19.06.2017 - 23:45

«Jedes fünfte Mädchen verliebte sich ins Land und die Männer»

von Fabienne Ruckstuhl
 

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Die Schweiz war bis in die 1960er Jahre das Traumland für Dienstmädchen aus Deutschland und Österreich. Die Historikerin Andrea Althaus hat das Thema in ihrer Dissertation mithilfe von 79 Lebensgeschichten aufgearbeitet. Gegenüber Bluewin erzählt Althaus, welche Geschichte Sie besonders berührt hat.

Frau Althaus, ihr Buch «Vom Glück in der Schweiz» handelt von jungen Frauen aus Deutschland und Österreich, die bis in die 1960er Jahre in die Schweiz kamen um als Hausangestellte zu arbeiten. Wie kamen Sie zum Thema?

Auf die Idee gebracht hat mich Sylvia Hahn, eine Salzburger Migrationshistorikerin. Sie erzählte mir, dass in den fünfziger Jahren zahlreiche Österreicherinnen als Hausangestellte in der Schweiz waren. Ich hatte vorher noch nie etwas von dieser Migrationsbewegung gehört und wollte wissen, was dahinter steckt. Schon bei den ersten Recherchen merkte ich, wie vielfältig das Thema ist – und war sofort fasziniert davon.  

Sie haben mit 79 Frauen über ihre Zeit in der Schweiz gesprochen. Warum kamen diese jungen Damen ausgerechnet in die Schweiz?

In die Schweiz zu gehen, war für viele die einfachste Möglichkeit ein Migrationsvorhaben zu verwirklichen. Aufgrund des grossen Personalmangels suchten Schweizer Hausfrauen und Gastwirte händeringend nach Arbeitskräften – gerne auch jenseits der Landesgrenzen. Deutsche und Österreicherinnen hatten den Ruf besonders fleissig und anspruchslos zu sein. Die vielen offenen Stellen in der Schweiz ermöglichten den Frauen fortzukommen. Viele wollten einfach mal weg, etwas Neues kennenlernen und ein Abenteuer erleben. Reisen war damals für junge Frauen nicht so einfach möglich wie heute. Einige Interviewpartnerinnen erzählten mir, dass sie lieber nach Amerika gegangen wären. Das erlaubten aber die Eltern nicht. Die Migration in einen geschützten Schweizer Haushalt wurde hingegen vom Umfeld meist gutgeheissen.

Viele «Schweizgängerinnen» hatten übrigens einen Beruf gelernt. Auch nahmen Frauen aus sämtlichen sozialen Schichten an der Migrationsbewegung teil. Dass sie als «Dienstmädchen» arbeiteten, hängt mit der schweizerischen Migrationspolitik zusammen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Einwanderungspolitik ganz auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Aufenthaltserlaubnisse wurden nur für sogenannte «Mangelberufe» erteilt. Zuwandernde Frauen erhielten praktisch ausschliesslich Bewilligungen für Hausdienst und Gastgewerbe – auch noch für die Textilindustrie.

Hat Sie eine dieser Lebensgeschichte besonders berührt? Welche?

Jede Lebensgeschichte ist auf ihre ganz eigene Art und Weise berührend. Das ist das Tolle an der Arbeit mit Lebensgeschichten. Jede Begegnung mit einer Interviewpartnerin war für mich ein besonderer Moment, jeder schriftliche Bericht, der mir zugeschickt wurde, eine grosse Freude. Sehr berührt hat mich die Geschichte von Rosa Imhof aus Niederösterreich. Sie wurde als neunjähriges Kind «verdingt». Als Kind sei sie nur eine «Arbeitsmaschine» gewesen. Im Alter von 21 Jahren kam sie als Hausangestellte nach Luzern. 40 Jahre lang putzte, kochte und servierte sie in verschiedenen Schweizer Privathaushalten und Hotels. Anfang der neunziger Jahre kehrte sie nach Österreich zurück – ihre kleine Rente reichte nur schlecht zum Leben in der Schweiz. Nach ihrer Rückkehr begann sie ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Sie schreibt sehr eindrucksvoll, in einer ganz eigenen, poetischen Sprache.  

