Novembergrau Adé: Mit der Nebelkarte die Sonne finden

27.11.2018 - 16:59, Nicolai Morawitz

Interessiert sich für das Wetter und Geodaten: Informatikprofessor Stefan Keller hat sich die Nebelkarte ausgedacht.
Bluewin/mn

Um dem zähen Hochnebel in den kalten Monaten entfliehen zu können, hat der Informatikprofessor Stefan Keller die Nebelkarte entworfen. «Bluewin» hat die Probe aufs Exempel gemacht und ist mit ihm im Zürcher Oberland auf den Bachtel gefahren, um nach der Sonne über der Nebelsuppe Ausschau zu halten.

Ein Blick auf die Nebelkarte genügt – und Stefan Keller ist sich sicher: Auf dem Bachtel wird sich heute die Sonne zeigen. Tatsächlich bewahrheitet sich einige Fahrminuten später: Das von ihm entwickelte Programm liegt richtig. Im Tal liegen die Dörfer unter einer Nebelglocke, in der Ferne ragen die schneebedeckten Alpen in den blauen Himmel.  

Keller, der als Informatikprofessor an der Hochschule für Technik Rapperswil arbeitet, hat 2011 mit der Entwicklung der Nebelkarte begonnen. Auf die Idee sei er durch den österreichischen Autobahnbetreiber ASFINAG gekommen, dieser hat ein Warnsystem für Bodennebel entwickelt. Der Professor war sich sicher, dass er ein ähnliches System mit geringerem Aufwand auch in der Schweiz betreiben könnte.

«Zunächst habe ich die Informationen für die Nebelkarte über Webcams gewinnen können», sagt Keller. Mit den Angaben seien im Gegensatz zum heutigen System aber keine Vorhersagen möglich gewesen. 

Nebelmeer wie eine Badewanne

Keller stützt sich in der aktuellen Version auf verschiedene Quellen: Einerseits auf das freie Kartenprojekt OpenStreetMap, andererseits zapft er die Informationen der Schweizer Meteocentrale an. Der Wetterdienst bekommt die Informationen wiederum von Wetterballons, die im waadtländischen Payerne und im französischen Strassburg zwei Mal täglich Messflüge durchführen.

Das Programm der Nebelkarte könne mit einer Badewanne verglichen werden, so Keller: Die Informationen über den Hochnebel bestimmen laut dem Geoinformatiker den «Wasserstand». So wird dann auf der Karte ersichtlich, welche Berggipfel noch aus dem Nebelmeer herausragen.

Freie Sicht auf Etzel und Glarner Alpen. Im Tal dagegen berührt der Nebel gefühlt die Nasenspitzen der Menschen.
Bluewin/mn

Das Leid des Mittellands

«Der Hochnebel ist ein interessantes Phänomen», sagt Keller. Es trete in der Regel zwischen Oktober und April auf. Am stärksten betroffen seien die Menschen im Mittelland — 25 Tage im Durchschnitt müssten sie den grauen Nebel ertragen. Das habe zur Folge, dass es in den Voralpenregionen in diesen Zeiten sogar wärmer sei als im Flachland und auch Sonnentage häufiger seien. «Der Temperaturunterschied kann bis zu 20 Grad betragen», so der Nebelkarten-Erfinder.

Der Clou der Nebelkarte ist, dass sie Prognosen von zwei Tagen im Voraus zulässt. Gleichwohl ist Keller mit seinem Projekt noch nicht ganz zufrieden: In Zukunft will er neben den ÖV-Haltestellen auch Fahrpläne mit der Karte verknüpfen. Zudem sollen Parkplätze ersichtlich sein. Und weil wanderwillige Sonnenanbeter irgendwann hungrig werden, sollen auch die Öffnungszeiten von Restaurants in der Nähe der 'Sonnen-Spots' integriert werden. 

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