Mit dem Computer-Algorithmus auf Jagd nach einem Serienkiller

von Don Babwin, AP

10.6.2019

Eines der Opfer. Die Tötungen begannen im Jahr 2001, dauerten mehrere Jahre an und sind noch immer nicht aufgeklärt.
Bild: Uncredited/Courtesy of Riccardo Holyfield/dpa

Eine Reihe von brutalen Morden an schwarzen Frauen in Chicago ist auch nach Jahren noch ungelöst. Mit Hilfe einer neuen Computer-Methode sucht die Polizei nun nach Gemeinsamkeiten zwischen den Bluttaten.

Seit Jahren könnte ein Serienmörder in Chicago sein Unwesen treiben. Nun rollen die Ermittler die Fälle wieder auf. Unterstützt werden sie dabei von einer gemeinnützigen Gruppe und deren Computer-Algorithmus.

Die Leichen tauchten in den schäbigsten Ecken von Chicago auf: in schmutzigen Gassen, leerstehenden Gebäuden, auf verwilderten Grundstücken und in Müllcontainern. Die meisten Opfer waren schwarze Frauen, die erdrosselt oder erstickt worden waren.

Nach Ansicht der Behörden handelte es sich bei vielen von ihnen um Prostituierte oder Drogenabhängige. Es gab Hinweise auf sexuelle Übergriffe, einige der Toten waren nackt oder trugen zerrissene Kleidung.



Die Tötungen begannen im Jahr 2001, dauerten mehrere Jahre an und sind noch immer nicht aufgeklärt. Nun rollen die Ermittler die Fälle wieder auf und suchen nach möglichen Verbindungen. Unterstützt werden sie dabei von einer landesweit tätigen gemeinnützigen Gruppe und deren Computer-Algorithmus. Die neuen Untersuchungen wecken Hoffnung bei den Hinterbliebenen, die zum Teil seit fast 20 Jahren auf Antworten warten.

Ähnlichkeiten bei 51 Morden

«Ich sage mir zwar, dass ich die Ereignisse von damals hinter mir gelassen habe», sagt Marsean Shines, dessen Tante Winifred vor fast 19 Jahren erwürgt aufgefunden wurde. «Aber tief in mir weiss ich, dass das nicht stimmt.» Die Angehörigen haben sich immer gefragt, ob hinter dem Tod von Winifred Shines ein Serientäter stand, der auch andere Frauen tötete.

Dass der Fall nun noch einmal untersucht wird, ist dem gemeinnützigen Murder Accountability Project zu verdanken, das Mordfälle in den gesamten USA analysiert. Die Aktivisten erfassten per Computer Informationen über etwa 1000 Fälle aus Chicago. Bei 51 Morden an Frauen zeigten sich frappierende Ähnlichkeiten. Das deute ganz klar auf einen Serienmörder hin, erklärt Projektgründer Thomas Hargrove, der seine Ergebnisse 2017 der Polizei vorlegte.

Auch an anderen Orten unterstützte seine Gruppe die Ermittler. 2010 deckte sie etwa ein Muster bei 15 ungeklärten Frauenmorden in Indiana auf. Vier Jahre später gestand ein Mann aus der Stadt Gary sieben der Taten. In Cleveland halfen die Daten des Murder Accountability Projects bei der Untersuchung von bis zu 60 Morden an Frauen.

2014 riss die Mordserie kurzzeitig ab 

Die Polizei in Chicago nahm die neuerlichen Ermittlungen unter dem Druck von Aktivisten auf. Sechs Beamte prüfen nun die alten Berichte und Beweise in jedem Einzelfall und suchen nach bisher unbemerkt gebliebenen Verbindungen sowie neuen Hinweisen.



Eine der grossen Fragen lautet, warum die Mordserie im Februar 2014 zunächst abriss, wie Hargrove erklärt. Damals wurde das zunächst letzte Opfer Diamond Turner in einer Mülltone aufgefunden. Im Juni 2017 begannen die Tötungen aufs Neue, das erste Opfer war Catherine Saterfield-Buchanan.

Das Murder Accountability Project rief die Polizei auf, nach einem Täter zu suchen, der während dieser drei Jahre keine Morde in Chicago begehen konnte. «Wir denken, das könnte die Unterbrechung erklären», sagt Hargrove. «Und jetzt sind der oder die Täter zurück.»

Vorwürfe an die Ermittler

Über den Ermittlungen schwebt ausserdem der Vorwurf, dass sich für die verarmten Opfer, die oft in Brennpunkt-Vierteln am Rand der Gesellschaft lebten, niemand wirklich interessiert. «Ich mache mir Gedanken darüber, dass meine Cousine tot in einem Müllcontainer lag und zwei Wochen lang nicht gefunden wurde», sagt Riccardo Holyfield, dessen Cousine Reo Renee Holyfield im Herbst vergangenen Jahres getötet wurde. «Wie kann eine Leiche so lange in einem Container in einer belebten Gasse liegen?»

Der leitende Ermittler Brendan Deenihan widerspricht dem Vorwurf, die Polizei gehe in armen Vierteln weniger engagiert vor als in reichen Gegenden der Stadt. «Das ist nicht der Fall», sagt er.

Deenihan geht eher nicht von einem einzigen Serienmörder aus. Vielleicht handele es sich um mehrere Täter, die jeweils mehrere Morde begangen hätten, sagt er. Die Gemeinsamkeit zwischen den Fällen bestehe möglicherweise nicht darin, dass sie vom selben Täter verübt wurden, sondern in den Ähnlichkeiten zwischen den Opfern.

«Hochriskante Lebensweise»

«Wir reden hier von einer hochriskanten Lebensweise», erklärt der Ermittler. Menschen, die als Prostituierte arbeiten, «steigen möglicherweise jede Nacht in 20 verschiedene Autos und teilen sich Drogen mit Leuten, die sie nicht wirklich kennen».

Neben dem Murder Accountability Project gibt es einen zweiten Kanal, über den sich die Ermittler Aufklärung erhoffen: Die Polizei von Chicago speist wie andere Strafverfolgungsbehörden DNA-Beweise in eine nationale Datenbank mit Informationen zu verurteilten Straftätern ein. Im Idealfall spuckt diese einen Namen aus.

Auf diese Chance setzt auch die Familie von Winifred Shines. Deren Sohn Bryant begann vor kurzem eine Therapie, um mit dem traumatischen Verlust seiner Mutter besser klarkommen zu können. «Ich kann nicht in Frieden leben, weil er immer noch da draussen ist», sagt er mit Blick auf den Mörder. «Und es könnte jemand sein, den wir kennen.»

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