«Weniger Ego-getrieben»: Warum Israel mehr Cyber-Kriegerinnen rekrutieren will

10.8.2018 - 17:58, DPA

Frauen sind in den Cyber- und Technologie-Einheiten, die in Israel als zentrales Karrieresprungbrett gelten, immer noch in der Minderheit. Hier sieht man männliche Soldaten bei einer Cybertechnikmesse in Tel Aviv im Januar 2018.
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Oberst Talia Gazit sitzt in hellgrüner Uniform an einem riesigen Schreibtisch, hinter ihr eine israelische Flagge. Die Kommandeurin der zentralen Computereinheit «Mamram» wirkt freundlich, aber resolut. «Ich sehe mich selbst als starke Frau», sagt die 47-Jährige lachend.
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Sie ist schon die dritte weibliche Kommandeurin der angesehenen Einheit. Trotzdem meint Gazit: «In der israelischen Hightech-Branche und in der Armee gibt es nicht genug Frauen auf ranghohen Posten», sagt Gazit.
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Die israelische Soldatin Schai, die ihren Nachnamen nicht nennen darf, hat schon vor dem Armeedienst Physik und Informatik studiert. Viel von ihrer praktischen Arbeit darf Schai aus Sicherheitsgründen nicht erzählen. Es gehe unter anderem darum, punktuelle Informationen aus einer Menge visueller Daten herauszufiltern, erklärt sie. «Das wird dann auch im Kampf eingesetzt.»
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Männer müssen in Israel fast drei Jahre lang dienen, Frauen rund zwei Jahre. Das kleine Land gilt weltweit als Vorreiter im Bereich IT und Cybersicherheit. Doch mit dem Erfolg kommt auch der Druck: Eine der grössten Herausforderungen für die israelische Armee sei der digitale Wandel, erklärt Gazit.
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Im 2015 geschaffenen israelischen Bataillon «Bardelos» dienen Frauen und Männer gemeinsam.
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Bereits seit der israelischen Staatsgründung 1949 besteht für Frauen Dienstpflicht. Neben Eritrea, Norwegen und Schweden ist Israel das einzige Land, in dem Frauen der Wehrpflicht unterliegen.
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Rechtlich existiert in den israelischen Streitkräften eine völlige Geschlechtergleichstellung. Frauen steht grundsätzlich der Dienst in allen Bereichen offen. De facto bestehen jedoch teils erhebliche Ungleichgewichte in der Geschlechterverteilung.
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Die IT- und Cyber-Einheiten der israelischen Armee gelten als ein sicheres Karrieresprungbrett. Dennoch mangelt es an geschultem Personal. Deshalb will das Militär auch mehr weibliche Fachkräfte ausbilden.

Oberst Talia Gazit sitzt in hellgrüner Uniform an einem riesigen Schreibtisch, hinter ihr eine israelische Flagge. Die Kommandeurin der zentralen Computereinheit «Mamram» wirkt freundlich, aber resolut. «Ich sehe mich selbst als starke Frau», sagt die 47-Jährige lachend. Sie ist schon die dritte weibliche Kommandeurin der angesehenen Einheit.

Trotzdem sind Frauen in den Cyber- und Technologie-Einheiten, die in Israel als zentrales Karrieresprungbrett gelten, immer noch in der Minderheit. «In der israelischen Hightech-Branche und in der Armee gibt es nicht genug Frauen auf ranghohen Posten», sagt Gazit.

Digitaler Wandel grösste Herausforderung für die Armee

Männer müssen in Israel fast drei Jahre lang dienen, Frauen rund zwei Jahre. Das kleine Land gilt weltweit als Vorreiter im Bereich IT und Cybersicherheit. Doch mit dem Erfolg kommt auch der Druck: Eine der grössten Herausforderungen für die israelische Armee sei der digitale Wandel, erklärt Gazit. «Die technische Entwicklung ist so rasant, dass es nicht genug geschultes Personal gibt.» Deshalb brauche man auch deutlich mehr Frauen.

