Durchbruch in der WissenschaftDieser Pilz scheint von radioaktiver Strahlung leben zu können
Samuel Walder
7.12.2025
Dieser Pilz ist resistent gegen Strahlung und soll sogar davon leben können.
Atlas of Mycology
Wo einst alles Leben endete, beginnt seines: In den Ruinen des Tschernobyl-Reaktors wächst ein schwarzer Pilz, der nicht nur extreme Strahlung überlebt – sondern möglicherweise sogar davon lebt. Ein biologisches Rätsel, das Wissenschaftler weltweit fasziniert.
In der hoch verstrahlten Sperrzone von Tschernobyl gedeiht der schwarze Pilz Cladosporium sphaerospermum, der offenbar ionisierende Strahlung für sein Wachstum nutzt.
Forschungen zeigen, dass der Pilz unter Strahlung schneller wächst, möglicherweise durch einen Prozess namens Radiosynthese, bei dem Melanin Strahlung ähnlich wie Chlorophyll Licht verwertet.
Tests auf der ISS ergaben, dass der Pilz sogar kosmische Strahlung abschirmen kann – ein Hinweis auf mögliches Potenzial für Strahlenschutz in der Raumfahrt.
Fast 40 Jahre nach dem Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl gilt die Sperrzone rund um Reaktorblock 4 als einer der lebensfeindlichsten Orte der Welt. Wo einst Menschen wohnten, regiert heute die Stille – doch sie ist nicht ganz leer. Ausgerechnet dort, wo radioaktive Strahlung alles Leben auszulöschen scheint, breitet sich ein mysteriöser Überlebenskünstler aus: ein schwarzer Pilz namens Cladosporium sphaerospermum. Das berichtet die «Bild».
An den Innenwänden der am stärksten verstrahlten Gebäude des zerstörten Kraftwerks gedeiht der Pilz erstaunlich gut. Was ihn besonders macht: Er scheint sich nicht nur gegen die Strahlung zu wehren – sie könnte ihm sogar beim Wachsen helfen. Die Wissenschaft vermutet, dass sein dunkles Pigment, Melanin, Strahlung ähnlich wie Chlorophyll Sonnenlicht bei der Photosynthese nutzt – ein Prozess, der als Radiosynthese bekannt ist. Der genaue Mechanismus? Bis heute ein ungelöstes Rätsel.
Ein Fund, der Wissenschaftler verblüffte
Schon Ende der 1990er-Jahre fiel der Pilz erstmals auf. Mikrobiologin Nelli Zhdanova fand in der Sperrzone 37 Pilzarten, viele davon tiefschwarz und melaninhaltig. Cladosporium sphaerospermum war die dominierende Art – und schien sich an radioaktiven Oberflächen besonders wohlzufühlen.
In der Tschernobyl-Zone leben «radiotrophe» Pilze, die ionisierende Strahlung als Energiequelle nutzen, um zu wachsen
Efrem Lukatsky/AP/dpa
Die Forscherin war nicht allein mit ihrem Erstaunen. Auch Radiopharmakologin Ekaterina Dadachova und Immunologe Arturo Casadevall testeten den Pilz unter Laborbedingungen: Bestrahlt mit ionisierender Strahlung wuchs er schneller als in strahlungsfreien Umgebungen. Eine paradoxe Beobachtung, die Fragen aufwirft.
Kosmische Tests – Pilz im All
Im Jahr 2022 wagten Wissenschaftler einen ungewöhnlichen Versuch: Sie schickten den Tschernobyl-Pilz ins Weltall und platzierten ihn auf der Aussenhülle der ISS. Das Ergebnis: Der Pilz schirmte die darunterliegenden Sensoren messbar gegen kosmische Strahlung ab – ein natürlicher Strahlenschutz, der sogar Raumfahrttechnologie inspirieren könnte.
Doch wie funktioniert das Ganze?
Trotz aller Experimente fehlt der endgültige Beweis dafür, dass der Pilz Strahlung tatsächlich in Energie umwandelt. Zwar verändert sich das Melanin unter Strahleneinfluss, doch der genaue biologische Prozess bleibt unklar. Ist es ein evolutionäres Überbleibsel – oder eine bisher unbekannte Form von Energiegewinnung?
Eines ist sicher: Cladosporium sphaerospermum ist ein Überlebenskünstler – vielleicht sogar ein Bote aus einer Welt, in der Leben selbst in der Todeszone möglich ist. Ein schwarzes Rätsel aus Tschernobyl, das Forscher noch lange beschäftigen dürfte.
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