Angst vorm Verhungern statt vorm Virus: Indiens Ärmste in der Falle

AP

27.3.2020 - 00:00

Eine indische Frau bittet vor einem Polizisten, sie und die Kinder an einem Kontrollpunkt vorbeigehen zu lassen, in der Hoffnung, mit ihrer Familie zu Fuss zu ihrem Haus zu gehen, das einige hundert Kilometer entfernt liegt.
Bild: Altaf Qadri/AP/dpa

Für fast ein Fünftel der Weltbevölkerung gilt seit Mittwoch die Ausgangssperre. Indiens Bürger und Bürgerinnen sollen im Kampf gegen das Coronavirus zu Hause bleiben. Die Ärmsten unter ihnen kämpfen nun ums Überleben.

Zahllose Menschen stehen wegen der Ausgangssperre in Indien ohne Arbeit da — die Konsequenz für viele Familien: Hunger. «Unsere erste Sorge gilt dem Essen, nicht dem Virus», macht der 60 Jahre alte Suresh Kumar klar. Normalerweise fährt er Rikscha in Neu-Delhi. Seine sechsköpfige Familie sei auf seinen Tagesverdienst von umgerechnet 3,80 Frankemn angewiesen. «Ich weiss nicht, wie ich klarkommen soll.»

In ganz Indien gelten im Zuge der Coronavirus-Pandemie noch nie da gewesene strenge Ausgangsbeschränkungen: 1,3 Milliarden Menschen sind angewiesen, zu Hause zu bleiben — nur noch zum Lebensmittel- und Medikamenteneinkauf sollen sie nach draussen. Ziel ist, das Virus einzudämmen. Bisher sind in Indien 593 Fälle bestätigt worden, 13 Todesfälle verbuchten die Behörden bislang.

800 Millionen Menschen bekommen Hilfe

Am Donnerstag kam erste Hilfe für den armen Teil der Bevölkerung. Indiens Finanzministerium kündigte ein Konjunkturpaket von umgerechnet 21 Milliarden Franken an. Es beinhaltet drei Monate lang Lieferungen von Getreide und Linsen an 800 Millionen Menschen. Im Bundesstaat Assam teilte die Polizei Reis in Elendsvierteln aus, in Uttar Pradesh schob die Regierung jeweils etwa zwölf Franken auf Konten von zwei Millionen gemeldeten Arbeitslosen. Für jene ohne Konto verteilte sie freie Essensrationen. Auch Hilfsorganisationen teilten mehr Mahlzeiten an Bedürftige aus.

Für die Ärmsten wird es eng

Die Ausgangssperre trat am Mittwoch in Kraft und wird die Lage für das Viertel der indischen Bevölkerung verschärfen, das unter der Armutsgrenze lebt sowie für 1,8 Millionen Obdachlose. Das Rückgrat der indischen Wirtschaft sind Rikscha-Fahrer, umherziehende Warenhändler, Dienstmädchen, Tagelöhner und andere Arbeiter — offiziellen Daten nach stellen sie rund 85 Prozent der gesamten Beschäftigung im Land. Viele kaufen Lebensmittel von dem Geld, das sie am Tag verdienen. Sie haben keine Rücklagen.



550 Kilometer zu Fuss

In Neu-Delhi arbeiteten die Behörden mit lokalen Hilfsgruppen zusammen, um die Armen der Stadt besser zu erreichen und 500 warme Mahlzeiten an sie zu verteilen, die in Schulen, Parteibüros und Suppenküchen gekocht worden waren. «Es sind aussergewöhnliche Zeiten, und Essen an die Armen zu verteilen, ist eine Mammutaufgabe», sagt Vinay K. Stephen, Leiter einer Wohltätigkeitsorganisation. «Aber wir werden das schaffen.»

Daran zweifeln viele Betroffene. Der 21 Jahre alte Prabhulal Kumar machte sich von Neu-Delhi zu Fuss auf in sein Heimatdorf, da die indische Regierung den Zugverkehr in der Corona-Krise gestoppt hat. Sein Heimatdorf in Uttar Pradesh ist gut 550 Kilometer entfernt; der Weg wird lang. Aber er habe keine Wahl, sagt Kumar. In der Hauptstadt werde er ohne Arbeit verhungern. «Niemand hilft mir. Lebensmittel und Milch gehen mir aus. Wie sollen wir hier überleben?»


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