«Nun wieder sexy» Nicht nur für Männer wichtig: Warum immer mehr Frauen Testosteron einnehmen

Marjorie Kublun

14.3.2026

«Du wirst dich wieder sexy finden, ich weiss, wovon ich rede»: Kate Winslet teilt ehrlich ihre Erfahrungen mit der Einnahme von Testosteron.
«Du wirst dich wieder sexy finden, ich weiss, wovon ich rede»: Kate Winslet teilt ehrlich ihre Erfahrungen mit der Einnahme von Testosteron.
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Östrogene gelten als Standardtherapie in den Wechseljahren – doch immer mehr Frauen schwören auf Testosteron. Stars wie Kate Winslet und Halle Berry loben die Wirkung. Eine Hormonwissenschaftlerin erklärt im Interview mit blue News, was tatsächlich dahintersteckt.

Marjorie Kublun

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Östrogene gelten als Standardtherapie in den Wechseljahren.
  • Bei Frauen beginnt der Testosteronspiegel bereits zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr schleichend zu sinken.
  • Stars wie Kate Winslet und Halle Berry haben ihre Testosteronersatztherapie öffentlich gemacht.
  • Für die Hormon-Expertin Katharina Maria Burkhardt ist es das «unterschätzte Frauenhormon».

Spätestens in den Wechseljahren rücken Hormone für viele Frauen in den Fokus. Bei Beschwerden kommen meist Östrogene zum Einsatz. Doch immer häufiger fällt auch ein anderes Wort: Testosteron. Das «Männerhormon» soll nicht nur Energie, Stimmung, Muskelkraft und Knochendichte verbessern, sondern auch die Libido.

Während viele Frauen Testosteron gar nicht auf dem Radar haben, sprechen prominente Stimmen offen darüber: Schauspielerin Halle Berry sagte in einem Podcast, ihre Libido sei seit der Testosteron-Einnahme zurück und sie habe mit 57 Jahren wieder mehr Energie. Schauspielerin Kate Winslet berichtete, sie habe sich mit 48 Jahren einer Testosteronersatztherapie unterzogen und fühle sich «nun wieder sexy». Sie ermutigt Frauen, sich auf Testosteronmangel testen zu lassen. Schauspielerin Kate Hudson äusserte sich ebenfalls öffentlich über Testosteron: Sie habe erfahren, dass sie eine «Frau mit hohem Testosteronspiegel» sei. Die Schauspielerin lässt ihre Hormonwerte alle sechs Monate überprüfen.

Wie wichtig ist Testosteron denn wirklich für Frauen? blue News hat dazu die Hormonwissenschaftlerin Katharina Maria Burkhardt befragt.

Testosteron gilt als Männerhormon. Ist das ein medizinischer Irrtum?

Katharina Maria Burkhardt: Es ist vielmehr ein hartnäckiges soziales Klischee. Wir haben Testosteron kulturell in die Schublade «Männlichkeit, Muskeln und Aggression» gesteckt und dabei völlig übersehen, dass die weibliche Physiologie ohne dieses Hormon gar nicht rund laufen würde.

Warum?

Wenn wir die soziale Brille abnehmen und rein biologisch schauen, wird klar: Testosteron ist für Frauen ein wichtiger Motor der Gesundheit – weit über die Libido hinaus. Es stärkt Knochen und Muskeln, unterstützt die Knochendichte und hilft, Muskelmasse zu erhalten. Im Gehirn fördert das Hormon die Bildung neuer Nervenzellen und damit Lern- und Gedächtnisleistung – sinkende Androgenspiegel können in den Wechseljahren zum bekannten «Brain Fog» beitragen. Zudem beeinflusst Testosteron Stimmung, Selbstbewusstsein und Antrieb und spielt auch für das Herz-Kreislauf-System eine Rolle, etwa für die Elastizität der Blutgefässe. Testosteron ist damit kein «männliches» Extra, sondern ein zentrales Hormon für Vitalität und Resilienz.

Zur Expertin: Katharina Maria Burkhardt
Patrycia Lukas

Katharina Maria Burkhardt ist seit über zwanzig Jahren als Hormonwissenschaftlerin, Supervisorin und Lehrende tätig und hat sich auf die Erforschung hormoneller Ungleichgewichte und deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden spezialisiert. Sie ist die wissenschaftliche Leitung der Gesellschaft für humanidente Hormone und hält regelmässig Vorträge und Seminare zum Thema humanidente Hormone im deutschsprachigen Raum. Sie tritt auch als Speakerin bei unterschiedlichen Kongressen auf und ist vielfache Autorin von Fachbüchern.

Die Einnahme von Östrogenen bei Wechseljahrsbeschwerden ist Standard, Testosteron dagegen nach wie vor unüblich: Fehlt es an Studien oder am Mut, es zu verschreiben?

Da es keine offiziell zugelassenen Testosteronpräparate für Frauen gibt, müssen Ärzte im sogenannten Off-Label-Use auf Männerprodukte zurückgreifen. Das führt zu Dosierungsproblemen: Frauen benötigen nur einen Bruchteil der männlichen Dosis, weshalb Gels oder Beutel oft mühsam aufgeteilt werden müssen – etwa auf einen Zehntel. Solche Schätzungen sind im Alltag ungenau, können zu Spiegelschwankungen und androgenen Nebenwirkungen führen. Für Ärzte bedeutet diese Kombination aus fehlenden Langzeitdaten und unpräziser Dosierung ein rechtliches Risiko – weshalb Testosteron trotz seiner möglichen Bedeutung für die Lebensqualität oft ungenutzt bleibt.

Wie leicht oder schwierig ist es Ihrer Einschätzung nach, dass Frauen Testosteron von ihrem Arzt verschrieben bekommen?

