Berggebiete Albinen kämpft erfolgreich gegen Aussterben

SDA

6.8.2018 - 11:15

Beat Jost, der Gemeindepräsident von Albinen, ist zufrieden. Der angekündigte "Geldsegen" für Neuzuzüger scheint sich auszuzahlen.
Beat Jost, der Gemeindepräsident von Albinen, ist zufrieden. Der angekündigte "Geldsegen" für Neuzuzüger scheint sich auszuzahlen.
Source: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Die Oberwalliser Gemeinde Albinen hat erste Erfolge im Kampf gegen die Abwanderung erzielt. Dank der Wohnbauförderung bauen insbesondere junge Einheimische in der Gemeinde. Auch eine Aargauer Familie lässt sich im Bergdorf nieder.

Der Gemeindepräsident von Albinen, Beat Jost, zeigt sich erfreut über die Entwicklung. "Unsere Wohnbauförderung ist gut angelaufen und auf Kurs", sagt er der Agentur Keystone-SDA auf Anfrage. Der Geldsegen für Neuzuzüger scheint sich auszuzahlen.

Die Einwohnerinnen und Einwohner von Albinen hatten an einer Gemeindeversammlung im November entschieden, Massnahmen gegen das schleichende Aussterben des 250-Seelen-Dorfs zu ergreifen. Ein Wohnbau- und Familienförderungsprogramm soll neue Einwohner anlocken.

Wer in Albinen mindestens 200'000 Franken in den Bau, Umbau oder Kauf eines Hauses oder einer Wohnung investiert, wird von der Gemeinde unterstützt. Für eine Einzelperson sind es 25'000 Franken, für ein Paar 50'000 Franken. Hinzu kommen 10'000 Franken für jedes Kind.

Acht Monate nach der Abstimmung hat der Gemeinderat zwei erste Beitragsgesuche gutgeheissen. Drei weitere stehen nach Angaben von Jost kurz vor der Einreichung.

Anfang Oktober zieht eine Familie mit zwei Kleinkindern aus dem Kanton Aargau in das Oberwalliser Dorf auf 1300 Metern Höhe. Sie hat in Albinen ein Haus gekauft und erhält dafür von der Gemeinde 70'000 Franken.

Keine Geschenke

Nicht als Geschenk, wohlverstanden: Die Anschubfinanzierung ist an strenge Bedingungen geknüpft. So muss Albinen Erstwohnsitz sein. Weiter muss ein Gesuchsteller mindestens 200'000 Franken investieren.

Zieht er vor Ablauf von zehn Jahren nach Baubeginn wieder weg, muss er den Betrag der Gemeinde zurückzahlen. Ferner dürfen Empfänger nicht älter als 45 Jahre alt sein. Und Ausländer müssen im Besitz der schweizerischen Niederlassungsbewilligung C sein.

Die Wohnbauförderung ist nur bedingt als Lockangebot für Neuzuzüger gedacht. Sie soll auch Einheimische ermuntern, in Albinen zu bleiben und dort zu bauen. Vor allem in diesem Punkt kann die Gemeinde, wie sich zeigt, Erfolge verbuchen.

"Das zweite bewilligte Gesuch betrifft eine Einzelperson aus Albinen, die einen grösseren Umbau eines alten Hauses tätigt", sagt Jost. "Dazu kommen drei weitere konkrete Projekte junger Albiner, die voraussichtlich im zweiten Halbjahr ihre Beitragsgesuche einreichen werden."

Massiver Bevölkerungsschwund

Diese Nachricht ist ein Segen für das Bergdorf an einem Sonnenhang hoch über Rhonetal, dessen Einwohnerzahl in den vergangenen 80 Jahren um rund ein Drittel von 367 auf 243 gesunken ist. Allein seit 2010 betrug der Bevölkerungsverlust rund 18 Prozent.

Hinzu kommt, dass inzwischen die Hälfte der Einwohner bald über 60 Jahre alt ist und es an Kinder fehlt. Heute leben in Albinen noch zwei Primarschulkinder und fünf Oberstufenkinder, die mit dem Bus ins je 20 Minuten entfernte Leukerbad beziehungsweise Leuk zur Schule fahren.

"Wenn es uns gelingt, fünf junge Familien in fünf Jahren anzusiedeln, wäre das ein Erfolg", sagt Jost. "Zehn junge Familien in fünf Jahren wäre ein Riesenerfolg. Den schlechtesten Fall haben wir schon hinter uns gelassen: Nämlich null Gesuche, null Interesse", sagt der Gemeindepräsident.

Traum von eigener Schule

Ziel sei, dass sich Albinen als eigenständige, funktionierende Gemeinde behaupten könne. Dazu gehörten die Aufrechterhaltung des Dorf- und Vereinslebens, des gemeindeeigenen Dorfladens und der direkten Busverbindungen nach Leuk und Leukerbad.

"Wenn am Ende all dieser Bemühungen die Wiedereröffnung der Schule stünde, wäre das eine fantastische Sache, von der wir heute noch kaum zu träumen wagen", sagt Jost. Im Moment könne man tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung in Albinen feststellen.

Dennoch gibt es im Dorf auch kritische Stimmen, räumt er ein. "Die einen finden, das Geld werde aus dem Fenster geworfen, da wohnbaupolitische Experimente sowieso nichts bringen würden. Die anderen befürchten, das Bergdorf würde von Gesuchen überrannt und übernehme sich finanziell", erklärt Jost.

Andrang von Ausländern

Überrannt wird die Gemeinde tatsächlich - von Anfragen aus dem Ausland, seit vor einem Jahr Newsportale auf der ganzen Welt titelten: "Schweizer Alpendorf Dorf verschenkt Neuzuzügern Geld". In diesen Berichten wurde jedoch geflissentlich verschwiegen, dass für den Geldsegen auch strenge Kriterien gelten.

Rund 12'000 Anfragen gab es nach Angaben der Gemeinde bis heute. "Noch heute kommen wöchentlich Leute - zum Beispiel aus Marokko, Syrien oder von anderswo - nach Albinen und fragen, wo gibt es Geld und wo können wir wohnen", erzählt Jost.

Der Gemeindepräsident bedauert dies sehr. "Diese Menschen suchen verzweifelt und hoffnungslos eine Perspektive, die wir ihnen aber nicht geben können", sagt er.

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