«Es gab einen heftigen Schrei, dann waren sie weg»

Von Manuel Schwarz

13.1.2022 - 14:51

Costa Concordia: Vor zehn Jahren lief das Kreuzfahrtschiff auf einen Felsen

Costa Concordia: Vor zehn Jahren lief das Kreuzfahrtschiff auf einen Felsen

Es waren Bilder, die die Welt in Atem hielten. Bilder eines Schiffbruchs, der 32 Menschen das Leben kostete, viele weitere traumatisierte, enormen Schaden verursachte und einen komplexen Prozess nach sich zog. Zehn Jahre ist es her, dass die Costa Concordia, ein Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse, mit rund 4200 Menschen an Bord auf einen Felsen lief – am Abend des 13. Januar 2012.

13.01.2022

Vor zehn Jahren schlitzte ein Felsen vor der italienischen Insel Giglio das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» auf 70 Metern auf – es starben 32 Personen. Als Schuldiger wurde Kapitän Schettino verurteilt und inhaftiert.

Von Manuel Schwarz

13.1.2022 - 14:51

Zunächst ist da dieser Knall. Das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» vibriert, Reisende halten sich am Mobiliar fest, Geschirr fällt zu Boden, dann geht das Licht aus. Mehr als 4220 Menschen an Bord ahnen noch nichts von der Katastrophe, die sie in den nächsten Stunden erleben werden. Auf der Kommandobrücke können Kapitän Francesco Schettino und seine Offiziere nicht fassen, einen Felsen gerammt und ihr Schiff auf der Seite aufgeschlitzt zu haben.

Es ist ein fataler Fehler, der 32 Menschen am 13. Januar 2012 das Leben kosten wird. Am Donnerstag jähren sich die Havarie und der Teiluntergang der «Costa Concordia» vor der kleinen, italienischen Mittelmeerinsel Giglio zum zehnten Mal.

FILE âÄ” The luxury cruise ship Costa Concordia lays on its starboard side after it ran aground off the coast of the Isola del Giglio island, Italy on Jan. 13, 2012. Italy is marking the 10th anniversary of the Concordia disaster with a daylong commemoration, honoring the 32 people who died but also the extraordinary response by the residents of Giglio who took in the 4,200 passengers and crew from the ship on that rainy Friday night and then lived with the Concordia carcass for another two years before it was hauled away for scrap. (AP Photo/Giuseppe Modesti)
Die «Costa Concordia» neigt sich am 13. Januar 2012, nachdem sie auf einen Felsen aufgelaufen ist, zur Seite. (Archiv)
Bild: Keystone

Zum Jahrestag gedenkt die Insel des Unglücks. Es wird ein Kranz niedergelegt vor der Marienstatue, die zu Ehren der Opfer im Hafen aufgestellt ist, daneben stehen auf einer Tafel die Namen der 32 Toten. Am Abend um 21.45 Uhr werden im Hafen Sirenen aufheulen – so wie jedes Jahr am 13. Januar. Um diese Uhrzeit vor zehn Jahren nahm eines der grössten Kreuzfahrt-Unglücke der Geschichte seinen Lauf.

Betroffene oder Angehörige werden nur wenige erwartet, unter anderem wegen Corona. Für viele sei die Vorstellung, nach Giglio zu kommen, zu bedrückend, sagt Hans Reinhardt. Der Anwalt betreute 30 Passagiere der «Costa Concordia», handelte Schadenersatz aus und trat im Strafprozess gegen Kapitän Schettino als Nebenkläger auf. Die Verfahren seien abgewickelt, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Das Unglück der «Costa Concordia».
Grafik: dpa

Die meisten Passagiere nahmen 14'000 Euro

Die meisten Passagiere haben ein Schadenersatzangebot für 14'000 Euro (gut 14'600 Franken) pro Person angenommen. Das Unternehmen Costa Crociere gab schon 2015 an, insgesamt mehr als 80 Millionen Euro (rund 83,7 Mio Franken) Schadenersatz gezahlt zu haben an die Gäste und auch Besatzungsmitglieder der Concordia.

Vergessen ist der Freitag, 13. Januar 2012, deswegen aber noch lange nicht. «Manche sagen, es käme ihnen vor, als sei das gestern gewesen», erzählt Reinhardt.

Die «Costa Concordia» war am Abend von Civitavecchia nahe Rom aus in See gestochen. Aus Prestigegründen – oder Angeberei – wollte Schettino sie so nah wie möglich an Giglio bringen, um den Hafen zu «grüssen» und den Gästen ein hübsches Fotomotiv bieten. Was sonst oft klappte, ging schief: Das fast 300 Meter lange Schiff schrammte unter Wasser einen Felsvorsprung, der schlitzte den Rumpf rund 70 Meter auf.

This photo acquired by the Associated Press from a passenger of the luxury ship that ran aground off the coast of Tuscany shows fellow passengers wearing life-vests on board the Costa Concordia as they wait to be evacuated, Saturday, Jan. 14, 2012. A luxury cruise ship ran aground off the coast of Tuscany, sending water pouring in through a 160-foot (50-meter) gash in the hull and forcing the evacuation of some 4,200 people from the listing vessel early Saturday, the Italian coast guard said. (AP Photo/Courtesy from tourist aboard the ship)
Passagiere warten auf der «Costa Concordia» auf ihre Evakuierung. (Archiv)
Bild: Keystone

Wasser strömte ein, das Schiff war schnell manövrierunfähig. Nur weil der Wind die Concordia gegen die Insel trieb, kam das Schiff dort auf einem Unterwassersockel mit starker Schräglage zum Liegen. Hätte der Wind anders geweht, wäre die Concordia aufs offene Meer getrieben und wohl komplett gesunken – mit noch viel schlimmeren Opferzahlen.

