Tödliches Drama am GipfelFrau erfriert am Grossglockner – jetzt muss ihr Freund vor Gericht
Oliver Kohlmaier
5.12.2025
Der Grossglockner ist mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs und ein beliebtes Ziel für Bergsteiger.
IMAGO/Andreas Stroh
Im Januar erfror eine 33-jährige Alpinistin am Gipfel des Grossglockners. Nun muss sich ihr damaliger Begleiter wegen grob fahrlässiger Tötung verantworten.
Redaktion blue News
05.12.2025, 19:40
Oliver Kohlmaier
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Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hat einen 36-jährigen Bergsteiger wegen grob fahrlässiger Tötung angeklagt.
Dem Mann wird vorgeworfen, seine Bergpartnerin «schutzlos, entkräftet, unterkühlt und desorientiert» am Grossklockner zurückgelassen zu haben.
Zudem habe er eine Kommunikation mit Rettern durch das Lautlos-Schalten seines Handys erschwert.
Der Fall sorgte in Österreich auch deshalb für Aufsehen, weil der Anwalt des Angeklagten der Alpinpolizei Tirol vorwarf, die Rettungskette zu spät in Gang gesetzt zu haben.
Der Fall versetzte die Bergsteigerszene in Österreich in helle Aufregung: Im Januar ist eine unerfahrene 33-jährige Frau am Grossglockner erfroren. Schnell geriet ihr Begleiter und Freund unter Beschuss, eigentlich ein erfahrener Bergsteiger.
Nun wurde der 36-Jährige angeklagt. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck wirft ihm vor, als Führer der Tour seine Bergkameradin «schutzlos, entkräftet, unterkühlt und desorientiert circa 50 Meter» unter dem Gipfel zurückgelassen zu haben. Am 19. Februar muss sich der Mann wegen grob fahrlässiger Tötung in Innsbruck vor Gericht verantworten. Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft. Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.
Handy war lautlos
Die Ermittler erheben zahlreiche Vorwürfe gegen den Mann. So habe er die Unerfahrenheit seiner Begleiterin nicht ausreichend berücksichtigt, das Duo ausrüstungstechnisch nicht auf eine Gefahrensituation vorbereitet und die 33-Jährige in höchster Gefahr nicht an einen möglichst windstillen Ort gebracht. Ausserdem habe er eine Kommunikation mit Rettern durch das Lautlos-Schalten seines Handys erschwert. «Er hat sein Telefon auf lautlos gestellt und verstaut und daher weitere Anrufe der Alpinpolizei nicht mehr entgegengenommen», schreibt die Staatsanwaltschaft in einer Aussendung.
Angesichts des Sturms in grosser Höhe habe die Temperatur unter Berücksichtigung des «Windchill»-Effektes bei minus 20 Grad gelegen.
Die beiden Bergsteiger waren am 18. Januar von Kals zu der folgenschweren Glockner-Besteigung auf 3798 Metern Seehöhe aufgebrochen. Schliesslich war die Frau kurz unter dem Gipfel zu erschöpft, um weiterzugehen. Der 36-Jährige hatte sich nach bisherigen Erkenntnissen allein aufgemacht, um Hilfe zu holen. Einige Stunden später konnte die Frau nur noch tot geborgen werden.
Das Drama am Grossglockner hatte im Laufe der Ermittlungen immer wieder für Aufsehen gesorgt. So hatte der Verteidiger des Alpinisten zuletzt mehrfach darauf hingewiesen, dass sein Mandant alles getan habe, was möglich gewesen sei, um die Frau zu retten. «Es tut ihm unendlich leid, wie es gekommen ist», sagte der Anwalt. Im Juni hatte er der Alpinpolizei ausserdem vorgeworfen, die Rettungskette zu spät in Gang gesetzt zu haben.
In der österreichischen Bergsteigerszene wird nun auch die Anklage teils kontrovers diskutiert. So empfindet der Ortsstellenleiter der Bergrettung Kals am Grossglockner und Bergführer Peter Tembler die Anklage als «sehr heftig» wie er dem «Standard» sagte. Seine Kollegen mussten die Frau im Januar bergen, weshalb er sich zunächst nicht weiter äussern will.
Für Günter Karnutsch, Leiter der Alpinschule Salzburg-Alpin, kommt die Anklage hingegen nicht überraschend. So wiegen die einzelnen der neun angeführten Punkte der Anklage für sich genommen nicht schwer. Es sei jedoch die «Summe der einzelnen Fehlentscheidungen», die zum Unglück beitrug.
Der eigentlich erfahrene Alpinist habe «immer wieder die falschen Aktionen gesetzt», sagt Karnutsch und meint damit insbesondere den späten Einstieg in den Grat sowie das Ignorieren möglicher Umkehrpunkte. Die Rechtfertigung des 36-Jährigen, er habe Hilfe holen wollen, kann Karnutsch nicht nachvollziehen: «Wo hätte er denn Hilfe holen sollen?» Die Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe sei schliesslich geschlossen gewesen.
Mit Material der Nachrichtenagentur DPA.
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