Die Frage, wie einfach eine Frau Testosteron von ihrem Arzt verschrieben bekommt, hängt natürlich sehr stark von der individuellen Einstellung des Arztes ab. Allgemein ist es aber eher so, dass das medizinische System Testosteron bei Frauen oft weder «auf dem Schirm» hat, noch rechtlich darauf vorbereitet ist.

Ab welchem Alter sinkt der Testosteronspiegel bei Frauen?

Bei Frauen beginnt der Testosteronspiegel bereits zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr schleichend zu sinken. Ein markanter Abfall erfolgt schliesslich während der Wechseljahre und in der Postmenopause, sobald die Hormonproduktion der Eierstöcke nachlässt.

Woran erkennt eine Frau, dass sie einen Testosteron-Mangel hat?

Ein Testosteronmangel bei Frauen äussert sich oft weniger durch ein einzelnes, lautes Signal als durch einen schleichenden Rückgang der allgemeinen Vitalität. Das offensichtlichste Anzeichen ist meist ein vermindertes sexuelles Verlangen, doch die Auswirkungen zeigen sich auch im Alltag: Betroffene fühlen sich häufig schneller erschöpft, klagen über einen allgemeinen Energieverlust oder bemerken eine gedrückte Stimmung und ein vermindertes Selbstbewusstsein.

Welche körperlichen Auswirkungen hat ein Mangel bei Frauen?

Auch auf körperlicher Ebene spielt das Hormon eine tragende Rolle – wortwörtlich: Ein niedriger Spiegel schwächt langfristig die Knochendichte, was das Risiko für Osteoporose und Brüche erhöht. Da Testosteron zudem essenziell für den Erhalt der Muskulatur ist, kann ein Mangel zu einem Abbau an Spannkraft führen. Das betrifft auch den Beckenboden, dessen Funktion für die Prävention von Inkontinenz entscheidend ist. Testosteron ist somit ein stiller, aber wichtiger Begleiter für die körperliche und mentale Balance.

«Unsere Hormone sind wie kleine Diven»

Katharina Maria Burkhardt

Hormonwissenschaftlerin

Wo liegen aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich die Risiken und Chancen bei der Zufuhr von Testosteron?

Das Risiko liegt in der pauschalen Dosierung, die Chance in der Präzisionsmedizin. Betrachtet man Testosteron nicht als «Männerhormon», sondern als Werkzeug für Stoffwechsel und Lebensqualität, eröffnen sich neue Therapieansätze. Statt Frauen mit Hormonen zu fluten, geht es darum, gezielt die Lücken zu füllen, die das Hormonsystem instabil machen. Davon profitieren nicht nur Psyche und Stoffwechsel, sondern auch Muskeln – inklusive Beckenboden – was Harninkontinenz vorbeugt.

Welche Nebenwirkungen können für Frauen auftreten?

Bei zu hohen, sogenannten supraphysiologischen Dosen können androgene Nebenwirkungen wie Akne oder verstärkte Körperbehaarung auftreten. Das grösste wissenschaftliche Fragezeichen betrifft jedoch die Langzeitsicherheit: Da Testosteron im Gewebe durch das Enzym Aromatase in Estradiol umgewandelt werden kann, ist die Datenlage komplex. Während einige Studien sogar eine schützende Wirkung auf das Brustgewebe vermuten, fürchten Kritiker, dass es das Wachstum hormonabhängiger Tumore fördern könnte. Hier fehlen schlichtweg die belastbaren 20-Jahres-Daten, um letzte Gewissheit zu schaffen.

Kann ich meinen Testosteronspiegel auf natürliche Art und Weise steigern, oder geht das nur durch Supplementierung?

Ein gesunder Lebensstil ist die Basis jeder Hormonbalance. Eine Ernährung mit hochwertigen Fetten aus Avocados, Nüssen oder Olivenöl liefert die Bausteine für die Hormonproduktion. Doch damit das System richtig läuft, braucht es auch Mikronährstoffe wie Zink, Vitamin D3, Magnesium, B6 und Eisen. Fehlen sie, fühlt man sich einfach unrund. Pflanzen wie Maca oder Ginseng können sanft unterstützen. Auch Sport stimuliert die Hormone, zu viel Ausdauertraining oder chronische Belastung dagegen versetzen den Körper in einen Stresszustand und hemmen sie.

Welche Rolle spielt eine gesunde Selbstfürsorge?

Ganz entscheidend ist eine gesunde Bedürfniskultur. Denn mal ehrlich: Unsere Hormone sind wie kleine Diven – sie brauchen ein stabiles Umfeld, um glänzen zu können. Wer seine eigenen Bedürfnisse ignoriert und ständig im Überlebensmodus rennt, darf sich nicht wundern, wenn das Hormonorchester eher schräge Töne spuckt. Wer aber lernt, «Nein» zu sagen und die eigenen Batterien rechtzeitig aufzuladen, baut das stabilste Fundament für seine hormonelle Balance. Kurzum: Sei deine eigene beste Verbündete, statt dein härtester Antreiber.

Ist Testosteron in Ihren Augen ein unterschätztes Frauenhormon?

Definitiv. Testosteron ist für Frauen das wohl am stärksten missverstandene und unterschätzte Hormon. Während es gesellschaftlich fast ausschliesslich mit Männlichkeit assoziiert wird, produziert der weibliche Körper im fortpflanzungsfähigen Alter absolut betrachtet tatsächlich mehr Testosteron als Estradiol (Hormon, das u.a. für den Menstruationszyklus zuständig ist, Anm.d.Red). Es ist kein «Nebenprodukt», sondern ein zentraler biologischer Antrieb – für nahezu alles, was im Leben Spass macht.


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