Viele waren im Rumpf eingeschlossen

Die Passagiere und die Küstenwache wurden eine Dreiviertelstunde lang im Unklaren gelassen. Als Crewmitglieder schon mit Schwimmwesten durch die Gänge liefen, sollten die Reisenden in den Kabinen bleiben und Ruhe bewahren. Erst gegen 22.30 Uhr rief man die Passagiere für die Evakuierung an Deck und meldete den Behörden den Notstand.

Das Schiff neigte sich immer mehr, die Lage wurde chaotischer. Manche Passagiere konnten in die Rettungsboote steigen und in den Hafen von Giglio fahren. Andere sprangen ins Wasser und schwammen die etwa 100 Meter an Land. Viele aber waren im Rumpf eingeschlossen.

epa03065434 A handout released by the Italian Coastguard showing a screen grab taken from an infra red camera on 14 January 2012 and released on 18 January of passegers leavings the wreck of the Costa Concordia after it hit rocks off Giglio Island on 13 January 2012. Reports on 18 January 2012 state that Italian divers suspended their search of the capsized cruise liner after the vessel shifted slightly on its resting place. EPA/ITALIAN COASTGUARD / HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES
Eine Luftaufnahme der italienischen Küstenwache zeigt wie Passagiere über den Rumpf des Schiffes von Bord gehen (Archiv)
Bild: Keystone

Der Passagier Matthias Hanke sagte in einer Dokumentation, die ab 13. Januar beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen ist, wie er und sein Kumpel zwei ältere Frauen im Schiffsinneren halfen. Als sie in einem Gang bei hüfthohem Wasser feststeckten, barsten neben ihnen die Türen des Fahrstuhls, es kam zu einem Sog. «Da gab's einen kurzen, heftigen Schrei von einer von den beiden Damen. Und da waren sie weg», schilderte Hanke. Die zwei Freunde konnten sich retten.

Unter den Opfern waren viele Senioren

Unter den Opfern waren viele Senioren, einige Crewmitglieder und auch ein sechsjähriges Mädchen. Einige Tote wurden von Tauchern erst in den Tagen nach dem Unglück gefunden, das 32. und letzte Opfer sogar erst beim Abwracken des Schiffs im August 2014 in Genua. Dorthin war die Concordia in einer aufwendigen Bergungsaktion gebracht worden.

Neben der Trauer rückte schnell die Schuldfrage um Kapitän Schettino in den Fokus. Der damals 51-Jährige wurde vor allem dafür kritisiert, das Schiff noch während der Evakuierung verlassen zu haben. Nachdem Schettino mit einem Rettungsboot auf eine Mole gelangt war, forderte ihn der Einsatzleiter der Küstenwache am Telefon zur Rückkehr auf. «Gehen Sie an Bord, verdammt noch mal!», brüllte Gregorio de Falco.

Die Aufzeichnung des Telefonats zementierte das Bild eines Kapitäns, der einerseits Grossmaul und Frauenheld war, andererseits aber ein Feigling. Letztlich war Schettino der einzige, der ins Gefängnis musste. Unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung wurde er im Februar 2015 in Grosseto in der Toskana zu 16 Jahren Haft verurteilt. Ein Berufungsgericht und auch das höchste italienische Gericht in Rom bestätigten später das Urteil.

Der Kapitän sitzt seit vier Jahren im Gefängnis

Seit viereinhalb Jahren sitzt Schettino nun im Gefängnis in Rom. Sein ehemaliger Anwalt Donato Laino gab zuletzt ein Interview und sagte, dass Schettino Alpträume habe. Er habe die 32 Toten nicht vergessen, fühle sich aber auch selbst als Opfer, berichtete Laino.

epa04102497 The captain of the 'Costa Concordia', Francesco Schettino (L) speaks to journalists in Giglio harbor after returning from the shipwrecked cruise liner of the Costa Criciere Lines at Giglio Island, Italy, 27 February 2014. Schettino returned to the site of the shipwreck for the first time since the disaster after the judge handling his manslaughter trial permitted him to board the vessel for legal inspection. chettino was at the helm of the cruiser when it crashed into rocks in January 2012 and capsized off the island of Giglio in a disaster in which 32 people died. (KEYSTONE/EPA/MAURIZIO DEGL'INNOCENTI)
Kapitän Schettino wurde als einziger zu einer Haftstrafe verurteilt. (Archiv)
Bild: Keystone

Dass die Äusserungen von Schettino stammen, dementierte sein aktueller Anwalt Saverio Senese prompt. Sein Mandat spreche schon seit langem nicht mehr öffentlich und hoffe auf eine baldige Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. In Strassburg hatte er 2018 Beschwerde gegen das Urteil aus Italien eingelegt.

Schettino sei nicht fair behandelt worden, ausserdem habe es eine mediale Kampagne gegeben. «Fare lo Schettino», den Schettino machen, ist heute in Italien ein geflügeltes Wort für Feigheit. Ein Gerichtssprecher sagte jüngst auf Anfrage, er rechne damit, dass der Fall 2022 bearbeitet werde.

Von Manuel Schwarz