Im Jahr 2004 schreibt Joël Le Scouarnec in sein Tagebuch:
«Beim Rauchen meiner Morgenzigarette dachte ich darüber nach, dass ich ein grosser Perversling bin. Ich bin gleichzeitig ein Exhibitionist, Voyeur, Sadist, Masochist, Fetischist und Pädophiler. Und darüber bin ich sehr glücklich.»
Zu diesem Zeitpunkt lag der erste Missbrauch vermutlich bereits 17 Jahre zurück. Es sollen weitere 13 Jahre vergehen, bis er verhaftet und vor Gericht gestellt wird.
Am Montag hat der Prozess gegen den ehemaligen Chirurgen in Vannes begonnen. Der Franzose wird beschuldigt, über einen Zeitraum von 30 Jahren 299 Kinder missbraucht zu haben. 158 Buben, 141 Mädchen. Das Durchschnittsalter der betroffenen Kinder liegt bei 11 Jahren.
Im Zentrum des Prozesses steht sein Tagebuch. Auf 1655 Seiten hat Le Scouarnec alles notiert. Die Namen seiner kleinen Opfer, deren Alter, das Datum seiner mutmasslichen Taten, die Orte. Und im Detail auch, was er empfand, als er sich sexuell an den Kindern verging. 1655 Seiten.
Es ist der grösste Prozess gegen einen mutmasslichen Kinderschänder, den Frankreich in seiner neueren Geschichte gesehen hat. Die Geschichte eines Mannes, der massenhaft Kinder missbrauchte.
Die Kindheit
Am 3. Dezember kommt Joël Le Scouarnec in Paris zur Welt. Sein Vater arbeitet als Schreiner und später im Bankensektor. Seine Mutter ist Hausmeisterin, bevor sie sich der Erziehung ihrer drei Kinder widmet.
Ein Gutachten, welches in französischen Medien veröffentlicht wurde, beschreibt ihn als jemanden, der in einer klassischen Familie aufwuchs. Mit einem autoritären Vater und der Schwierigkeit, Gefühle auszudrücken.
Sein jüngerer Bruder sagt zu den Medien: «Wir hatten eine wunderbare Kindheit». Wie sein Bruder Joël so werden konnte, verstehe er nicht. «Alle Geschwister sind gleich aufgewachsen», erzählt er. Das einzig Auffällige sei gewesen, dass er nie über sein Privatleben gesprochen habe. Ein Einzelgänger sei er gewesen, der seine Tage mit Lesen verbracht habe.
In diesem Gericht in Vannes begann der zweite Prozess gegen den Chirurgen.
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Bereits als Zehnjähriger will Le Scouarnec Arzt werden. Ein Ziel, welches er auch erreicht. Nach einem Medizinstudium in Paris absolviert er zwischen 1976 und 1981 ein Praktikum an der medizinischen Fakultät von Nantes. Er spezialisiert sich später auf viszerale und gynäkologische Chirurgie.
Während des Studiums lernte er seine spätere Frau kennen, die als Pflegerin arbeitete. Sie bauen sich ein gutbürgerliches Leben auf – in einem Herrenhaus auf dem Land in der Nähe der Hauptstadt. Sie bekommen drei Söhne, gehen regelmässig auf Reisen und in die Oper.
Als Vater soll er sehr darauf geachtet haben, dass seine Kinder zur Schule gehen, aber zu Hause sei er kaum anwesend gewesen. Das schöne Leben bröckelt. Gemäss Medienberichten soll Le Scouarnec in dieser Zeit zwei Affären gehabt haben.
Ein scheinbar ganz normales Leben. Ein scheinbar ganz normaler Mann. Warum begann der sexuelle Missbrauch?
Der Missbrauch
Laut Polizei wurde seine Pädophilie durch seine Grossnichte geweckt, doch zunächst soll er sich an seinen beiden Nichten vergangen haben. Davon soll seine Frau bereits seit Mitte der Neunzigerjahre gewusst haben, obwohl sie dies öffentlich abstreitet.
«Unter Tränen» soll er sich bei der Mutter der Nichten entschuldigt haben, heisst es in Medienberichten. Und die Familie? Sie schweigt. Trotz des Wissens über die «Neigung» von «Tonto Joël», also Onkel Joël.
Im Spital von Loches soll der Serienmissbrauch begonnen haben. Ehemalige Kolleginnen und Kollegen beschreiben Le Scouarnec als charmant, einsam und fast unsichtbar. Gleichzeitig sei er aber seltsam gewesen, da er häufig nachts ohne Dienst in den Krankenhausfluren umherwanderte.
Fast täglich soll er Patientinnen und Patienten missbraucht haben – im Operationssaal oder in den Patientenzimmern. Die Opfer waren noch unter Narkose oder kurz vor dem Aufwachen. Einige Opfer geben deshalb an, dass sie das Gefühl hatten, seine «Gesten» und «Berührungen» seien medizinische Untersuchungen gewesen.
Achtung: In den folgenden zwei Absätzen werden sexuellen Handlungen an Kindern beschrieben. Alternativ geht es nach dem Bild weiter.
In den Tagebüchern, die bei Hausdurchsuchungen gefunden werden, dokumentieren die Ermittlerinnen und Ermittler explizite Beschreibungen von Masturbation an kleinen Jungen und analer und vaginaler Penetration mit den Fingern.
Manche seiner Opfer soll er auf dem Operationstisch vergewaltigt haben. Seine bevorzugte Tatzeit aber, so geht es aus seinem Tagebuch hervor, ist die Morgenvisite am Tag nach der Operation, wenn die Eltern der Kinder nicht dabei sind.
Die Files der Tagebücher.
