Griechische Holzboote-Baukunst vom Aussterben bedroht

Von Elena Becatoros, AP

22.7.2021 - 00:00

Boatbuilders carry a giant wood at a boatyard in Karlovasi , Samos Island , Greece , on Friday, June 11, 2021.The Greek island of Samos was once a major production center of traditional wooden boats, the hand-crafted vessels indelibly linked to the image of Greece. But the art of designing and building these vessels, done entirely by hand, is under threat. Fewer people order wooden boats since plastic and fiberglass ones are cheaper to maintain(AP Photo/Petros Giannakouris)
Man nennt sie Kaíkia — Griechenlands traditionelle Holzboote, die seit Jahrhunderten die regionalen Gewässer befahren. Jedes Boot ist eine Art Kunstwerk, die Bautechnik von Generation zu Generation vererbt worden.
Petros Giannakouris/AP/dpa/Keystone

Man nennt sie Kaíkia – Griechenlands traditionelle Holzboote, die seit Jahrhunderten die regionalen Gewässer befahren. Jedes Boot ist eine Art Kunstwerk, die Bautechnik von Generation zu Generation vererbt worden. Aber wie lange noch?

Von Elena Becatoros, AP

22.7.2021 - 00:00

Der Morgennebel über dem Berg auf der Insel Samos beginnt sich zu lichten, und langsam wird an einer bewaldeten Stelle die unverkennbare Form eines traditionellen griechischen Holzbootes sichtbar, eines Kaíki, wie es in der Landessprache heisst. Jeder Balken, jede Planke stammt von einem Baum, den ein einzelner Mann gefällt hat, und er allein hat das Holz auch bearbeitet, passend beschnitten und zusammengezimmert – mit Techniken, die über Generationen hinweg vererbt worden sind, vom Vater zum Sohn, vom Onkel zum Neffen. Doch die jetzige Generation könnte die letzte sein.

Kaíki-Holzboote haben seit Hunderten Jahren die griechischen Gewässer befahren, sie dienten dem Fischen, dem Transport von Waren, Vieh oder Passagieren oder auch nur einfach dem Freizeitvergnügen. Sie sind ein integraler Bestandteil der einheimischen Landschaft, Gegenstand zahlloser Ferien-Schnappschüsse, sie schmücken Touristikbroschüren und Postkarten. Aber die Kunst des Entwerfens und Bauens dieser Wasserfahrzeuge – ganz per Hand – ist vom Aussterben bedroht.

Zu wenig Nachwuchs

Weniger Menschen bestellen hölzerne Boote, weil sich solche aus Plastik oder Glasfasern kostengünstiger pflegen lassen. Auch sind junge Leute nicht besonders daran interessiert, einen Beruf zu ergreifen, der eine jahrelange Lehre erfordert, körperlich und geistig anstrengend ist und eine ungewisse Zukunft hat.

Giorgos Kiassos zählt zu den letzten noch verbliebenen Bootbauern auf Samos, das einst ein grösseres Produktionszentrum war. «Wenn sich nichts ändert, wird eine Zeit kommen, in der es niemanden mehr gibt, der diese Art von Arbeit verrichtet», sagt er. «Und es ist schade, wirklich schade.»

Kiassos äussert sich während einer kurzen Pause auf seiner Werft auf dem Berg inmitten von Walnuss- und Maulbeerbäumen. Zurzeit baut er an zwei Kaíkia, einem 14 Meter langen Freizeit-Boot und einem 10 Meter langen zum Fischfang. Die Boote werden massangefertigt, das grössere wird etwa 65'000 Franken kosten, das kleinere ungefähr die Hälfte. 

Samos-Kaíkia sind berühmt für ihre künstlerische Qualität und ihr Rohmaterial: Holz von einer Kiefernart, die wegen ihrs hohen Harzgehalts besonders langlebig und widerstandsfähig gegen Holzwürmer ist. Vor ein paar Jahrzehnten gab es auf der Ägäisinsel noch eine Reihe von Werften, eine wichtige Quelle von Arbeitsplätzen: Ganze Gemeinden lebten davon. Jetzt sind nur noch vier übrig.

