700'000 betroffene Kinder Kinderarmut in London – Kein Geld für Essen und kein Platz zum Leben

dpa

5.3.2019

Rund 700'000 Kinder sind einer neuen Erhebung zufolge allein in der britischen Hauptstadt London von Armut betroffen.
Rund 700'000 Kinder sind einer neuen Erhebung zufolge allein in der britischen Hauptstadt London von Armut betroffen.
Julian Stratenschulte / Archiv

Wohnen, Schlafen und Spielen in Abstellkammern oder Hostelzimmern: 700'000 Kinder in London sind von Armut betroffen. Wie leben junge Familien in der teuren Metropole mit weniger als dem Existenzminimum?

Lucy leidet an Krebs. Seit die Mutter aus London nur noch halbtags arbeiten kann, sind Ausflüge mit ihrer Tochter Nathalia aus Geldmangel gestrichen. Früher sei es noch schlimmer gewesen, sagt Lucy. Da habe sie nicht einmal genug Geld für Essen gehabt. In solchen Zeiten habe sie verzichtet, um ihre Tochter satt zu bekommen. Der erschütternde Bericht geht aus dem Begleittext einer Foto-Dokumentation der Stiftung The Childhood Trust hervor. Einige der Bilder davon sind derzeit in einer Ausstellung mit dem Titel «Bedrooms of London» im Londoner Foundling Museum zu sehen.

Die Bilder zeigen die oft beengten Schlafplätze von Kindern in London. Lucys Tochter Nathalia teilt ihr Schlafzimmer mit ihrer Mutter: Es ist winzig und nur durch die Matratze auf dem Boden als solches erkennbar. «Ich mag die Küche», wird Nathalia zitiert, «es ist der einzige Raum, in dem ich Dinge erledigen kann.»

Hohe Wohnkosten begünstigen Armut

Mit ihren Sorgen ist die Familie nicht allein: 700'000 Kinder in London leben unterhalb des Existenzminimums. Das geht aus einem 2017 veröffentlichten Armutsbericht der Forschungseinrichtung New Policy Institute und der Wohltätigkeitsorganisation Trust for London hervor. Das sind 37 Prozent aller Kinder, die in der britischen Hauptstadt leben.

Die hohen Wohnkosten tragen stark zur Armut in London bei. Die Mieten für Privatwohnungen sind von 2011 bis 2016 um 20 Prozent gestiegen, Mieten für staatlich geförderte Sozialwohnungen um 30 Prozent.

Armut in der Schweiz

Von Armut betroffene Familien werden zum Schutz vor Obdachlosigkeit in sogenannten Übergangsunterkünften untergebracht. Oft sind das Hostels oder Pensionen. Dort gibt es meist kaum Rückzugsmöglichkeiten für die Familien und oft keine funktionierenden Türschlösser. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Haushalte in diesen Unterkünften um fast 50 Prozent gestiegen. In den meisten leben auch Kinder.

Ein anderer in der Foto-Dokumentation beschriebene Fall ist der des 17 Jahre alten Joshua. Der Schüler hat mit seiner Familie schon in vielen solcher Unterkünfte gewohnt. «Die Wohnungssituation ist einfach irgendwie heftig», sagte Joshua. Er berichtet von kurzfristig anberaumten Umzügen: «Die sagten, du hast bis Freitag oder so Zeit, auszuziehen.» Das neue Haus der Familie sei gut, so Joshua. In seiner Nachbarschaft fühlt sich der Junge jedoch nicht sicher - und berichtet unter anderem von Messerstechereien. Messerkriminalität ist in vielen Teilen Grossbritanniens ein wachsendes Problem.

Dokumentation über zwei Jahre

Die Fotografin Katie Wilson hat für die Dokumentation über zwei Jahre lang Kinderzimmer in der Hauptstadt fotografiert. Auf den Bildern zu sehen: vollgestellte Abstellkammern mit Matratzen auf dem Boden und lieblos eingerichtete Mehrbettzimmer.

Mit der Ausstellung will die Wohltätigkeitsorganisation eine Plattform für die Geschichten und die Nöte der von Armut betroffenen Familien bieten. «Wir haben eine Menge Feedback für die Ausstellung bekommen», sagte Laurence Guinness, Geschäftsführer von The Chilhood Trust. Man habe damit grosse öffentliche Aufmerksamkeit bekommen.

Auch die britische Regierung hat neue Schritte in Richtung Armutsbekämpfung eingeleitet. Wie die Tageszeitung «The Guardian» berichtete, berücksichtigt das Ministerium für Arbeit und Rente künftig auch den Aspekt Hunger in ihren jährlichen Erhebungen. Es wird gemessen, wie viele Menschen in Grossbritannien Mahlzeiten wegen Geldnot auslassen müssen. «Das ist ein Zeichen dafür, dass die Situation politisch untragbar wird», sagte Guinness.

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