12.01.2018 - 23:45, Scott Smith, AP

Überleben in der Kloake: Verzweiflungsjob im Rio Guaire

 

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Im verdreckten Wasser des Flusses Guaire suchen junge Venezolaner nach allem, was sich noch zu Geld machen lässt. Die Wirtschaftskrise treibt sie in die verseuchte Brühe der Kloake von Caracas.

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Der Arbeitsplatz von Angel Villanueva ist nass, riecht faulig, gefährdet seine Gesundheit. Morgen für Morgen steigt der junge Venezolaner in das Flüsschen Guaire, um mit seinen Händen jeden noch so kleinen verwertbaren Schatz aus dem verdreckten Wasser zu filtern. Inmitten der wirtschaftlichen Talfahrt seines Heimatlandes sieht er keine andere Chance, über die Runden zu kommen.

«Im Guaire zu arbeiten ist nicht einfach», sagt der 26-Jährige. «Wenn er gibt, gibt er. Wenn er nimmt, nimmt er dein Leben.» Bei starkem Regen schwillt der Fluss in der Hauptstadt Caracas in Windeseile an, und den Glücksrittern bleiben nur Minuten, ans Ufer zu eilen. Sonst drohen die braunen Wassermassen sie mitzureissen.

Stundenlang im verseuchten Wasser

Mit zwei Kumpels an seiner Seite zieht Angel seine Hände wie ein Sieb über den Grund. Dann hebt er sie, lässt die Steine zwischen seinen Finger durchgleiten, durchsucht den Rest nach einem Stückchen Metall, das er zu Geld machen könnte. Wenn er Glück hat, findet er vielleicht sogar einen Ohrring oder ein Kettchen, das ins Wasser gefallen ist.

Während Bilder verarmter Venezolaner, die die Müllhalden von Caracas nach Verwertbarem durchforsten, in den vergangenen Monaten als Symbol der Krise durch die Zeitungen gingen, sind die «Schatzsucher» vom Rio Guaire weniger ins Rampenlicht gerückt. Von den Armenvierteln an den Hängen der Stadt strömen täglich vor allem junge Männer zum Fluss. Einige umwickeln die Finger mit Klebeband, in der Hoffnung, sich so vor Schnitten und Infektionen zu schützen. An die Langzeitfolgen für die Gesundheit, die tägliches stundenlanges Stehen in dem verseuchten Gewässer nach sich ziehen könnte, denken sie nicht.

Seit langem ist der Rio Guaire für seine Verschmutzung berüchtigt. «So lange ich mich zurückerinnern kann, war der Guaire so ein offener Abwasserkanal», sagt der in Caracas geborene Alejandro Velasco, heute Professor für lateinamerikanische Geschichte in New York. Dass die jungen Leute darin nach verwertbaren Dingen suchen müssen, spiegelt für ihn «die Tiefe und das Ausmass der Verzweiflung» der Wirtschaftskrise wider.

«Ich lade Euch alle ein, im Guaire schwimmen zu gehen – bald.»

Alle Versuche, den Flusslauf sauber und sicher zu machen, haben bislang keinen spürbaren Erfolg gezeigt. Vor rund zwölf Jahren sicherte der damalige Präsident Hugo Chavez eine Säuberung zu und kündigte im Fernsehen an: «Ich lade Euch alle ein, im Guaire schwimmen zu gehen – bald.»

2012 stellte die Interamerikanische Entwicklungsbank einen 300-Millionen-Dollar-Kredit (rund 293 Millionen Franken) zur Verfügung. Damit wurde ein ehrgeiziges Projekt mit Kläranlagen gestartet. Fast sechs Jahre später hat das Reinigungsprojekt nur einen Bruchteil seines Ziels erreicht. Das Wasser bleibt eine verschmutzte Brühe. In der Bank will man dazu keine Stellung nehmen, auch die venezolanische Regierung schweigt.

Angel Villanueva lebt mit seinem Vater, einem früheren Militärangehörigen, in einem der ärmsten Viertel der Stadt. Der Tod der Mutter, die ihn immer zum Studieren ermutigte, hat ihn aus der Bahn geworfen. Er muss Geld verdienen, einen ausreichend bezahlten Job findet er aber nicht. Was bleibt?

Geld stinkt doch - bei den Ärmsten

In den Rio Guaire brachte ihn ein Freund. Vor sechs Monaten war Angel zum ersten Mal dabei. Am ersten Tag brachte er umgerechnet rund 18 Franken nach Hause, ein Vermögen für ihn. Seitdem bestimmt der Fluss sein Leben, trotz aller Sticheleien in der Nachbarschaft, dass er stinke wie der Guaire.

Angel träumt davon, im Ausland einen Job und sein Glück zu suchen. Jetzt bleibt er erst einmal beim Guaire, um sich und den Vater wenigstens zu ernähren. Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge haben Armut und Lebensmittelknappheit inzwischen schon dazu geführt, dass schätzungsweise 75 Prozent der Venezolaner im vergangenen Jahr durchschnittlich fast neun Kilogramm an Körpergewicht verloren.

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