Stiefmutter droht lebenslange Haft20 Jahre eingesperrt – Mann flieht mit Feuer aus dem Horror-Zimmer
tgre
9.4.2025
Eine Frau soll ihren Stiefsohn 20 Jahre lang eingesperrt haben. Ihr droht eine lebenslange Haftstrafe.
Bild:-/Waterbury Police Department/AP/dpa
Es ist eine Geschichte wie aus einem Horrorfilm: Ein 32-jähriger Mann ist von seinem Vater und seiner Stiefmutter 20 Jahre lang in einem kleinen Zimmer gefangen gehalten worden. Er rettete sich mithilfe eines Brandes.
tgre
09.04.2025, 20:19
Gianluca Reucher
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Ein heute 32-jähriger Mann ist in Connecticut (USA) 20 Jahre lang von seinem Vater und seiner Stiefmutter in einem kleinen Zimmer gefangen gehalten worden.
Er steckte sein Zimmer schliesslich in Brand, um gerettet zu werden. Als die Feuerwehr ihn fand, wog er nur noch 31 Kilo.
Der Vater verstarb Anfang 2024, der Stiefmutter droht nun eine lebenslange Haftstrafe. Sie plädiert auf «nicht schuldig».
Fast 20 Jahre lang sah ihn niemand. Kein Schulfreund, kein Nachbar, kein Arzt. Erst ein Feuer brachte ans Licht, was sich hinter den Türen eines unscheinbaren Hauses in Waterbury, Connecticut (USA), abgespielt hatte: Ein heute 32-jähriger Mann war seit seinem zwölften Lebensjahr in einem kleinen Zimmer eingesperrt worden – von seinem Vater und dessen Ehefrau. Das berichtet die "New York Times" nun mit neuen Details.
Als ein Feuerwehrmann am 17. Februar die Küche betrat, entdeckte er eine ausgemergelte Gestalt am Boden. Er nahm sie auf den Arm – und erschrak: «Es war, als hielte ich nichts», sagte er später.
Im Krankenwagen sprach der Mann zum ersten Mal seit Jahren mit Aussenstehenden. Er erzählte, wie er in einem kleinen Zimmer gefangen war. Tag für Tag. 23 Stunden lang. Er durfte nicht zur Schule. Nicht zum Arzt. Kein Freund besuchte ihn. Toilettengänge? Auf Zeitungspapier. Den Urin musste er durch das Fenster in den Garten entsorgen.
Er war 1,75 Meter gross und wog nur 31 Kilo. Seine Zähne waren so verfault, dass sie beim Essen oft abbrachen. Geduscht hatte er zuletzt vor über einem Jahr. Bücher und ein altes Radio waren seine einzigen Begleiter. Die meiste Zeit stand er am Fenster und zählte die Autos, die an dem Haus vorbeifuhren.
Wie ein Feuerzeug und Druckerpapier zur Flucht führte
Seine Flucht begann mit einem Funken. Wörtlich. In einer alten Jacke, die ihm seine Stiefmutter gegeben hatte, fand er ein vergessenes Feuerzeug. Zusammen mit einem Desinfektionsmittel, das er bei einem seiner kurzen Ausflüge aus dem Zimmer geklaut und zufällig als entflammbar erkannt hatte, setzte er einen Stapel Druckerpapier in Brand. Wenn er nicht sterbe, dachte er sich, werde ihn vielleicht jemand retten. Und das passierte.
Er gestand sofort, dass er das Feuer selbst gelegt hatte. Die Polizei glaubte ihm. Ermittlungen ergaben, dass er tatsächlich über zwei Jahrzehnte in dem versiegelten Raum in dem Haus lebte. Die Tür war von aussen mit einem Schiebeschloss gesichert, später mit Holzplatten verstärkt. Laut Polizei eindeutig: «Diese Tür sollte jemanden drin halten.»
Dass etwas mit dem Jungen nicht stimmte, war vielen längst klar. Lehrer, Nachbarn, sogar sein damaliger Grundschulrektor hatten über Jahre immer wieder das Jugendamt und die Polizei alarmiert. Der Junge sei so hungrig gewesen, dass er Essen stahl und aus dem Müll ass. Doch offizielle Stellen kamen stets zu dem Schluss, dass alles in Ordnung sei.
2005 wurde er schliesslich von der Schule genommen – angeblich zur häuslichen Beschulung. Danach verschwand er aus dem öffentlichen Leben.
Stiefmutter plädiert auf «nicht schuldig»: Ihr droht lebenslange Haft
Erst nach dem Brand fand die Polizei heraus, was mit ihm passiert war. Seine 57-jährige Stiefmutter wurde Ende März festgenommen. Sie steht unter anderem wegen Entführung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung vor Gericht. Sollte sie verurteilt werden, droht ihr lebenslange Haft. Sie plädiert auf «nicht schuldig».
Ihr Anwalt sagt: «Sie besteht darauf, nichts Unrechtes getan zu haben.» Die Verantwortung liege beim Vater, der Anfang 2024 verstarb. «Sie war nicht seine Mutter», so der Anwalt. Sie habe weder entschieden, ob er zur Schule gehe, noch, was er esse oder ob er einen Arzt sehe. Ausserdem stellt er den Wahrheitsgehalt der Aussagen des Mannes infrage: «Wo sind die Fesseln? Wo die Ketten?»
Während die beiden Töchter der Familie offenbar ein normales Leben führten, ahnten viele Nachbarn nicht einmal, dass es einen dritten Jungen im Haus gab. «Ich habe nie gewusst, dass da noch ein Kind lebt», sagte ein Anwohner laut «New York Times».
Auch die Halbschwester des Mannes hatte Jahrzehnte nach ihrem Bruder gesucht – vergeblich. «Du kannst niemanden finden, der offiziell nicht existiert», sagte sie. Sie traf ihn ein einziges Mal – da war sie drei. «Er hat nie ein Konzert gesehen, nie einen Film, nie sich verliebt. Das zerreisst mich.»
«Warum läuft sie draussen rum, während ich 20 Jahre lang eingesperrt war?»
Der Mann wird derzeit medizinisch und psychologisch behandelt. Laut Gericht leidet er unter Muskelabbau und deformierten Knien. Zudem ist eine spezielle Diät notwendig, um eine lebensbedrohliche Stoffwechselstörung zu vermeiden. Die gemeinnützige Organisation «Safe Haven of Greater Waterbury» koordiniert seine Betreuung. Eine Spendenkampagne hat über 200.000 Dollar eingebracht. Öffentlich geäussert hat sich der Mann bislang nicht.
Auch seine leibliche Mutter hat ihn bislang nicht sprechen können. Sie gab ihn kurz nach der Geburt in die Obhut des Vaters. Sie dachte damals, es sei das Beste. «Ich habe nur geweint, geschrien, gezittert. Es ist ein Albtraum», sagte sie nun, nach dem sie ihren Sohn nach all der Zeit erst auf den Aufnahmen seiner Rettung wiedersah. Doch eines will sie festhalten: «Ich bin so stolz auf ihn. Unendlich stolz.»
Bei einer Anhörung, bei der ein Richter die angeklagte Stiefmutter anordnete, während ihrer Freilassung auf Kaution eine Fussfessel zu tragen, erklärte der Staatsanwalt, dass die ersten Worte des Mannes waren, als er ihn traf: «Warum läuft sie draussen rum, während ich 20 Jahre lang eingesperrt war?»