volkshelden, das Menschenrechtler ohnehin als Blendwerk kritisierten, zunehmend Risse.

Ein offizielles Regierungsamt hatte Gaddafi nie inne. Volkskomitees und Volkskongresse verliehen seiner «Dschamahirija» den Anschein eines Regierungssystems, das indes allein auf den Machterhalt des Chefs ausgelegt war.

Vom Beduinensohn zum Putschisten

Als jüngstes von vier Kindern einer armen Beduinenfamilie genoss der einzige Sohn, anders als seine Geschwister, eine Schulausbildung, studierte Geschichte und Jura - um dann dennoch die Militärlaufbahn einzuschlagen.

1965 gründete Gaddafi den «Bund der freien Offiziere» und putschte sich 1969 gegen König Idris an die Macht. Er beförderte sich selbst zum Oberst, übernahm den Befehl über die Streitkräfte sowie den Vorsitz des Revolutionsrats und war bis 1972 auch Regierungschef.

Gaddafi verschrieb sich der arabischen Einheit, dem Sozialismus und dem Kampf für die Verbreitung des Islams in der Welt. Er verbot Alkohol, schloss christliche Kirchen und erklärte den Koran zum Kodex allen Lebens.

1973 leitete er jedoch eine Abkehr von diesem Konzept ein und entwarf in seinem «Grünen Buch» eine Anleitung zur Umsetzung der direkten Demokratie. Der Auslegung des schmalen Bändchens widmete sich später eine eigene wissenschaftliche Abteilung an einer Universität des Landes.

Wirtschaftliche Öffnung

Mit der Ausrufung der «Grossen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija» 1977 wurde das Allgemeine Volkskomitee eingesetzt - vergleichbar einer Regierung.

1979 legte Gaddafi formal sein letztes politisches Amt nieder, das des Staatspräsidenten. De facto blieben aber er und seine langjährigen Weggefährten die bestimmenden politischen Persönlichkeiten des Landes.

Verbindungen zum internationalen Terrorismus und der Lockerbie-Bombenanschlag 1988 auf ein Verkehrsflugzeug, bei dem 270 Menschen ums Leben kamen, führten Libyen in die internationale Isolation. Dies änderte sich erst um die Jahrtausendwende.

Bissig bis zum Schluss

Gaddafi schwor offiziell dem Terrorismus ab, entschädigte die Opfer des Anschlags von Lockerbie und erklärte sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. In der Folge begann er sein Land wirtschaftlich zu öffnen - die politischen Strukturen und das gewaltsame Durchgreifen gegen Proteste blieben jedoch unverändert.

Legendär bleiben Gaddafis mitunter befremdliche Auftritte mit Sonnenbrille und wirrem Krauskopf im Staatsfernsehen. Zuletzt fielen sie immer irritierender aus.

Selbst als die Rebellen zunehmend Oberhand gewannen, hielt Gaddafi an seinem Führungsanspruch fest.

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