Wer es bei der Rekrutierung in eine der Hightech-Einheiten der Armee schafft, kann eigentlich schon mit einer glänzenden Karriere rechnen. Die Absolventen hätten später im zivilen Leben einen «deutlichen Vorsprung gegenüber anderen Kandidaten», sagt Ruth Polachek, Gründerin des Start-ups Fincheck. Zum einen verfügten sie schon über ein wichtiges Netzwerk ehemaliger Kommandeure und Kameraden. Der Dienst in einer solchen Einheit werde ausserdem als ein «Gütesiegel» angesehen, sagt Polachek.

Die israelische Soldatin Schai, die ihren Nachnamen nicht nennen darf, hat schon vor dem Armeedienst Physik und Informatik studiert. Die 24-Jährige im Range eines Hauptmanns ist Chefin des Data Science Lab in der israelischen Armee. Die 2014 eingerichtete Einheit 3060, in der die junge Frau dient, ist auf die Entwicklung von Software und Apps spezialisiert, die den Informationsfluss zwischen Geheimdiensteinheiten und Truppen im Feld verbessern sollen. Sie besteht aus rund 400 IT-Spezialisten, 75 Prozent davon Männer und 25 Prozent Frauen.

Hohe Arbeitsmoral und systematisches Arbeiten

Viel von ihrer praktischen Arbeit darf Schai aus Sicherheitsgründen nicht erzählen. Es gehe unter anderem darum, punktuelle Informationen aus einer Menge visueller Daten herauszufiltern, erklärt sie. «Das wird dann auch im Kampf eingesetzt.» Um in dieser Hightech-Einheit zu dienen, musste Schai sich für sechs Jahre Armeedienst verpflichten.

Die Zeitung «Haaretz» schreibt, die israelischen Hightech-Einheiten - vor allem die legendäre Geheimdiensteinheit 8200 - seien auf einem Level mit den US-Eliteuniversitäten MIT, Harvard und Stanford. «Es ist nicht nur eine Garantie fürs Geldverdienen, sondern auch dafür, ein gesellschaftlicher Anführer zu werden.» Die Gründer von Firmen wie Check Point Software Technologies, Palo Alto Networks, CyberArk, NSO und Imperva sind alle Absolventen von 8200 (Hebräisch: Schmone Matajim).

Die Absolventen dieser Militäreinheiten hätten eine ganze Reihe spezieller Fähigkeiten, wie etwa eine hohe Arbeitsmoral und systematisches Arbeiten, erklärt Fincheck-Gründerin Polachek. Die Förderung von Frauen und Mädchen liegt ihr am Herzen. Deshalb hat sie die Organisation «She codes» gegründet, die inzwischen 35 Zweigstellen in ganz Israel hat. Sie fördert gezielt Programmiererinnen.

«Weiblich geprägter Führungsstil heute von Vorteil»

Auch Oberst Gazit setzt sich persönlich für das Programm She Shark ein. 16 junge Offizierinnen, die aus verschiedenen Hightech-Einheiten stammen, treffen sich regelmässig, um an ihren Führungsfähigkeiten zu arbeiten. «Ziel des Programms ist es, die Offizierinnen zu stärken, damit sie in der Armee oder später in der Hightech-Branche ranghohe Positionen übernehmen.»

Sie lernten zum Beispiel besseres Networking, «im Zeitalter der Vernetzung eine extrem wichtige Fähigkeit», sagt Gazit. «Ein weiblich geprägter Führungsstil ist heute von Vorteil.» Frauen könnten schnell Entscheidungen treffen, gut strategisch kooperieren. Sie seien «weniger Ego-getrieben». Eine gemischte Führungsriege mit Männern und Frauen zusammen sei nach ihrer eigenen Erfahrung «viel stärker und viel effektiver», sagt die Kommandeurin.

Es stimme sie hoffnungsfroh, dass in den letzten zwei Jahren schon etwa die Hälfte der Teilnehmer an einem Programmierkurs der Einheit weiblich waren und in einem Cyberabwehr-Kurs 36 Prozent.

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