«Gott, ich will nicht sterben» – wie ein 26-jähriger Missionar in den Tod fährt

Philipp Dahm

28.11.2018

Der von Andamenen-Ureinwohnern ermordete Amerikaner wusste exakt, worauf er sich einliess: Er sagte sogar seinen Tod voraus, bevor er den Stamm zum dritten Mal besuchte.

John Chau hat eine Mission. Er will die Ureinwohner einer Insel der Andamanen zu Gott führen, doch sein Weg führt allein ins eigene Verderben. Der 26-Jährige wird, wie berichtet, von den Sentinelesen nach seiner Ankunft auf dem Eiland im Indischen Ozean umgebracht.

Weil die Menschen dort ausgesprochen feindselig auf Fremde reagieren, sieht nach der Tat auch die Polizei von einer Landung auf North Sentinel ab. Wenn es nach den Aktivisten von «Survival International» geht, sollten auch keine weiteren Anläufe unternommen werden, die Leiche von John Chau zu bergen. «Solche Versuche sind unglaublich gefährlich», zitiert «USA Today» Stephen Corry, den Vorsitzende der Organisation.

Der Grund: Weil die Sentinelesen unberührt von der Aussenwelt leben, sei bei einem Kontakt  mit der Zivilisation eine Ansteckung mit Erregern wahrscheinlich –  das dürfte tödliche Folgen haben. Zumindest die Familie des Opfers hätte kein Problem damit, wenn der Stamm in Ruhe gelassen würde, wie sie bekannt gibt: Sie habe ihm vergeben.

Familie: «Er hat sich aus freien Stücken hinausgewagt»

«[John] liebte Gott, das Leben und Bedürftigen zu helfen. [Er] hatte nichts als Liebe für die Sentinelesen übrig», teilen die Angehörigen mit. «Wir vergeben jenen, die angeblich für seinen Tod verantwortlich sind. Wir bitten auch um die Freilassung [seiner lokalen Helfer]. Er hat sich aus freien Stücken hinausgewagt, [sie] müssen nicht für seine Taten belangt werden.»

Der 26-jährige Evangelikale ist ein engagierter Mensch: Chau arbeitet für ein Hilfswerk, das Fussballspiele für benachteiligte Kinder organisiert, und studiert Sportmedizin. Nach dem Abschluss an der Uni in Tulsa, Oklahoma, im Jahr 2014 bereist der Amerikaner die kurdischen Gebiete im Nordirak.

Worauf er sich vier Jahre später auf North Sentinel einlässt, ist ihm bewusst. Bevor er aufbricht, schreibt er laut  «Washington Post» in sein Tagebuch: «Gott, ich will nicht sterben.» Doch das nicht, weil er an seinem Leben so hängt, sondern weil er einen Auftrag zu haben glaubt: «Wer soll meinen Platz einnehmen, wenn ich es doch tue?»

Der «Robinson Crusoe» aus Washington

2016 taucht Chau auf der Andamanen-Hauptinsel Havelock Island auf, lernt tauchen und postet die Bilder auf Instagram. Doch irgendwann fasst er den Entschluss, den Sentinelesen Gott nahezubringen. «Er hatte brennendes Interesse an der Forschung und wollte mehr über sie wissen», sagt ein Freund des Opfers. «Es hat einen Nerv getroffen.»



Nachdem Chau noch 2016 in seine Heimat zurückkehrt, absolviert er ein Training für Missionare in Kansas City, Missouri. Die Organisatorin Mary Ho beschreibt ihn als «sehr freundlichen, jungen Mann», der ein «radikales Sendungsbewusstsein» habe, abgeschiedene Gruppen zu erreichen. Eine Ausgabe von «Robinson Crusoe», die sein Vater ihm geschenkt hat, trägt er stets bei sich.

«Man kann sehen, dass jede Entscheidung, die er fällte und jeder Schritt, den er seither unternommen hat, von seiner Sehnsucht geprägt war, bei den Leuten auf North Sentinel zu sein», sagt Ho. Der Amerikaner wollte über Jahre auf der Insel bleiben und die Sprache der Menschen lernen. Laut indischen Behörden stellt er einen «sehr minutiösen Plan» auf, um «seine Expedition als Angelausflug zu tarnen».en».

Chaus Todes-Ahnung 

Am 16. Oktober 2018 landet Chau erneut auf den Andamanen und findet Fischer, die er überredet, ihn nach North Sentinel zu bringen. Im Schutze der Nacht erreichen sie am 14. November ihr Ziel, mit einem Kajak nähert sich Chau dem Strand. Er hört Frauen schwatzen, dann entdecken ihn mit Pfeil und Bogen bewaffnete Männer. «Mein Name ist John. Ich liebe euch, und Jesus liebt euch», ruft er den Sentinelesen noch zu, bevor er sich zurückzieht.

Chau vertraut die Details seinem Tagebuch an, das seine Familie der «Washington Post» überlassen hat, und kehrt am Folgetag mit Geschenken zurück: mit Fischen, Scheren, Kabeln und Nadeln. Die Reaktion: Ein Mann mit einer Art Krone schreit ihn an. John reagiert mit Bibel-Gesang, was die lauten Stimmen verstummen lässt. Dann aber schiesst ein Jugendlicher auf ihn, der Pfeil bleibt in seiner Bibel stecken. Der Amerikaner flüchtet.

Eine kurze Dokumentation über abgeschiedene Völker.

In sein Tagebuch schreibt der 26-Jährige: «Herr, ist diese Insel Satans letzte Hochburg?» Und vor dem dritten Versuch packt ihn schliesslich die Vorahnung: «Frage mich, ob das der letzte Sonnenuntergang ist, den ich sehen werde.»

Er sollte Recht behalten. Warum ist er sehenden Auges ins Verderben gefahren? «Er hat seinen Verstand verloren, definitiv», sagt der Freund. «Aber Sie können jeden Abenteurer fragen: Man muss ein bisschen den Verstand verlieren, sonst macht man es so etwas nicht.»

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