Wie lange blieben die Dienstmädchen im Schnitt in der Schweiz?

Knapp 40 Prozent der von mir befragten Frauen blieben 1-2 Jahre. Gut ein Viertel arbeitete länger als 2 Jahre als Haus- oder Gastgewerbsangestellte in der Schweiz bevor sie nach Deutschland oder Österreich zurückkehrten. Kürzer als ein Jahr blieb nur jede Zehnte. Von vier Frauen konnte ich die Aufenthaltsdauer nicht genau eruieren. Die restlichen blieben für immer in der Schweiz.  

Gab es auch Frauen, die eine romantische Beziehung zur Schweiz entwickelt haben und für immer blieben?

Ja, etwa jede Fünfte blieb für immer in der Schweiz. Viele von ihnen verliebten sich zuerst in das Land – und einige von ihnen später auch in einen Schweizer. 

Gab es besonders beliebte Destinationen unter den Dienstmädchen?

Wie gesagt spielte die Schweiz als Zielland bei den meisten gar keine besonders grosse Rolle. Die Schweiz mit dem grossen Arbeitskräftebedarf bot einfach die Möglichkeit mal ins Ausland zu gehen. Viele hätten sich auch vorstellen können nach England, Amerika oder Spanien zu gehen. Von den Frauen, die die Schweiz ganz bewusst als Zielland wählten, wollten viele Französisch lernen. Die Romandie war deshalb ziemlich beliebt.  

Die jungen Migrantinnen waren in der Schweiz auch mit einigen Vorurteilen konfrontiert. Nämlich?

Seit den frühen zwanziger Jahren wurde ihnen beispielsweise vorgeworfen, dass sie hauswirtschaftlich nicht mehr so bewandert seien wie ihre Vorgängerinnen. Zudem wurde ihnen unterstellt, dass sie in «sittlicher» Hinsicht «verfallen» seien, nur zum Heiraten in die Schweiz kämen und alles tun würden für einen Schweizerpass. Da es sich um Frauen handelte, die in den Schweizer Familien arbeiteten, fürchtete man sich davor, dass diese «fremdes» (monarchisches oder nationalsozialistisches) Gedankengut sowie ansteckende Krankheiten in die Schweizer Familien tragen würden. Diese Vorurteile hatten konkrete Folgen für die zuwandernden Frauen. Zum Beispiel hinsichtlich der Ausgestaltung der Einreisebestimmungen. Um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, mussten sie zahlreiche Nachweise vorlegen wie Arbeits-, Leumunds- und Gesundheitszeugnisse.  

In ihrem Buch sprechen Sie auch Probleme mit Schweizer Männern an …

Das steht im Zusammenhang mit dem Vorurteil, dass Deutsche und Österreicherinnen alles tun würden für einen Schweizerpass. Zahlreiche ehemalige «Schweizgängerinnen» berichten davon, in der Öffentlichkeit von Schweizer Männern sexuell belästigt worden zu sein. Vertreterinnen von bürgerlichen Frauenorganisationen diskutierten bereits in den fünfziger Jahren das Problem, dass Schweizer Männer deutsche Frauen wie «Freiwild» behandeln würden.  

Abschliessend: Die Österreicherinnen und Deutschen kamen zu uns in die Schweiz, um ihr Glück zu finden. Hat dies bei den meisten geklappt?

Der Schweizaufenthalt wird von der überwiegend grossen Mehrheit der befragten Frauen äusserst positiv bewertet. Das hängt damit zusammen, dass es für viele eine Zeit der Selbstermächtigung war. Sie erzählen das In-die-Schweiz-Gehen aus der Retrospektive als Befreiung von einengenden gesellschaftlichen Normen und verbinden die Migration mit einem Zugewinn an Wissen und Erfahrung. Obwohl die Frauen aus der heutigen Perspektive sehr viel und hart arbeiten mussten, erinnern sie die Schweizzeit als sorgenfrei und unbeschwert. Viele erzählen, dass sie in der Schweiz erstmals selbstbestimmt handeln konnten. Gerade Frauen, die für immer geblieben sind, betonen, in der Schweiz ihr «Glück» gemacht zu haben.

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