Zombie-Droge Crystal Meth – so wird sie in Zürich gedealt

18.2.2019 - 09:55, Silvana Guanziroli

Crystal Meth macht die Konsumenten schwerstsüchtig. Die wenigsten schaffen den Absprung von der Droge.
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Sie gilt als die Droge mit dem grössten Zerstörungspotenzial. Betroffene berichten, nach dem ersten Konsum süchtig gewesen zu sein. Den harten Stoff gibt es längst auch in der Schweiz. Am Mittwoch steht ein Dealer vor Gericht.

Vor fünf Jahren war Crystal Meth für Drogenbeauftragte und Polizeikräfte in der Schweiz kaum ein Thema. Experten waren sich sicher: Die «Arme-Leute-Droge» sei sogar Junkies zu billig, wie es wiederholt von Expertenseite hiess. Noch 2015 wurden bei der Jugendberatung Streetwork in Zürich – die Stelle analysiert Drogen an Partys –, bei lediglich sechs Proben Crystal Meth festgestellt.

Das hat sich mittlerweile stark gewandelt. Die Zombie-Droge, wie die Substanz wegen ihrer Wirkung auf Süchtige genannt wird, ist definitiv in der Schweiz angekommen. So bezeichnet das Eidgenössische Departement des Innern Neuenburg und Biel als die Crystal-Meth-Hotspots des Landes. Das geht auf Abwassertests der Universität Lausanne zurück, bei denen höhere Dosierungen von Methamphetamin festgestellt wurden. Tatsächlich sind diese in Neuenburg sogar um ein Vielfaches höher als in anderen europäischen Metropolen wie London oder Paris.

Risk Manager brachte Droge unter die Leute

Doch nicht nur in der Westschweiz ist Crystal Meth ein Thema. Auch in Zürich taucht die Substanz in der Drogenszene deutlich häufiger auf. Am Mittwoch muss sich am Bezirksgericht Zürich ein mutmasslicher Dealer verantworten. Ihm wird vorgeworfen, im grossen Stil mit dem Stoff gehandelt zu haben.

Wie die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat in ihrer Anklageschrift schreibt, soll der 38-Jährige zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 rund ein halbes Kilogramm Methamphetamin verkauft haben. Der Mann, der als Risk Manager bei einem grösseren Schweizer Unternehmen arbeitete, wurde deshalb wegen Verbrechen und Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz angeklagt. Die Behörde fordert eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. 

Und so brachte der gebürtige Deutsche den Stoff unter die Leute: Der Mann bezog die Drogen in Zürich von einem Zwischenhändler. Im Rahmen des Ermittlungsverfahrens konnte auch dieser Mann geschnappt werden, er muss sich in einem separaten Gerichtsverfahren verantworten.

Die Drogen portionierte und verpackte der Beschuldigte in seiner Wohnung im Zentrum von Zürich. Ein Gramm genügt für zehn Portionen und hat in der Szene einen Wert von rund 400 bis 500 Franken. Pro Monat soll der Beschuldigte rund 30 Gramm auf Stadtgebiet verkauft haben. Gemäss Staatsanwaltschaft hat er zwischen Oktober 2016 und Juni 2017 einen Gewinn von über 20'000 Franken erzielt. Das Geld verwendete der Mann für seinen Lebensunterhalt und den eigenen Drogenkonsum. Daneben dealte er noch mit Kokain, GHB, Ketamin und MDMA. 

Bei seiner Verhaftung im Juni 2017 stellte die Polizei beim Beschuldigten 82 Gramm Crystal Meth, 14 Gramm Kokain sowie MDMA und Amphetamine sicher. 

Auch bei einer Verurteilung dürfte dem drogensüchtigen Meth-Dealer von Zürich das Gefängnis erstmal erspart bleiben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft beantragt, die Freiheitsstrafe zugunsten einer stationären Massnahme in einer Suchtklinik aufzuschieben.

Das muss man über Crystal Meth wissen

Welcher Wirkstoff steckt in Crystal Meth? Es handelt sich um die synthetisch hergestellte Substanz N-methyl-alpha-Methylphenethylamin beziehungsweise Methamphetamin-Hydrochlorid. Der Stoff wird sowohl als Bestandteil von Arzneimitteln als auch als Droge verwendet.

