Kirchenblatt lehnt Interview mit Kurt Aeschbacher ab  – weil er schwul ist

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18.6.2020 - 17:02

40 Jahre lang arbeitete Kurt Aeschbacher als Moderator beim SRF.
SRF / Oscar Alession

Weil eine katholische Zeitung ein Interview mit ihm zunächst nicht veröffentlichen wollte, will sich Kurt Aeschbacher nun an den Presserat wenden. Der Hintergrund ist heikel: Das Blatt soll aufgrund der sexuellen Orientierung des TV-Moderators abgelehnt haben.

Hat ein katholisches Kirchenblatt ein Interview mit Kurt Aeschbacher abgelehnt, weil dieser schwul ist? Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, wolle der legendäre TV-Moderator aus deshalb den Presserat anrufen. Dem Bericht zufolge sei Aeschbacher vom Südtiroler Historiker und freien Journalisten Andreas Raffeiner für das «Schweizerische Katholische Sonntagsblatt» interviewt worden. Doch das Interview hätte es beinahe nicht in die zweimonatlich erscheinende Kirchenzeitung geschafft.

Der Grund sei Aeschbachers sexuelle Orientierung gewesen: Laut «Tages-Anzeiger» habe die Chefredaktorin des Kirchenblatts, Melanie Host, Raffeiner per Mail mitgeteilt, dass das Interview nach Rücksprache mit der Redaktion als «ungeeignet» empfunden werde. Der Verleger und der «geistliche Leiter», Graubündens Generalvikar Andreas Fuchs, hätten Bedenken geäussert, das Interview zu veröffentlichen. Und das, weil Aeschbacher bekennender Homosexueller sei, was «sicher einige Leser verstören wird», wie der «Tages-Anzeiger» die Mail zitiert. 



Zitiert wird noch eine weitere Mail der Chefredaktorin an den freien Journalisten: «Person und Positionen von Kurt Aeschbacher passen einfach nicht zur Linie unseres Blattes und – nicht zu vergessen! – der Leserschaft, die auf Irritationen gerne mit Abbestellung reagiert.» Weitere Abonnementkündigungen könne man sich nach ähnlichen Erfahrungen nicht erlauben, habe es in der Mail geheissen. 

«Schwerwiegende Diskriminierung» 

Kurt Aeschbacher selbst sei laut «Tages-Anzeiger» erstaunt über die Ablehnung gewesen. Schliesslich habe er selbst bereits ein Interview mit dem homosexuellen deutschen Entertainer Hape Kerkeling in einer Kirchenzeitung in Deutschland unterbringen können. Dass das Interview nicht gedruckt werden sollte, sei laut Aeschbacher «wohl etwas überraschend, aber an und für sich kein Grund zur Aufregung, und das muss sowohl der Journalist wie auch ich von einem klar positionierten Meinungsblatt akzeptieren», zitiert der «Tages-Anzeiger» Aeschbacher.



Jedoch, so Aeschbacher der Zeitung zufolge weiter, sei die Mail der Chefredaktorin entscheidend gewesen: «Mit dieser Begründung und dem Hinweis auf den Generalvikar Fuchs und den Verleger liegt beweisbar eine schwerwiegende Diskriminierung aufgrund meiner sexuellen Ausrichtung vor». Es erscheine ihm «doch äusserst interessant», dass gerade ein Vertreter der Kirche, die viele Missbrauchsfälle noch nicht aufgearbeitet habe, so eine Begründung bringe. Zumal es im Interview nie um sexuelle Fragen gegangen sei.

Zeitung druckt Interview nun doch

Nach dem Wirbel will die Zeitung das Interview nun doch bringen: «Das Interview wird selbstverständlich abgedruckt», zitiert der «Tages-Anzeiger» Chefredaktorin Host. Ihr zufolge habe es redaktionsintern Missverständnisse gegeben. Nach den ursprünglichen Bedenken habe man sich «aus Gründen der Fairness und Liberalität zur Veröffentlichung des Interviews entschieden». Das Blatt erscheint am kommenden Sonntag.

TV-Legende Kurt Aeschbacher will sich dennoch an den Presserat wenden: «Der Entscheid, das Interview doch noch abzudrucken, ändert nichts an der Brisanz der Aussage, eine Publikation zuerst abzulehnen und erst auf Druck meiner Intervention einzulenken», zitiert ihn der «Tages-Anzeiger». Er sei der Meinung, «dass der Presserat grundsätzlich über das Verhalten einer Schweizer Publikation, die offensichtlich Schwierigkeiten mit homosexuellen Menschen hat, informiert werden muss».

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