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Die Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen waren froh, dass er die Visiten alleine durchführt, weil sie ja alle viel zu tun hatten. In seinem Tagebuch schrieb er, wie er diese Situationen ausnutzte, was er tat.
Das Nachrichtenmagazin «Le Point» zeigt einige dieser Einträge, schwärzt aber die Namen und die Passagen, in denen Le Scouarnec seine Taten schildert. Sie sind unerträglich.
In seinen Anhörungen bestreitet Le Scouarnec den Vorwurf der Vergewaltigung. Und gegenüber der Untersuchungsrichterin behauptet er, er habe nur sexuelle Fantasien in seinem Tagebuch notiert. Sie stimmen allerdings genauestens mit den entsprechenden Daten des Spitals überein.
Die erste Verhaftung
Besonders prekär: Bereits im Jahr 2004 hätte der Missbrauch gestoppt werden können. Dann geriet er nämlich ins Visier internationaler Ermittler. Der US-Geheimdienst FBI hatte die französischen Behörden 2004 informiert, dass Le Scouarnec auf russischen Pädophilen-Webseiten mit seiner Kreditkarte bezahlt habe.
Noch vor einer Hausdurchsuchung versteckt er aber alle Beweismittel an seinem Arbeitsplatz – Beweise, die die Polizei erst 2017 entdeckt. Vor Gericht gibt er damals zu, die Dateien aus einer «vorübergehenden Schwäche» heruntergeladen zu haben.
Daraufhin wird er 2005 einvernommen und zu einer viermonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Und dabei bleibt es. Niemand kommt auf die Idee, ihm eine Therapie aufzuerlegen, ihm ein Berufsverbot zu erteilen oder ihn zu überwachen.
Sein Arbeitgeber erfährt von der Verurteilung nichts. Le Scouarnec operiert einfach weiter. 2006 wird er sogar Chef der Chirurgie in Quimperlé.
Die zweite Verhaftung
Bis 2017 geht alles weiter wie immer. Dann spricht «Lana». Die sechsjährige Nachbarstochter, erzählte ihren Eltern, dass der alte Mann von nebenan sich ihr nackt gezeigt habe und mit seinen Fingern kuriose Dinge an ihr gemacht hat – durchs Gartentor.
Daraufhin gehen die Eltern zur Polizei.
Als die Beamten das Haus von Le Scouarnec am 2. Mai 2017 betreten, finden sie da einen chaotischen Haufen merkwürdiger Dinge. Zu diesem Zeitpunkt lebt Le Scouarnec schon lange alleine, getrennt von seiner Frau.
Unter anderem finden die Ermittlerinnen und Ermittler 22 Menschenpuppen. Manche einen halben Meter hoch, andere von Säuglingen. Dazu viel Pornografie, sortiert nach Genres. Auf DVDs, auf 27 externen Festplatten, auf neun USB-Sticks, auf zwei Laptops und einem grossen Computer.
Und eben auch das Tagebuch – gespeichert in mehreren Files. Von Hand getippt. 1655 Seiten.
Anwälte treffen am Eröffnungstag des Prozesses ein.
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Und so kommt es, dass Joël Le Scouarnec im Alter von 66 Jahren verhaftet wird. Er gilt als renommierter Chirurg. Man ist dankbar, ihn im Team zu haben. Sein Arbeitgeber fragt ihn sogar, ob er nach seiner Pension noch etwas länger arbeiten könnte.
In den folgenden Jahren wird er als einer der potenziell schlimmsten Kinderschänder weltweit bekannt.
Die Gerichtsverhandlung
Die Ermittlerinnen und Ermittler begannen damit, die Einträge im Tagebuch mit den Registern des Spitals abzugleichen. Sie sprechen mit den mutmasslichen Opfern. Viele von ihnen haben nichts bemerkt von den Dingen, die ihnen dieser Mann im weissen Kittel angetan haben soll. Weil sie schliefen. Oder weil sie nicht verstanden, was da passiert war. Oder weil das Trauma, das sie erlebten, eine Amnesie ausgelöst hat.
Andere können sich nun plötzlich erklären, warum sie als Erwachsene an einer sexuellen Blockade leiden – oder an Panikattacken – jedes Mal, wenn sie zum Arzt gehen.
Eines der Opfer hat sich 2021 mit einer Überdosis das Leben genommen. Er wurde als 10-Jähriger von Le Scouarnec missbraucht. Laut seinen Grosseltern habe er es nicht ausgehalten, was die Polizei in den Notizbüchern des Arztes fand.
Roland und Maury Vinet halten ein Bild von ihrem Enkel vor dem Gericht hoch. 2021 nahm er sich das Leben. Er habe es nicht ausgehalten, was die Polizei in den Notizbüchern des Arztes fand, sagen die beiden.
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Der Prozess gegen Joël Le Scouarnec wurde zweigeteilt, weil die Akte so umfangreich ist, weil viele Daten überprüft werden sollten. Der erste Teil fand im Jahr 2020 statt, ohne Öffentlichkeit. Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung seiner zwei Nichten, einer Patientin und von «Lana», der Tochter der Nachbarn.
Am Montag hat nun der zweite Teil des Prozesses begonnen. Vier Monate soll der Mammutprozess dauern. Dem heute 74-Jährigen drohen bis zu 20 Jahre Haft.
Obwohl Le Scouarnec die meisten Verbrechen gesteht, bestreitet er weiterhin die Vergewaltigungen. Die Untersuchungsbehörden arbeiten daran, ihm das Gegenteil zu beweisen.
In der Nähe des Gerichts von Vannes musste ein Saal gefunden werden, der alle Nebenkläger fassen konnte, da im kleinen Gerichtssaal nicht einmal alle Anwälte Platz fanden. Eine alte Aula der Universität wurde umfunktioniert, alleine für die Opfer. 299.