Van-Dyck-Coup aufgeklärtEin Komplott, 75 Jahre Verwirrung und ein ziemlich dreister Dieb
Andreas Fischer
17.3.2025
Ein Bild des flämischen Meisters Anthonis van Dyck wurde 1951 aus einem englischen Herrschaftshaus gestohlen. Jetzt wurde der Dieb überführt.
Anthony van Dyck, Public domain, via Wikimedia Commons
1951 verschwand ein Gemälde des flämischen Meisters Anthonis van Dyck aus einem englischen Schloss. Erst jetzt wurden die Täter überführt: Das ist die Geschichte einer Räuberpistole mit drei unehrenwerten Gentlemen.
Der Diebstahl: 1951 verschwindet ein kleines Van-Dyck-Gemälde aus dem herrschaftlichen Boughton House in England, just nachdem ein berühmter Kunstexperte die Sammlung begutachtete.
Die Vertuschung: Das Gemälde taucht mit Echtheitszertifikat, aber ohne Herkunftsangabe auf einer Versteigerung auf. Beteiligt sind drei prominente Figuren der Kunstszene.
Der Zufall: Die eigentliche Besitzerin entdeckt das Bild 1957 in einem US-Museum und bemerkt erst jetzt den Diebstahl.
Die Aufdeckung: Kunsthistorikerin Meredith Hale rekonstruiert Jahrzehnte später den Fall und identifiziert die Beteiligten. Die Enthüllung ist für die Kunstszene ein Schock.
1957 stand die Herzogin von Buccleuch im Fogg Art Museum der US-Elite-Uni Harvard vor dem Porträt eines deutschen Prinzen. Es sah genauso aus, wie ein Bild in ihrem Schloss in der englischen Grafschaft Northamptonshire: Im Boughton House, dem «englischen Versailles», sammelte ihre Familie seit Jahrhunderten Meisterwerke bekannter Maler.
Zur Sammlung gehörten auch Bilder des flämischen Meisters Anthonis van Dyck, eines Zeitgenossen und Schülers von Peter Paul Rubens. Eines seiner Bilder war ohne das Wissen der Familie in einem Museum auf der anderen Seite des Atlantiks gelandet. Wie konnte das geschehen?
Offensichtlich waren die Herzöge von Buccleuch ohne es zu merken Opfer eines Kunstdiebstahls geworden, der erst mehr als sieben Jahrzehnte später aufgeklärt werden konnte. Dr. Meredith Hale, Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität von Exeter, hat sogar den Täter identifiziert, wie der «Guardian» berichtet und sich dabei auf eine wissenschaftliche Abhandlung berufen, die am 18. März im «British Art Journal» veröffentlicht werden soll.
Ein respektabler Mann mit langen Fingern
Der Krimi begann sechs Jahre bevor das verschwundene Gemälde durch Zufall von der Besitzerin wiederentdeckt wurde. Im Mittelpunkt stand ein Mann, der in der Kunstszene Englands einen exzellenten Ruf genoss: Leonard Gerald Gwynne Ramsey war Kunstexperte und Herausgeber des renommierten Kunstjournals «The Connaisseur».
Sein guter Ruf und seine Expertise öffneten ihm Tür und Tor in England, auch zum Boughton House. Dort durfte er sich 1951 im Rahmen einer Recherche die stattliche Sammlung der Herzoge von Bucchleuch ansehen. Weil der Hausherr erkrankt war, durfte Ramsey allein durch die Hallen wandeln. Das Vertrauen war (zu) gross.
Das Van-Dyck-Bild war hingegen ziemlich klein: Das Porträt des Prinzen Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg misst gerade einmal 16,5 mal 22 Zentimeter. Es ist Teil einer 37-teiligen Serie von Grisailles (monochromen Skizzen).
Dass Ramsey das Bild entwendet hat, sei ein «bemerkenswerter Diebstahl» gewesen, schreibt Hale. Der weitere Verlauf der Geschichte ähnelt dann aber eher einer Räuberpistole. Ramsey habe sich vom Kunstexperten Ludwig Goldscheider ein Echtheitszertifikat besorgt, bevor das Bild 1954 beim Auktionshaus Christie’s anonym versteigert wurde. Wie Hale herausfand, handelte es sich bei dem anonymen Anbieter um den Kunsthändler Eugene Slatter.
Die drei Männer, Ramsey, Goldscheider und Slatter, kannten sich über das Kunstjournal «The Connaisseur» gut. Ramsey war Herausgeber, Goldscheider veröffentlichte Artikel, Slatters Ausstellungen wurden wohlwollend besprochen.
Das Boughton House, Sitz des Duke of Buccleuch, gilt als Versailles von England und beherbergt eine stattliche Kunstsammlung.
IMAGO/Dreamstime
Indizien erdrückend, aber keine Beweise
Nachdem die Herzogin von Buccleuch das Bild zufällig in Amerika entdeckt hatte, verlangten die Eigentümer die Herausgabe. Doch so einfach war das nicht. Das Auktionshaus Christie’s hatte keine Herkunftsüberprüfung vorgenommen, und es fehlten, egal wie stark die Indizien waren, eindeutige Beweise für die Beteiligung von Ramsey, Goldscheider und Slatter.
Dabei verwickelten sie sich bei Nachfragen in heftige Widersprüche: So behauptete Ramsey, niemals im Boughton House gewesen zu sein und Goldscheider wollte auch kein Echtheitszertifikat ausgestellt haben. Die Sache stank schon Ende der 1950er-Jahre zum Himmel, oder wie es der damalige Direktor der National Gallery britischer ausdrückte: «Sie machen beide keinen guten Eindruck.»
Erst die Recherche von Meredith Hale stellte die Verbindung zwischen den drei Männern zweifelsfrei her. 35 Jahre nach seinem Tod hat die Kunstexpertin Ramsey als Dieb überführt.
Das Van-Dyck-Gemälde war in der Zwischenzeit durch Erbschaft in den Besitz der University of Toronto übergegangen. Hale handelte die Rückgabemodalitäten mit aus, sodass Anthonis van Dycks Prinz wieder in seinem angestammten Anwesen residieren kann – fast 75 Jahre nachdem er dort gestohlen wurde.
Für die Kunstszene sind Hales Erkenntnisse ein Schock wie Robin Simon, Herausgeber des British Art Journals, erklärt: «Unsere Arbeit basiert auf Vertrauen, und wir müssen gewissenhaft sein.» Umso schockierender sei die Beteiligung eines legendären Kunsthistorikers wie Ludwig Goldscheider an dem Fall, einer der Mitbegründer des renommierten Kunstverlags Phaidon Press. «Ich fürchte,», sagt Simon, «er steckte bis zum Hals in der Sache drin, sowohl beim Verkauf als auch bei der Vertuschung.»
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