Ist Methamphetimin grundsätzlich verboten? Der Stoff wird auch legal in die Schweiz eingeführt. Grundsätzlich gilt: Zur Herstellung und Verarbeitung von Methamphetamin sind nur Firmen berechtigt, die eine Erlaubnis des Schweizerischen Heilmittelinstituts (Swissmedic) besitzen.

Wie wirkt die Droge? Crystal Meth bewirkt, dass körpereigene Botenstoffe wie Dopamin im Gehirn sowie Adrenalin im Rest des Körpers freigesetzt werden. Das führt in erster Linie zu einer euphorischen Stimmung. Es verringert das Schlafbedürfnis und senkt das Hunger- und Durstgefühl sowie das Schmerzempfinden.

Wie wird die Droge eingenommen? Crystal Meth kann geschnupft, geraucht und injiziert werden.

Wie süchtig macht Crystal Meth? Es gilt als Substanz mit einem der höchsten Suchtpotenziale. Dazu kommt, dass der Körper schnell eine Toleranz entwickelt, was zu rasch steigenden Dosierungen führt. Betroffene berichten, bereits nach den ersten Einnahmen süchtig geworden zu sein.

Wie giftig ist Crystal Meth? Experten bezeichnen die Droge als die Substanz mit dem grössten körperlichen Zerstörungspotenzial. Bei chronischem Konsum kommt es zu Herzrhythmusstörungen, Wahnvorstellungen, haltloser Aggressivität, Nierenschäden, Gewebezerfall, Angststörungen, Depressionen und dem völligen Zerfall der kognitiven Fähigkeiten und des Erinnerungsvermögens.

Berauscht in den Krieg

Crystal Meth ist keine modern entwickelte Droge. Der Wirkstoff ist schon länger bekannt und wurde von den Deutschen bereits im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Die Tabletten hiessen «Stuka», «Göring-Pillen» oder «Panzerschokolade». Gemeint war das Medikament «Pervetin», das vor allem eines enthielt: Methamphetamin. Der Stoff galt bei der Wehrmacht als Wundermittel, es verringerte das Schlafbedürfnis der Soldaten und senkte das Hunger- und Durstgefühl. Auch Nazi-Führer Adolf Hitler soll sich bis zu seinem Tod mit Meth-Tabletten berauscht haben.

Diese berühmten Persönlichkeiten haben ebenfalls Erfahrungen mit Cristal Meth:

Tennislegende Andre Agassi
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Tennis-Star Andre Agassi gab in seiner 2009 erschienenen Autobiografie zu, in den 90er Jahren exzessiv Crystal Meth konsumiert zu haben. Als er 1997 positiv getestet wurde, gab er an, die Substanz versehentlich zu sich genommen zu haben. Die ATP verzichtete damals auf eine Sperre.

35. Präsident der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy.
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Über den angeblichen Crystal-Meth-Konsum von John F. Kennedy wurde viel spekuliert. Der Staatsmann litt unter starken Rückenschmerzen und soll deshalb auf die geheimnisvollen Spritzen seines inoffiziellen Hausarztes Max Jacobsen gesetzt haben.

Marilyn Monroe 1954 auf Truppenbesuch.
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Die Hollywood-Ikone Marilyn Monroe soll bei ihren grossen Auftritten unter dem Einfluss von Crystal Meth gestanden haben. Das behaupten zumindest Richard A. Lertzman und William J. Birnes in ihrem Buch «Dr. Feelgood».


«Bluewin»-Redaktorin Silvana Guanziroli ist als Gerichtsberichterstatterin an den Zürcher Gerichten akkreditiert. In ihrer Serie «Guanziroli am Gericht» schreibt sie über die spannendsten Strafprozesse, ordnet ausgefallene Kriminalfälle ein und spricht mit Experten über die Rolle der Justiz. Guanziroli ist seit über 20 Jahren als Nachrichtenjournalistin tätig und hat die Polizeischule der Kantonspolizei Zürich absolviert. silvana.guanziroli@swisscom.com.
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