Ein Kuss, Millionen Klicks, 60 Morddrohungen Jetzt bricht die Frau in der Kiss-Cam-Affäre ihr Schweigen 

Maximilian Haase, dpa

19.12.2025 - 18:56

Hat alles ins Rollen gebracht: Das heimliche Paar wird von einer Kiss-Cam an einem Coldplay-Konzert erwischt.
Hat alles ins Rollen gebracht: Das heimliche Paar wird von einer Kiss-Cam an einem Coldplay-Konzert erwischt.
IMAGO/Bestimage

Auf einen Kiss-Cam-Kuss folgten Hass und Drohungen: Nach dem Eklat um das viral gegangene Video einer Frau und ihres Chefs bei einem Konzert, hat sich die Betroffene nun erstmals zur schweren Zeit danach geäussert. 

Maximilian Haase, dpa

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Eine Frau und ihr Chef wurden auf einem Coldplay-Konzert im Sommer küssend von einer Saalkamera ertappt.
  • Das Video der sogenannten Kiss-Cam ging im Netz viral und wirkt im Leben der betroffenen Frau bis heute nach.
  • In einem Interview äusserte sich die 53-Jährige nun erstmals zu den Hassbotschaften und Todesdrohungen, die sie nach dem Eklat erhielt.

Ein Kuss, der Karrieren und Leben zu zerstören droht: Im Juli 2025 wurde die US-Managerin Kristin Cabot bei einem Coldplay-Konzert auf der Stadionleinwand gezeigt – küssend und eng umarmt mit ihrem damaligen Chef, dem CEO eines Techunternehmens. Ein TikTok-Video der so genannten Kiss-Cam ging viral und erreichte innerhalb weniger Tage rund 100 Millionen Aufrufe. Der darauf folgende Shitstorm wirkt bis heute nach.

In einem ersten Interview hat die 53-Jährige nun davon berichtet, wie sie seither Hass und Todesdrohungen ausgesetzt sei. Viele Tage lang habe sie nach dem Vorfall ihr Zimmer nicht verlassen, sagte Cabot der «New York Times».

Manche Todesdrohungen sehr detailliert

In Online-Kommentaren sei sie als «Schlampe» oder «Ehebrecherin» beschimpft worden, die es nur auf das Geld ihres Chefs abgesehen habe. Auch ihr Aussehen sei genau analysiert worden, schilderte die Mutter zweier Teenager. Sogar bestimmte Körperteile seien bewertet und für nicht hübsch genug befunden worden. 

Cabot habe zeitweise Hunderte Anrufe pro Tag und nach eigenen Angaben «50 oder 60» Morddrohungen erhalten. Paparazzi hätten vor ihrem Haus gelauert, Fremde sie im Alltag beleidigt. Besonders belastend sei die Wirkung auf ihre beiden jugendlichen Kinder gewesen, die zeitweise Angst gehabt hätten, ihre Mutter könne getötet werden.

Die meisten Todesdrohungen könne sie ignorieren, schwer sei es nur, wenn klar zu erkennen sei, dass der Autor des Schreibens verrate, dass er ihre Gewohnheiten kenne. «Ich weiss, dass du bei Market Basket einkaufst, und ich werde dich finden», habe etwa jemand geschrieben. 

«Das ist der Preis, den ich gezahlt habe»

Nach ihren Worten war der auf TikTok Millionen Mal geklickte Kuss der erste und letzte zwischen ihr und ihrem damaligen Boss Andy Byron. Vorausgegangen seien einige Tequila-Cocktails. Cabot war zu diesem Zeitpunkt Chief People Officer, also oberste Personalverantwortliche des Unternehmens. Privat habe sie bereits getrennt von ihrem zweiten Ehemann gelebt und über die Scheidung verhandelt.

Rückblickend beschreibt Cabot den Abend als persönliche Fehlentscheidung, nicht als Affäre. «Ich habe einen Fehler gemacht. Und dafür habe ich meine Karriere aufgegeben. Das ist der Preis, den ich gezahlt habe», zitiert sie die «NYT». Zugleich stellt sie klar: «Man darf Fehler machen. Aber man muss dafür nicht mit dem Tod bedroht werden.»

Vollständiger Rückzug nach dem Vorfall

In dem bei einem Konzert der britischen Rockgruppe Coldplay nahe Boston entstandenen Video ist der Moment zu sehen, in dem das Paar sich selbst auf der Leinwand im Saal erkennt. Die Frau schlägt die Hände vors Gesicht und wendet sich ab, der Mann geht in die Hocke und versteckt sich. Beide Manager gaben danach ihre Jobs auf.

Nach dem Vorfall habe sie sich zunächst vollständig zurückgezogen, um sich um ihre Kinder, ihre Familie und ihren Job zu kümmern, so Cabot. Sie habe sich nur in geschlossenen Räumen sicher gefühlt und oft nicht gewusst, wie sie ihre Kinder versorgen sollte. Erst Monate später kehrte langsam etwas Normalität zurück: therapeutische Hilfe für die Kinder, Sport, kleine Schritte in die Öffentlichkeit.

Nun entschied sie sich, erstmals öffentlich zu sprechen, weil Schweigen für sie nicht länger tragbar war.

Viele persönliche Angriffe von Frauen

Eine zentrale Frage für Cabot ist, warum das Video eine solche Wucht entfaltete. Die Medienforscherin Brooke Duffy von der Cornell University ordnet den Fall in der «New York Times» als modernes Ritual öffentlicher Beschämung ein. Skandale um Frauen würden genutzt, um moralische Urteile auszutragen. Zwar sei auch der Mann kritisiert worden, so Duffy, aber der Schwerpunkt der Kritik sei bei ihr gelandet.

Besonders schmerzhaft hat Cabot das Schweigen von Freunden und Kolleginnen erlebt. «Wenn mir die Leute deswegen den Rücken zukehren, ist das viel schlimmer, als wenn jemand mich an der Tankstelle anschreit». Auffällig sei für sie ausserdem, dass viele der persönlichen Angriffe von Frauen gekommen seien: «Was ich in den letzten Monaten gesehen habe, macht es mir schwer zu glauben, dass es nur an den Männern liegt, die uns zurückhalten.»

Sie fragt sich bis heute: «Kann man nicht kurz stoppen und fragen, ob es vielleicht auch eine andere Version dieser Geschichte gibt? Das ist völlig ausser Kontrolle geraten.»