Extrem-Bergsteiger will im Winter allein auf Mount Everest

dpa/tsha

21.12.2019 - 10:31

Für viele Bergsteiger ist der Mount Everest das Ziel ihrer Träume.
Bild: Keystone

Jost Kobusch ist 27 und will erreichen, was selbst gestandene Bergsteiger etwas verrückt finden: Er will den grössten Berg der Welt bei eisigen Temperaturen im Winter ohne Sauerstoffflasche ganz alleine besteigen. Warum nur?

Als Jost Kobusch und seine Freunde im Basislager des Mount Everests sassen, hat plötzlich die Erde gebebt. Zunächst fanden sie das witzig, Kobusch begann mit seinem Handy zu filmen. Doch dann rollte plötzlich eine Schneewand auf sie zu. «Fuck», sagten sie nur - und wurden von den weissen Massen begraben. Die Lawine tötete 18 Menschen, heisst es vom zuständigen Tourismusministerium in Nepal. Sie sei durch ein Beben der Stärke 7,8 ausgelöst worden. Doch Kobusch und seine Freunde überlebten. Und der damals 22-Jährige aus der kleinen Stadt Borgholzhausen nahe Bielefeld (D) entschied sich, sein Leben künftig anders zu leben.

Statt ein Medizinstudium zu beginnen, wollte er Bergsteiger werden und ein Leben leben, in dem er nichts bereut, wie er kürzlich in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur sagte. «Alles wurde immer weisser um mich herum, und ich war mir sicher, ich würde jetzt sterben.» Aber er sei ruhig geblieben. «Ich habe gedacht, okay, wenn du jetzt stirbst, dann ist es halt so. Es passt. Ich habe die richtigen Entscheidungen getroffen im Leben.»

Inzwischen sind viereinhalb Jahre vergangen, Kobusch ist 27, und er hat es schon auf die Spitzen mehrerer hoher Berge geschafft. Mit 21 bestieg er als weltweit jüngster Kletterer allein den rund 6800 Meter hohen Ama Dablam im Himalaya, wie ein Blick in das Expeditionsarchiv «Himalayan Database» zeigt. Mit 25 bestieg er den rund 7300 Meter hohen Nangpai Gosum II als erster Mensch überhaupt und wurde dafür für den Oskar der Bergsteiger, den Piolet d'Or, nominiert. Und vor drei Jahren erreichte er den Gipfel seines ersten Achttausenders, des rund 8090 Meter hohen Annapurna, wie Nepals Tourismusministerium bestätigte.

«Die Chance, dass er den Gipfel erreicht, ist sehr klein»

Kobusch reizen extreme Herausforderungen, von denen er zunächst nicht weiss, ob sie überhaupt möglich sind. Diesen Winter versucht er alleine, also ohne Sherpas, und ohne Sauerstoffflasche, den höchsten Berg der Erde zu besteigen - den 8848 Meter hohen Mount Everest. Das hat nach der «Himalayan Database» noch niemand geschafft. «Die Chance, dass er den Gipfel erreicht, ist sehr klein», sagt der amerikanische Bergsteiger und Blogger Alan Arnette. «Was er versucht, ist extrem gefährlich, und wenn etwas schrecklich schief läuft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gerettet wird, praktisch gleich null.»

Eine Besteigung im Winter ist besonders schwer, weil es auf mehr als 8000 Meter Höhe bis zu minus 50 Grad kalt wird und Winde mit bis zu 180 Kilometer die Stunde blasen, wie der deutsche Bergsteiger Ralf Dujmovits sagt. Ohne Sauerstoffflasche wird es noch schwerer, weil in grosser Höhe die Luft dünner ist und man schneller atmet. So verliere der Körper rascher Wärme und arbeite langsamer. Und Unterkühlung und Erschöpfung können zur Höhenkrankheit führen. Dujmovits selbst hat schon alle 14 Achttausender bestiegen und er findet Kobuschs Projekt «Schaumschlägerei, die jeden Realitätssinn vermissen lässt».

Kobusch ist sich der Risiken bewusst, auch weiss er, dass seine Erfolgschancen gering sind. Aber er möchte es weiter versuchen. «Ich schätze, dass ich schon so drei, vier Anläufe brauchen werde.» Aber es nervt ihn, wenn ihn Leute lebensmüde nennen. Er möchte einfach intensiv leben, den Berg und die Wildnis allein erleben, wie er sagt. Dabei sei der Gipfel auch nur ein Bonus. So kam es für ihn nie in Frage, den Everest in der gewöhnlichen Saison im Frühling zu besteigen, wie er sagt. Dann ist der Andrang manchmal so gross, dass die Kletterer Schlange stehen müssen.

Während der vergangenen Monate hat sich Kobusch auf seine Mission vorbereitet. Mit seinem Sponsor entwickelte er warme Kleidung, die ihn warm halten soll. Er läuft und klettert viel in der Halle und auf Bergen - und das auch mit Freunden, wenn er nicht gerade wieder ein spezielles Projekt hat.

«Das hat mich süchtig gemacht»

In den vergangenen Wochen stieg er auf mehrere kleinere Berge im Himalaya, um seinen Körper für die Everest-Mission zu gewöhnen. Gerade hat er sein Zelt im Basislager aufgestellt. Von dort aus will er bis Ende Februar immer wieder Versuche gegen oben unternehmen, Routen suchen. Er will jeweils einige Tage hintereinander gehen und sich dann wieder im Zelt im Basislager erholen, wo ein Koch und ein Küchenhelfer warten. Bei den Versuchen ist er aber allein. Im Rucksack trägt er dann ein leichtes Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, Trockennahrung, einen Kocher, Sonnencreme, Ersatzhandschuhe und Musik für die einsame Zeit auf dem Berg.

Bei seiner Everest-Mission und seinen anderen Projekten treibt ihn auch das Gefühl der Angst an. Das mag er, wie er sagt. «Diese Angst, die setzt unglaublich viel Energie bei mir frei und viel Fokus.» Das Klettern hatte ihm auch geholfen, Ängste zu überwinden. Als Kind fürchtete er sich davor, vom Drei-Meter-Sprungbrett zu springen. Nachdem er mit zwölf der Kletter-AG beitrat, traute er sich plötzlich. «Ich fand dieses Gefühl einfach so stark, über seine eigenen Ängste hinauszuwachsen seine Ängste zu besiegen. Das hat mich irgendwie süchtig gemacht.»

Vom Fünf-Meter-Brett ist er noch nicht gesprungen. Vielleicht schafft er es nach dem Mount Everest, wie er sagt. «Ich weiss nicht, wenn ich dann da oben stehe, habe ich bestimmt Schiss. Aber das ist ja das Spannende.» Und dann möchte er noch viele weitere Berge besteigen - bis sein Körper irgendwann nicht mehr kann.

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