«Es gibt keine Unterstützung vom Staat»

«Ja, es ist eine Kunst, aber es ist auch schwere Arbeit. Es ist Handarbeit, die ermüdet, und jetzt folgt niemand von den jungen Leuten (auf diesem Weg)», sagt Kiassos. Er hat seinen 23-jährigen Sohn ermuntert, das Gewerbe zu erlernen, aber der Sprössling hofft, ein Handelskapitän zu werden. 

Kostas Damianides, ein Architekt mit einem Doktortitel in griechischem traditionellen Bootbau, beklagt, dass der Staat nichts zum Erhalt der Branche tue. Eine traditionelle Kunst sei am Sterben, aber die Sache werde so behandelt, als ob es hier um ein einfaches Fertigungsgewerbe gehe, sagt er. «Es gibt keine Unterstützung vom Staat.»

A mural made by street artist Simple G covers a wall of a house in the Bay of Marathokampos , Samos island, Greece Thursday, June 10, 2021. The mural, painted based on an old photograph, depicts the traditional wooden boat owned by the family on whose house it is painted. Samos was famed for the traditional wooden boats it produced, and decades ago there were numerous small boatyards on the island that sustained entire communities. But the traditional art of wooden boatbuilding is gradually dying, and only a handful of boatbuilders remain on Samos, still building wooden boats by hand using techniques handed down through the generations. (AP Photo/Petros Giannakouris)
Die Baukunst der Kaíkia ist Jahrhunderte alt.
AP Photo/Petros Giannakouris/Keystone

Vielmehr hat die EU, der Griechenland angehört, seit Jahren die physische Zerstörung dieser Boote subventioniert – als ein Weg, die Fischfangflotte des Landes zu verkleinern. Als Ergebnis sind Tausende von Kaíkia von Bulldozern platt gemacht worden. Die Politik sei «ein schwerer Schlag für den Holzschiffbau», so Damianidis. «Sie mögen alte Boote sein, aber dies ist eine Missachtung der Kunst. Wenn eine junge Person sieht, dass sie hölzerne Boote zertrümmern, warum sollte sie sich die Mühe machen, sie herzustellen?»

«Du lernst diese Arbeit nicht in einem Jahr oder zwei»

Die Zerstörung der Kaíkia ist vor allem für ihre Schöpfer herzzerreissend. «Es ist schlecht, sehr schlecht. Weil diese Kunst eine der besten und eine der schwierigsten ist. Eine alte Kunst», sagt der 75-jährige pensionierte Bootsbauer Giorgos Tsinidelos. Er hat im Alter von 12 damit angefangen, auf der Werft seines Grossvaters auf Samos zu arbeiten und Jahre als Lehrling verbracht, bevor er in das grössere Schiffbaugebiet Perama nahe Griechenlands Haupthafen Piräus wechselte.

«Du lernst diese Arbeit nicht in einem Jahr oder zwei», sagt Tsinidelos. «Junge Leute müssen an der Seite alter Kunsthandwerker lernen, oft fünf Jahre, sechs Jahre, um selbst ein kleines Boot, ein Kaíki, bauen zu können. Es gibt keine Bootbauschule.»    

Auch Kiassos ist früh eingestiegen, im Alter von 16. Jetzt ist er 47, hat 30 Jahre Arbeit hinter sich – und lernt immer noch hinzu, wie er sagt. Weil sie so viel Zeit und Mühe in ihre Arbeit stecken, haben Bootbauer oft eine enge Beziehung zu ihrer Schöpfung, und wenn sie ihr Werk dann schliesslich an ihre Kunden ausliefern, ist das oft bittersüss. Er sei begierig, jedes Boot zu vollenden und mit dem nächsten anzufangen, sagt Kiassos. «Aber wenn es mich verlässt, bin ich irgendwie traurig. Ja, ich werde glücklich sein, wenn ich es im Wasser sehe und alles o.k. ist, aber es ist, als ob etwas weggeht – wie ein Stück von mir.»

Einer seiner wenigen noch verbliebenen Bootbaukollegen auf Samos, Andreas Karamandis, gibt die Hoffnung nicht auf, dass das Gewerbe weiter eine Zukunft hat. «Ich glaube, dass Leute zum Holzboot zurückkehren werden», sagt der 45-Jährige. «Denn die Wahrheit ist, kein anderes Boot hat die Langlebigkeit des hölzernen Bootes. Nicht die aus Plastik, keines. Holz ist ein lebender Organismus, der lebendig bleibt, egal, wie viele Jahre du es gebrauchst.»