«Jetzt zu sagen, die Pille macht depressiv, greift zu kurz»

Philipp Dahm

23.11.2018 - 15:29

Verunsicherung um Antibabypille: Neue Daten legen ein gesteigertes Risiko für Depression und Suizid-Gedanken nahe.
Bild: Keystone

Riesen-Wirbel um die Antibabypille: Bluewin fragt eine Expertin des Basler Unispitals, wie sie eine Studie einordnet, die Hormon-Verhütung mit Suizid und Depression in Verbindung bringt.

Schlagzeilen wie «Antibabypille erhöht das Suizidrisiko» («20 Minuten») oder «Pille: Suizid als Nebenwirkung» («Aponet») haben in den vergangenen Tagen Frauen aufgeschreckt und beunruhigt. Die Artikel berufen sich auf dänische Forscher, die 2016 Daten von mehr als eine Million Frauen ausgewertet. Das Ergebnis: Frauen, die hormonell verhüten, haben 70 Prozent häufiger Antidepressiva bekommen als jene, die andersweitig Empfängnis vermeiden.

Dieser Effekt nimmt zu, je weiter hinten die Frauen auf der Altersskala zwischen 15 bis 34 Jahren liegen. Ein Jahr später haben die Wissenschaftler überprüft, ob sich jene Frauen auch entsprechend öfter das Leben nehmen. Sie werden bestätigt: Das Risiko ist um 50 Pozent grösser. Braucht die Schweiz nun Warnhinweise?  Ist die Pille ein Problem? Wer muss bei der hormonellen Verhütung aufpaasen? Bluewin hat Professor Doktor Sibil Tschudin, leitende Ärztin Psychosomatik am Basler Unispital, um eine Einordnung gebeten.

Die Gynäkologin Prof. Dr. Tschudin ist leitende Ärztin Psychosomatik an der Frauenklinik des Universitätspitals Basel.
Bild: Unispital BS

Alle reden plötzlich über die Kobination Pille und Psychologie: Die gerade so heiss diskutiuerten Neuigkeiten werden Sie nicht überrascht haben.
Es ist eine Tatsache, dass sich weibliche Hormone auf die Stimmung auswirken können: Die meisten Frauen kennen das von den Schwankungen bei den körpereigenen Hormonen während des Zyklus. Und wer ein ausgeprägtes Prämenstruelles Syndrom hat, reagiert auf die Pille vielleicht nicht gut. Aber Reaktionen, wie zeitweilige Stimmungstiefs sind nicht gleichzusetzen mit einer eigentlichen Depression.

Also macht die Pille doch nicht depressiv?
Die Daten weisen erstmal bloss auf eine Assoziation hin: In der Gruppe der Frauen, die irgendein hormonelles Verhütungsmittel anwendeten, wurden mehr Depressionen festgestellt. Es betraf also nicht nur die Pille, sondern die Mini-Pille, das Implantat und die Hormonspirale. Rückschlüsse darüber, ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und Depression besteht, lassen sich aber aus diesen Daten nicht ziehen.

Wie hätte das ausgesehen?
Mit einer Studie, bei der nach dem Zufallsprinzip eine Gruppe von Frauen  die Pille einnimmt und die andere nicht und man dann schaut, in welcher Gruppe mehr Frauen depressiv werden. Mit aus Register zusammengeführten Daten, wie dies in der dänischen Studie der Fall war, ist dies nicht möglich.

Können Sie das mit einem Beispiel veranschaulichen?
Die Tendenz zur Depression war bei jungen Frauen am ausgeprägtesten. Aber junge Frauen, die nicht verhüten oder keine Verhütung brauchen, sind möglicherweise überhaupt nicht in ärztlicher Betreuung. So besteht auch nicht die Gelegenheit auf eine Depression aufmerksam zu werden und diese zu behandeln.

Wie interpretieren Sie das Ergebnis aus Kopenhagen?
Jetzt zu sagen, die Pille macht depressiv, greift zu kurz. Ich sehe die Studie als Signal, dass wir bei depressiven Verstimmungen achtsamer sein müssen: Wir sollten Frauen öfter auf die möglichen Auswirkungen auf die Psyche hinweisen und sie auf ihre Reaktionen häufiger ansprechen.

Eine pauschale Ächtung als Hormonbombe wird der Pille also nicht gerecht?
Nein, das könnte im Gegenteil auch ungute Folgen haben, nämlich dass auf breiter Basis nicht mehr richtig verhütet wird und es dann zu mehr unerwünschten Schwangerschaften kommt – mit allen Belastungen, die das dann mit sich bringt.

Hat sich die Pille mit den Jahrzehnten denn modernisiert?
Im Vergleich zu den 60ern ist die Hormondosis natürlich viel geringer und die Pille besser verträglich. Im Unterschied zu früher steht Paaren heute aber eine viel grössere Palette von Verhütungsmethoden zur Verfügung. Auf der ärztlichen Seite muss geprüft werden, ob medizinisch etwas gegen eine bestimmte Methode spricht.

Wie Feminismus vor 50 Jahren diksutiert wurde:

Was sollten Frauen neben der Thrombose-Neigung noch abklären?
In erster Linie muss man das cardiovaskuläre Risiko genau prüfen. Dafür wird in der Anamnese nach einer familiäre Thromboseneigung gefragt und es werden u.a. Blutdruck und Gewicht gemessen. Auf andere vielleicht unangenehme, aber nicht gravierende Nebenwirkungen kann man hinweisen, ob sie auftreten erfährt die Frau dann während der Anwendung der Pille. Dass Suizidalität durch die Pille gefördert wird, kann zurzeit nicht als erwiesen betrachtet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein so schwerwiegendes Ereignis eintritt, ist insgesamt jedenfalls äusserst gering.

Und wenn jemand depressiv reagiert?
Dann sollte vorzugsweise auf ein nichthormonelles Verhütungsmittel gewechselt werden. Spiralen wären alternativ ein sicheres Verhütungsmittel. Geht es hingegen um das cardiosvaskuläre Risiko, dann müssen einfach östrogenhaltige Präparate vermieden werden.

In Deutschland werden künftig Beipackzettel vor dem Risiko warnen. Swissmedic hat bekannt gegeben, dass auch in der Schweiz ein entsprechender Warnhinweis auf den Beipackzettel muss

Weil Promis auch nur Menschen sind, haben auch sie psychische Probleme:


Brauchen Sie Hilfe?

Hier können Sie darüber reden:
Dargebotene Hand:Tel. 143, 143.ch
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: U25-schweiz.ch

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, 147.ch
Kirchen: Seelsorge.net


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