Ärzte gegen Eltern

Drama in England um schwerkrankes Kind

Von Christoph Meyer, dpa

15.5.2022 - 20:28

ARCHIV - 13.05.2022, Großbritannien, -: Hollie Dance ist die Mutter des schwerkranken zwölfjährigen Archie Battersbee, der im Mittelpunkt eines Rechtsstreits um lebenserhaltende Maßnahmen steht. Sie hat einen Richter aufgefordert, dem Jungen
Hollie Dance ist die Mutter des schwerkranken zwölfjährigen Archie Battersbee, der im Mittelpunkt eines Rechtsstreits um lebenserhaltende Massnahmen steht.
James Manning/PA Wire/dpa

Immer wieder streiten Eltern und Ärzte in Grossbritannien vor Gericht darüber, ab wann das Leben eines schwerkranken Kindes als nicht mehr lebenswert anzusehen ist. Die Richter entscheiden oft im Sinne der Mediziner. Aktuell geht es um das Schicksal eines Zwölfjährigen.

Von Christoph Meyer, dpa

15.5.2022 - 20:28

Charlie, Alfie, Pippa – und nun Archie: Es ist ein wiederkehrendes Drama um das Leben von Kindern, das sich in britischen Gerichtssälen abspielt. Mediziner sehen keine Verbesserungschancen bei schwerkranken Kindern und wollen Beatmung und künstliche Ernährung einstellen. Eltern wollen das Leben ihres Kindes so lange wie möglich erhalten und geben die Hoffnung auf Besserung nicht auf.

Ein solches Drama spielt sich derzeit wieder in London ab. Es geht um den zwölfjährigen Archie, der sich bei einem häuslichen Unfall schwere Hirnverletzungen zugezogen hat. Ein Richter ordnete am Freitag einen Test des Hirnstamms für die darauffolgende Woche an, um festzustellen, ob Archie als hirntot einzustufen ist. Die behandelnden Ärzte halten das für «hoch wahrscheinlich». Seine Eltern glauben hingegen, dass ihr Sohn noch einmal aufwachen kann. Sie zweifeln die Verlässlichkeit des Tests an und fordern, dass die Behandlung fortgesetzt wird.

«Werde nicht akzeptieren, dass er geht, bevor es Gottes Wille ist»

Einem Bericht des «Guardian» zufolge verunglückte Archie am 7. April. Seine Mutter vermutet demnach, dass er sich auf eine Mutprobe aus dem Internet eingelassen hat. Seitdem liegt er im Koma. «Es ist nur fünf Wochen her, ich habe länger gebraucht, um mich von einer Erkältung zu erholen», sagte Archies Mutter, Hollie Dance, PA zufolge in Reaktion auf die Anordnung des Gerichts. Der Junge habe ihre Finger trotz Koma fest gedrückt, sagte sie. «Ich denke, das ist seine Art, um mir zu sagen, dass er noch immer da ist und einfach mehr Zeit braucht», so die Frau aus Southend in der Grafschaft Essex. Sie hoffe auf ein Wunder. «Ich werde nicht akzeptieren, dass er geht, bevor es Gottes Wille ist.»

Viele Eltern in ähnlichen Situationen suchen Hilfe bei religiösen Institutionen. Archies Eltern werden unterstützt von der Organisation Christian Legal Centre, die das getrennt lebende Paar in der rechtlichen Auseinandersetzung unterstützt. In einem Video auf der Webseite der Organisation sagt Archies Mutter, sie sei sich bewusst, dass ihr Sohn wohl nie wieder derselbe sein werde. «Aber wenn es die Möglichkeit gibt, dass er ein glückliches Leben führt, möchte ich sie ihm geben.»

Sogar der Papst mischte sich ein

Der Fall erinnert an ähnliche Auseinandersetzungen um schwer kranke Kinder in Grossbritannien. Der finanziell stark unter Druck stehende britische Gesundheitsdienst neigt dazu, lebenserhaltende Massnahmen sehr viel früher zu entziehen als das in anderen Ländern der Fall wäre. Zudem werden die Wünsche von Eltern und Angehörigen dabei nicht im selben Masse berücksichtigt. Was im besten Sinne des Patienten ist, entscheiden oft Richter auf Empfehlung von Medizinern.

In früheren Fällen hatte sich sogar der Papst eingemischt. So etwa, als die Eltern des 23 Monate alten Alfie aus Liverpool 2018 darum kämpften, ihr schwer krankes Kind zur Behandlung ins Ausland bringen zu können. Trotz Gutachten eines renommierten Experten aus Deutschland zur Transportfähigkeit des Jungen und des Angebots der italienischen Regierung, den Jungen ins vatikanische Kinderkrankenhaus Bambino Gesù zu fliegen, wurden die Geräte auf Anordnung britischer Richter abgeschaltet.

Nikolaus Haas, der das Gutachten für Alfie erstellt hatte, vermutete damals hinter der harten Haltung der britischen Mediziner auch die Furcht vor Kosten für das nationale Gesundheitssystem NHS durch ähnliche Fälle – und Arroganz. In Grossbritannien herrsche eine Kultur, in der Entscheidungen von Ärzten und dem Gesundheitssystem schwer infrage gestellt werden könnten, so der Professor für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin vom Universitätsklinikum München im dpa-Gespräch.

Von Christoph Meyer, dpa