Mysteriöse Attacken

Gibt es Needle Spiking auch in der Schweiz?

toko

6.8.2022

Aus mehreren Ländern Europas häufen sich Berichte über Attacken mit Nadeln und Spritzen, dem sogenannten «Needle Spiking».
KEYSTONE/DPA/SOPHIA KEMBOWSKI (Symbolbild)

Mysteriöse Attacken mit Spritzen oder Nadeln verängstigen die Nachtschwärmer*innen in Europa. Wie sieht es in der Schweiz aus?

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6.8.2022

Als die 21-jährige Eloise Cornut vom Tanzen im westfranzösischen Nantes heimkommt, leidet sie unter «kaltem Schweiss, Übelkeit, Schüttelfrost und Schwindel». Am nächsten Tag geht es Cornut schon besser, aber eine Kollegin entdeckt bei ihr eine Nadel-Einstichstelle an der Rückseite ihres Arms. Erzählungen wie diese gibt es mittlerweile in ganz Europa.

Es beginnt Ende 2021 in Grossbritannien: Meist werden Frauen von unbekannten Tätern in Nachtclubs oder auf Konzerten mit Spritzen oder Nadeln attackiert. Es gibt Berichte von den unterschiedlichsten Symptomen, von Übelkeit, Schwindel über Kopfschmerzen bis hin zu Panikattacken.

Die Vorfälle häufen sich, sie kommen aus Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und nun auch aus Spanien. Teils unterscheiden sich die gemeldeten Vorfälle in den Ländern, gemeinsam ist ihnen jedoch: Wer und welche Motive hinter den Übergriffen stecken, ist völlig unklar.

«So gar kein Thema»

Die Clubszene in Europa, erwacht aus dem erzwungenen Corona-Schlaf, ist verunsichert. Der sonst äusserst diskrete Berliner Techno-Club Berghain etwa warnt inzwischen auf seiner Website, aufeinander achtzugeben. Wie sieht es also in der Schweiz aus?

Hierzulande ist bislang noch kein derartiger Fall offiziell bekannt geworden. Auch in der Stadt Zürich nicht — dem Zentrum des Schweizer Nachtlebens.

Ein Anruf beim Club Hive ergibt, von Needle Spiking höre man zum ersten Mal. Bislang sei das «in der Schweiz so gar kein Thema». Man gibt sich aber verwundert und fragt: «Was sind das für Menschen, die sowas machen?»

Bei der Stadtpolizei heisst es auf Anfrage von blue News lediglich, bis jetzt seien «keine Anzeigen eingegangen, die auf ein derartiges Vorgehen hinweisen». Eine ähnliche Antwort gibt die Kantonspolizei Schaffhausen. 

Motive liegen im Dunklen

Die Attacken geben Rätsel auf und die geschilderten Vorfälle unterscheiden sich. In Frankreich sind bislang die meisten Fälle gemeldet worden, seit Anfang des Jahres gibt es immer wieder derartige Attacken. 

Die Opfer berichten sehr häufig, dass sie während oder nach einem Club-Besuch plötzlich unter Übelkeit, Schwindel und einem scharfen Schmerz litten. Später hätten sie demnach einen roten Punkt mit einem ringförmigen blauen Fleck um ihn herum auf ihrer Haut entdeckt, bei dem es sich offenbar um eine Einstichstelle handelte.

Die nahe liegende Vermutung aber, dass die Täter ihre Opfer unter Drogen setzen, um sie auszurauben oder sexuell übergriffig zu werden, hat sich bisher nur in Einzelfällen bestätigt.

Auch sind teils gar keine Toxine in Blutproben gefunden worden. In Frankreich wurde im Blut der Betroffenen demnach keine Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) festgestellt, auch bekannt als Liquid Ecstasy oder Vergewaltigungsdroge, weil die Droge wiederholt den Opfern von Vergewaltigungen vor der Tat in ihr Getränk gemischt wurde. Auch andere Drogen und Gifte sind nicht im Blut der Opfer nachgewiesen worden.

Expert*innen heben allerdings hervor, dass GHB vom Körper schnell abgebaut wird und binnen Stunden keine Spuren davon mehr im Blut nachweisbar sind. Aus Polizeikreisen heisst es, auf die Nadel-Attacken folgten manchmal sexuelle Übergriffe, andere Male nicht.

«Krank und pervers»

Im südfranzösischen Toulon soll ein 20-jähriger Tatverdächtiger bei einem Konzert am Strand mit einer Nadel oder Spritze Besucher gestochen haben. In Vic-Fezensac im Südwesten wird einem Mann ein ähnlicher Angriff auf Festivalbesucher zur Last gelegt.

Rund 20 Besucher*innen meldeten emnach vermutlich durch Nadeln oder Spritzen verursachte Verletzungen. Die französischen Behörden raten Opfern der Attacken, ein Blutbild erstellen zu lassen. Einem Teil der Betroffenen wurden präventive Behandlungen gegen HIV und Hepatitis verschrieben.

Thierry Fontaine vom französischen Gastgewerbe-Verband UMIH klagte schon im April: Die «kranken und perversen» Nadel-Attacken sorgen unter jungen Leuten für «Hysterie»

Mit Material der Nachrichtenagentur afp.