13.08.2017 - 11:18, sda

Autoindustrie: Schluss mit den Abgas-Tricksereien

 

31 Bewertungen


Der Diesel-Skandal hat gezeigt: Jahrelang haben die Autohersteller bei den Abgasmessungen geschummelt. Doch damit ist jetzt Schluss. Ab dem 1. September gelten europaweit und auch in der Schweiz strengere Vorschriften. Zum Aufatmen ist es aber zu früh.

Bis anhin mussten Autohersteller ihre Fahrzeuge nur unter Laborbedingungen testen lassen. Mit dem tatsächlichen Schadstoffausstoss hatten diese Resultate oft wenig zu tun. Insbesondere bei Dieselfahrzeugen waren die Abweichungen enorm - vor allem bei den gesundheits- und umweltschädigenden Stickoxiden.

"Auf der Strasse sind die Stickoxid-Werte von Dieselfahrzeugen im Schnitt fünf bis sieben Mal höher als im Labor", sagt Christian Bach von der Forschungsanstalt Empa, die in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt das Abgasverhalten von Strassenfahrzeugen untersucht. Anfang Jahr sei bei einem Fahrzeugmodell gar eine 17 Mal höhere Emission gemessen worden.

«Schwachstellen radikal ausgenutzt»

Grund für die grossen Unterschiede: Die Autohersteller haben ihre Fahrzeuge so optimiert, dass sie unter den genau festgelegten Laborbedingungen den gewünschten Wert ergeben. Der tatsächliche Schadstoffausstoss brauchte sie nicht zu kümmern, da dieser für die Zulassung nicht berücksichtigt wurde.

Bach vergleicht das Verhalten der Autohersteller mit jenem von Steueroptimierern, die von Schlupflöchern profitieren. "Die Schwachstellen im Gesetz wurden teilweise radikal ausgenutzt."

Nun werden die Vorschriften verschärft. Neu braucht es für die Zulassung zum europäischen Markt neben dem Labor- auch einen Strassentest. Der auf der Strasse unter realen Bedingungen gemessene Stickoxid-Wert darf nur noch um den Faktor 2,1 über dem Laborwert liegen. Ab Anfang 2020 gilt für neue Marktzulassungen gar der Faktor 1,5. Bach spricht von einer "massiven Verbesserung der Abgasgesetzgebung".

Der Experte rechnet vor: Mit den ab 2020 geltenden Vorschriften sinkt der Stickoxid-Ausstoss pro Jahr und Dieselfahrzeug gegenüber heute im Schnitt um fünf bis sieben Kilogramm. Geht man von 100'000 neu zugelassenen Dieselfahrzeugen pro Jahr aus, werden dann jährlich 500 bis 700 Tonnen Stickoxid weniger ausgestossen. Dies mache rund 4 Prozent der gesamten Stickoxid-Emissionen des Personenwagenverkehrs pro Jahr aus. Vor allem an dicht befahrenen Strassen und besonders belasten Orten könne die Reduktion aber deutlich höher sein.

Zu 100 Prozent werde die Realität aber auch mit der neuen Messmethode nicht abgebildet, sagt Bach. Sei ein Fahrzeug schwer beladen oder mit Anhänger unterwegs, steige der Schadstoff-Ausstoss zusätzlich an.

Verzögerte Umsetzung

Die neuen Vorgaben für Personenwagen gelten ab dem 1. September 2017. Allerdings sind die Hersteller vorerst nur verpflichtet, Strassenmessungen durchzuführen.

Erst in zwei Jahren werden die strengeren Vorschriften für die Marktzulassung von Neuwagen verbindlich. Bis dahin dürfen die Autos und kleinen Lieferwagen mit teils sehr hohen Stickoxid-Werten weiterhin verkauft und dann ohne zeitliche Beschränkung gefahren werden.

Dem Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) geht die Umstellung zu langsam. "Richtige Abgastests sofort", fordert er gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz (Aefu) und der Westschweizer Konsumentenorganisation frc in einer Anfang Monat lancierten Petition.

Die Verzögerung habe enorme Konsequenzen für die Gesundheit, warnt der VCS. Stickoxide verursachten Asthma, Herz- und Kreislauferkrankungen und seien auch verantwortlich für Schädigungen an Pflanzen und empfindlichen Ökosystemen.

Gemäss Angaben des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) hat die Belastung seit 1990 zwar deutlich abgenommen. In grossen Städten und entlang stark befahrener Strassen würden die Grenzwerte zum Teil aber immer noch deutlich überschritten.

Das nervt Schweizer Autofahrer: Umfrage der Axa Winterthur

  • Print

Selbstfahrende Autos: Wer denkt, wenn der Computer lenkt?

  • Roboterautos
  • Roboterautos
  • Roboterautos
  • Roboterautos

Weitere Artikel

Anzeige
Bitte aktivieren Sie Javascript für die beste Browserfunktionalität