28.03.2015 - 00:00, Corina Hany / SDA/AWP Multimedia

«Veganer haben die besseren Argumente»: Bluewin-Interview mit Beda Stadler

«Veganer haben die besseren Argumente»: Das Interview mit Beda Stadler

Geniesst gerne, was andere als ungesund erachten: Der 64-Jährige Stadler, hier an der Expo 02 im Jahr 2002.
Bild: Keystone

 

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Alternativmediziner, Impfgegener und Bio-Bauern bringen Beda Stadler auf die Palme. Nicht so Veganer. Warum, sagt der emeritierte Immunologie-Professor im Gespräch mit bluewin.ch, und erklärt, was Religionen gefährlich macht.

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Beda Stadler, Sie sind der wohl angriffslustigste Wissenschaftler der Schweiz. Woher kommt die Freude an der Provokation?

Als junger Student hielt ich vor Bauern einen Vortrag über Gentechnik. Sorgfältig vorbereit begann ich im Hinterstübli des Restaurants zu sprechen und nach gerade mal fünf Minuten schlief der erste Zuhörer ein. Mir wurde klar, dass das, was meine Wissenschafts-Kollegen und ich spannend finden, niemanden sonst interessiert. Also musste ich eine Sprache finden, die die Leute erreicht.

Und da funktioniert nur Provokation?

Nein. Mit einer Provokation kommt man einfach schneller auf den Punkt. In Diskussionen versucht man, sein Gegenüber zu überzeugen. Ich aber will gar niemanden überzeugen. Ich will meinen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen, bevor sie mir ihre unwissenschaftlichen Argumente um die Ohren schlagen können.

Wenn Sie die Argumente von Alternativmedizinern, Impfgegnern oder Biobauern nicht mehr hören mögen, warum haben Sie sich nie aus der Öffentlichkeit zurückgezogen?

Weil ich dann zum Psychiater hätte gehen müssen ob all dem Unsinn, den diese Gläubigen verbreiten. Solche Menschen glauben, anstatt zu denken. Für mich als Wissenschaftler aber zählen nur die Rationalität und Fakten, die sich messen lassen. Jedes Interview, das ich gebe, jede Kolumne, die ich schreibe, ist für mich Selbsttherapie.

Was ist denn so schlimm daran, wenn Menschen sich mit Homöopathie oder Chinesischer Medizin behandeln lassen?

Wenn wir uns und unsere Entwicklung nach Glaubenssystemen ausrichten, bleibt die Welt stehen. Nur was messbar ist, ist auch wahr. Wenn aber jemand sagt: Das, was ich mache, ist wahr, aber es ist eben nicht messbar, dann demaskiert er sich selbst. Und dass Homöopathie nicht wirkt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist nun wirklich bewiesen.

Vielleicht sind die Messmethoden noch nicht gut genug? Wissenschaftler verwerfen schliesslich auch immer wieder ihre eigenen Ergebnisse, weil sich die Forschung weiterentwickelt hat.

Richtig. Und Wissenschaft macht auch Fehler. Aber sie ist bereit, daraus zu lernen. Glaubenssysteme hingegen tendieren zur Unfehlbarkeit. Das Fundament der Religionen basiert sogar auf dem Prinzip der Unfehlbarkeit. Früher oder später führt dies aber zu totalitären Systemen, die allem widersprechen, was für mich den Wert des Lebens ausmacht: Demokratie, Meinungsfreiheit, Frauenrechte.

Religionen bieten den Menschen aber auch Leitplanken für moralisch und ethisch korrektes Verhalten.

Sehen Sie, in hunderten von Experimenten wurde sichtbar, dass sich der Mensch unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Erziehung grundsätzlich gleich verhält. Das heisst, in uns wirkt ein evolutionär bedingtes moralisches Programm. Moral kommt also nie von oben, wie uns das Religionen weismachen wollen. Damit wird das ganze Konzept eines göttlichen Herrschers, nach dessen Regeln wir uns ausrichten sollen, hinfällig. Und das ist eine Riesenchance für die Menschheit. Denn so sind Moral und Ethik nicht mehr Religion, sondern Wissenschaft.

Was soll uns das nützen?

Es bringt uns einen grossen Schritt weiter. Nun geht es nicht mehr darum, noch schnellere Computer zu bauen, sondern Maschinen, die Leistungen erbringen können, zu denen das menschliche Hirn nicht mehr fähig ist. Die Welt wird immer komplexer. Wir werden uns nur noch weiterentwickeln können, wenn wir den Computer als Bruder akzeptieren. Oder als Schwester. Wobei, Bruder wäre mir lieber (lacht).

Eine von den Gegnern ebenfalls als Glaubenssystem verschriene Bewegung sind die Veganer. Menschen, die keine tierischen Nahrungsmittel essen. Für Sie auch ein rotes Tuch?

Nein, denn die Veganer haben die besseren Argumente als wir. Wir jedoch das bessere Essen. Im Zentrum der veganen Bewegung steht eine philosophische Diskussion: Der Mensch darf Tieren kein Leid zufügen. Und damit bin ich zu hundert Prozent einverstanden. Das bedeutet für mich aber nicht, dass man Tiere nicht töten kann. Wir sollten akzeptieren, dass ein Tier wohl eine Biographie, aber keine Zukunft hat. Tiere planen keine Ferien oder überlegen sich, wie sie sich für ihr Alter finanziell absichern können. Wenn wir Tiere töten, nehmen wir ihnen also nichts weg. Das ist für mich der Hauptgrund, warum ich noch Fleisch esse.

Der Akt der Tötung – sofern er sauber, schnell und schmerzlos ausgeführt wird – dürfte auch nicht das Hauptproblem sein. Sondern die unwürdige und quälerische Haltung.

Genau. Und da liegen die Veganer richtig. Unsere Tierhaltung ist furchtbar. Auch dort, wo wir es noch schön finden. Wir müssen uns also fragen, was braucht ein Tier wirklich? Antworten finden wir aber nicht mit einer esoterisch-romantisch verklärten Sichtweise, sondern in einem naturalistischen Humanismus. Und das wiederum ist Wissenschaft.

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